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Foto: Ein Mann steht in der zerstörten Stadt Barzeh auf einer Treppe.

Ein Mann steht in der zerstörten Stadt Barzeh auf einer Treppe.© dpa

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Krise

Nahost-Expertin: Syrien als Gesamtstaat könnte zerfallen

Nahost-Expertin Margret Johannsen vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität in Hamburg erklärt, welche Akteure im Syrien-Krieg mitmischen, und warum eine Lösung schwer wird.

Hannover/Hamburg. Haben Sie noch einen Überblick, wer in Syrien wen bekämpft?
Ja, ich verfolge das im Detail, aber gebe zu, dass der Begriff „Unübersichtlichkeit“ zutrifft. Die Lage vor Ort ist sehr dynamisch, verändert sich von Tag zu Tag ...

... auch die Loyalitäten?
Nein, es gibt verschiedene Akteure, auch viele verschiedene Rebellengruppen. Aber es gibt klare Allianzen – interne und außerhalb der Region. Saudi-Arabien etwa hält zu den Rebellen und sieht sich gegenüber dem Assad-Regime und der damit verbündeten Hisbollah als Gegenspieler zum Iran. Saudi-Arabien sieht sich als Schutzherr der Sunniten gegen die Schiiten, die von Teheran unterstützt werden. Allerdings ist dies kein Religionskrieg, sondern es geht um Macht.

Dann gibt es die Türken, die gegen die Kurden kämpfen.
Das ist ein Sonderproblem. Es gibt im Norden Iraks eine relativ breite, allerdings nicht durchgängige Zone, die von mit der PKK verbündeten kurdischen Milizen kontrolliert wird. Für den türkischen Präsidenten Erdogan ist das eine Bedrohung. Denn die Erfolge der syrischen Kurden gegen den selbst ernannten Islamischen Staat könnten die türkischen Kurden ermutigen, nach einer Verbesserung ihrer Lage – sprich Autonomie – zu streben. Da das nicht im Interesse Ankaras ist, besteht der Verdacht, dass die Türkei allerhöchstens halbherzig den IS bekämpft. Die Kurden aber begegnen dem IS am Boden recht erfolgreich – die Türkei spielt hier also eine zwielichtige Rolle, indem sie die Kurden bombardiert und mit Artillerie beschießt.

Und weil Erdogan uns die Flüchtlinge fern halten soll, halten wir uns mit der Kritik zurück?
So zynisch kann man es ausdrücken. In der Tat gibt es Vereinbarungen mit der Türkei. Deren Aufgabe ist es nach dem Wunsch der deutschen Regierung, die Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Wo sollen die auch sonst hin, sie können ja nur erst einmal in die benachbarte Türkei flüchten. Von dort aus könnten sie weiter, wenn man sie denn lässt. Aber das soll verhindert werden. Deswegen verkneift man sich Kritik an der Türkei als zwielichtiger Akteur. Das nennt man Realpolitik.

Die Wichtigen der Welt sind in diesen Konflikt involviert. Was kann daraus entstehen?
Es ist eine Region mit sehr vielen Gewaltkonflikten. Die Tatsache, dass sich die USA und Russland auf verschiedenen Seiten positioniert haben, erinnert manche an den alten Ost-West-Konflikt. Aber die USA und Russland stehen sich nicht direkt gegenüber, wie es bis 1989 im geteilten Deutschland war. Die beiden Mächte führen übrigens schon lange in der Nahostregion Stellvertreterkriege. Russland ist seit 60 Jahren mit Syrien verbündet, ist dessen wichtigster Waffenlieferant. Washington hat seit 2007 mit geheimdienstlichen Mitteln versucht, Assad zu unterminieren – das weiß man mittlerweile durch Wikileaks. Das war vier Jahre vor Ausbruch des Bürgerkriegs. Trotzdem sehe ich keine Anzeichen, dass das zu einem heißen Krieg unter direkter Beteiligung der externen Akteure führen wird. Wir nennen das heutzutage hybrider Krieg. Ein Krieg, der staatliche und nichtstaatliche Akteure umfasst, der auch Terror gegen die Bevölkerung einschließt. Hybride Kriege gibt es nicht nur einen in der Welt.

Werfen wir einen Blick auf 2018 – wie wird die Region aussehen?
Ich habe natürlich keine Glaskugel, denke aber, dass Syrien als Gesamtstaat keine Zukunft hat. Syrien könnte in mehrere Gebiete zerfallen. Das Assad-Regime könnte einen Teil des Staates halten, vor allem im Westen die großen Städte wie Damaskus und Aleppo. Dann könnte es ein kurdisch kontrolliertes Gebiet im Norden geben. Ich kann mir vorstellen, dass die Rebellen geschlagen werden, gerade die sogenannten Gemäßigten werden wohl nicht die Chance haben, ein demokratisches, an der Zivilgesellschaft orientiertes Gebilde zu erhalten. Dann ist da sehr viel Wüste, dort ist bisher die Herrschaft der IS und auch die Nusra-Front, beides terroristische Organisationen.

Und ein Kurdenstaat?
Schwer zu sagen, es sind zu viele dagegen: die Türkei, der Irak und auch Iran mit kurdischen Minderheiten. Auch die Kurden streben im Moment nur Autonomie und keinen eigenen Staat an. Kurden sind die einzige große Volksgruppe neben den Palästinensern, die von einem eigenen Staat ausgeschlossen ist, und das bleibt wohl auch so.

Krieg in Syrien, Bürgerkrieg in der Ukraine – das macht vielen Leuten Angst ...
Das ist auch bedrohlich. Allerdings ist das Fortbestehen oder Wiederaufleben von nationalistischen Modellen insgesamt bedrohlich. Auch die Europäische Union, die sich gerade zerlegt, arbeitet an neuen Grenzen.

Hybridkriege, Flüchtlingskrise, eine EU, die sich zerlegt – sorgt das nicht für noch mehr Unsicherheit?
Viele Menschen halten dieses Sich-Einigeln, zum Beispiel die Nato-Drähte an nationalen Grenzen, ja erst einmal für ein Mehr an Sicherheit. Ich begreife es als einen Verlust an Zivilisation. Natürlich ist es wahr, dass innerhalb eines Jahres eine Million sogenannter Fremde zu uns gekommen sind. Eine Million bei 80 Millionen Einheimischen.

Vor 20 Jahren waren es zwei Millionen ...
Von 1945 bis 1950 waren es 14 Millionen, und Deutschland war ein zerstörtes Land mit großer Wohnungsnot in den zerbombten Städten. Die Flüchtlinge sind auch nicht sehr herzlich empfangen worden, sie hatten es nicht leicht, aber man konnte nichts dagegen sagen, weil es das Ergebnis eines verlorenen Krieges war. Dies und auch die Balkankriege in den 90er Jahre zeigen: Wenn die Heimat zerfallen ist, dann kann man oft gar nicht mehr zurück. Das gilt auch für die syrischen Flüchtlinge. Ich gehe davon aus, dass die meisten nicht zurück können und bleiben werden. Das ist auch verkraftbar, wenn die Integration klug und human gestaltet ist.

Brennpunkt Irak – welche 
Rolle spielt der marode 
Staudamm für die irakische 
Offensive auf das IS-eroberte Mossul?
Der IS hat eine Wasserstrategie entwickelt. Wenn man einen Staudamm oder einen Fluss kontrolliert, kann man dem sogenannten Unterlieger das Wasser abschneiden oder ihn überfluten. Man kann aus Wasser eine Waffe machen. Das Zweistromland ist abhängig vom Wasserzustrom und deswegen ist das relevant. Andererseits zieht der IS Steuern, muss seine Bürger ernähren, die Infrastruktur schützen, und deswegen kann er seine Bürger nicht einfach fluten. Auch für den IS ist das ein Dilemma.

Kommt die nächste Flüchtlingswelle aus dem Irak?
Im Dezember waren Iraker die zweitstärkste Gruppe nach den Syrern. 4900 Iraker, also zehn Prozent aller Flüchtlinge, die in Deutschland Asylanträge gestellt haben. Die Gründe sind ähnliche wie in Syrien. Man kann vor Anschlägen, vor Terrorattentaten seines Lebens nicht mehr sicher sein, und davor fliehen die Menschen.

Wird der Irak zerfallen?
Das ist ein Staat, der nur auf Dauer bestehen kann, wenn die Zentralregierung den Bürgern das bietet, was sie verlangen: Zuverlässigkeit, Sicherheit, eine gute Regierungsführung. Bisher wurde immer eine Gruppe – entweder die Schiiten oder die Sunniten – einseitig bevorteilt. Das war eine Katastrophe, die auch die USA mit der Zerschlagung des Staates in ihrem Krieg 2003 beförderte.

Haben die USA so die IS erst möglich gemacht?
Ja, das sehe ich so. Es gab zwar Vorläufer, aber den großen Erfolg des IS haben sie zu verantworten. Indem sie nicht nur Saddam Hussein gestürzt haben, sondern auch seine Armee, den Beamtenapparat, die Staatspartei zerschlagen haben. Von seinen Kämpfern sind viele bei dem IS, und das sind gar keine frommen Leute. Das sind Kämpfer und vor allem Strategen, die wissen, wie man militärisch zu planen hat. Das Ausgrenzen dieser alten Eliten und der dahinter stehenden Stämme war ein veritabler Fehler, den man keinesfalls wiederholen darf.

Wird sich der IS ausbreiten?
Wenn er in Syrien und dem Irak an die Grenzen seiner territorialen Ausbreitung gestoßen ist, wird er in anderen Ländern wie Libyen seine Expansion fortsetzen. Das war wie bei Al Kaida. Auch bei dem IS gibt es Treueeide. Wenn sich eine kämpfende Gruppierung zum IS bekennt, weil er ein Erfolgsmodell anzubieten scheint, dann ist es eben IS. Jemen ist dafür ein Beispiel, Libyen auch, Tunesien ist in Gefahr. Die Region kommt nicht zur Ruhe.

Und über die Region hinaus?
Russlands Präsident Wladimir Putin hat Anlass zur Beunruhigung, weil Russland auch islamische Bevölkerung hat und es islamische Kämpfer gibt – etwa aus Tschetschenien. Die sind als ausländische Kämpfer nach Syrien gereist und kehren auch zurück. Diese Art von Ansteckungsgefahr sieht Moskau. Deswegen kann auch der IS nun ins Fadenkreuz der Russen geraten. Aber es gibt keine territoriale Gefahr für Russland durch den IS, es könnte jedoch Anschläge geben wie überall auf der Welt.

Was ist mit Frankreich, das vom IS-Terror betroffen war?
Das ist in Frankreich eher ein innerstaatliches Problem. Der Wunsch von Leuten am Rande, sich Bedeutung als Helden unter der Flagge des IS zu geben. Auch diese nordafrikanischen Männer, die in der Kölner Silvesternacht ihr Unwesen getrieben haben, sind im Grunde genommen Hooligans. Da ist keine Ausbreitungsgefahr, sondern da haben Leute – oft Verlierertypen – Probleme mit der Integration. Das sind Probleme, die zu bewältigen sind. In den Regionen des Vorderen Orients geht es um Macht, bei uns nicht. Hier geht es um soziale Fragen.


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