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Deutschland/Welt Nahles und Merkel – ziemlich beste Feindinnen
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Nahles und Merkel – ziemlich beste Feindinnen
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11:00 09.02.2018
Konkurrentinnen mit einigen Gemeinsamkeiten: Andrea Nahles und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Quelle: Foto: dpa
Berlin

Der Raum bietet einen fast grenzenlosen Blick über das Berliner Regierungsviertel, unten fließt die Spree zwischen Abgeordnetenhaus und Reichstagsgebäude entlang; im Hintergrund lassen sich Kanzleramt und Hauptbahnhof erahnen. Das Eckzimmer der neuen Chefin der SPD-Fraktion würde machtvoll und beeindruckend wirken, wäre da nicht das Kinderspielzeug, das über den gesamten Boden verteilt herumliegt. „Entschuldigung“, sagt Andrea Nahles, „ich bin gerade erst hier eingezogen, es sieht noch chaotisch aus.“

Anfang Oktober 2017, vierter Stock im Berliner Jakob-Kaiser-Haus. Hier hat gerade ein Umzug stattgefunden. Thomas Oppermann hat das Büro verlassen, die neue Bewohnerin dieses Raumes heißt An­drea Nahles. Es ist ein wichtiger Schritt zur Macht, den sie lange und geschickt vorbereitet hat. Sie ist die erste Fraktionschefin in der Geschichte der SPD. Ein wichtiger Job, welcher der Mutter einer kleinen Tochter Flexibilität abverlangt. Da wird das Büro schon einmal zum Spielzimmer umfunktioniert, während Nahles Akten studiert.

Ein Vierteljahr und eine Regierungskrise später steht Andrea Nahles davor, auch den Parteivorsitz der SPD zu übernehmen. Sie wird auf Martin Schulz folgen, so der Beschluss der SPD-Spitze am vergangenen Mittwoch.

Die erste Frau an der Spitze der SPD: Andrea Nahles im Willy-Brandt-Haus. Quelle: GETTY IMAGES

Mit dem Aufstieg von Andrea Nahles werden die beiden noch immer größten und mitgliederstärksten Parteien erstmals von Frauen geführt. Das sollte im Jahr 2018 eigentlich keine Meldung mehr wert sein, aber beide Parteien haben sich schwergetan mit dem Aufstieg der Frauen, mit der Gleichberechtigung. Deswegen lohnt sich ein näherer Blick.

Angela Merkel wurde jahrelang in der CDU unterschätzt, die mächtigen Ministerpräsidenten haben sie stets für eine Übergangsvorsitzende gehalten. Das war vor 18 Jahren. Auch Andrea Nahles wurde in der SPD lange unterschätzt. Sie war die Juso-Vorsitzende, die nervige Linke, die Strippenzieherin. Bis sie plötzlich in der vergangenen Legislaturperiode als akribische Arbeitsministerin zu einer geschätzten Politikerin über die Parteigrenzen hinaus wurde. Und bis sie es mutmaßlich persönlich war, die auf dem SPD-Parteitag im Januar die Mehrheit dafür sicherte, dass die SPD überhaupt Koalitionsverhandlungen mit der Union führen konnte.

Zusammenarbeit – aber auf Zeit

Nahles und Merkel werden nun wohl Koalitionspartner, sie werden die zentralen Figuren dieser Legislaturperiode werden. Und doch wird die Zusammenarbeit irgendwann brechen. Brechen müssen. Denn vor der Bundestagswahl werden aus den Partnern Merkel und Nahles Kontrahenten. Wer ist also diese Andrea Nahles?

Sonntag, 21. Januar, das alte Regierungsviertel in Bonn. Am Nachmittag ist die Stimmung im World Conference Center am Boden, die SPD debattiert über mögliche Koalitionsverhandlungen mit der Union. Martin Schulz ist krank, er schleppt sich zu dem Parteitag, seine Rede wirkt matt und energielos. Die Gegner um Juso-Chef Kevin Kühnert sind gut organisiert, die Mehrheit der Parteispitze scheint in Gefahr.

Dann kommt Nahles. „Ich habe in der Regierung den Mindestlohn durchgesetzt, wie verrückt noch mal“, sagt sie in ihrer Rede. „Wir können mit den Konservativen nicht alles durchsetzen.“

Nahles hat Martin Schulz gerettet – zunächst

Nahles kämpft darum, dass die SPD-Funktionäre den Koalitionsverhandlungen zustimmen. „Wir geben doch die SPD nicht auf, wenn wir mit den anderen regieren“, ruft sie, lauter werdend.

Dann geht es weiter.

Der blöde Dobrindt.

Die Bürger zeigen uns doch einen Vogel.

Wir werden verhandeln, bis es quietscht.

Nahles Rede im Video:

Der Applaus ist donnernd, An­drea Nahles rettet an diesem Sonntag die SPD vor dem Sturz ins Chaos und für den Moment auch Martin Schulz. Es ist einer der wichtigsten Tage in ihrer politischen Karriere, denn Nahles beweist an diesem Tag zwei Qualitäten, die bei ihr immer wieder in Zweifel gezogen wurden. Zum einen, dass sie mit ihren Reden begeistern, mitreißen kann. Zum anderen unverhandelbare Loyalität zu ihrem Parteichef – trotz Differenzen mit Schulz.

Nahles hat einen fragwürdigen Ruf: als Meuchlerin

Letzteres ist womöglich noch wichtiger, denn im Laufe von mehr als zwei Jahrzehnten in der Spitzenpolitik hat sie sich den fragwürdigen Ruf einer Parteichef-Meuchlerin eingefangen. 2005 brachte sie Franz Müntefering zu Fall, weil sie erfolgreich gegen dessen Generalsekretärsvorschlag opponierte. Und beim legendären Mannheimer Parteitag 1995 war sie als Juso-Chefin in der Rolle des heutigen Kevin Kühnert, als Rudolf Scharping von Oskar Lafontaine nach einer matten Rede gestürzt wurde.

Wie heute Kevin Kühnert: Die Juso-Vorsitzende Andrea Nahles auf dem SPD-Parteitag in Mannheim 1995. Quelle: dpa

Ein Fernsehteam hat Nahles damals begleitet. Zu besichtigen ist eine 25-jährige Jungpolitikerin, die wie elektrisiert wirkt von dem politischen Spiel, das sich an diesem Tag in Mannheim vollzieht – weil ihr damaliges Vorbild Lafontaine Scharping aus dem Feld schlägt.

Aber Andrea Nahles ist lernfähig. Sie hat verstanden, dass sie an ihren Schwächen arbeiten muss, und tut dies. Auch an ihrem öffentlichen Auftritt feilt sie seit Jahren. Denn Nahles hat dieses Problem: Wenn sie eindringlich und laut spricht, dann bricht ihr oft die Stimme weg und, ja, sie quietscht dann.

Also versucht sie, sich zusammenzureißen und eindringlich zu sprechen, ohne laut zu werden. Sie konzentriert sich vor Interviews und versucht zu lächeln. Sie versucht, insgesamt sympathischer zu erscheinen. Und bloß nicht mehr vor dem Bundestag singen, so wie vor ein paar Jahren.

Nahles singt im Bundestag:

Es ist eine unendlich schwierige Aufgabe für einen Menschen, sich so grundlegend zu verändern. Es ist auch eine unfaire Sicht auf Politiker. Warum ist es so wichtig, dass jemand sich gut verkaufen kann? Wichtiger als die Tatsache, ob jemand die eigenen Themen gut beherrscht. Karl-Theodor zu Guttenberg hat sich wenig um Akten gekümmert, aber er war ein glänzender Redner. Andrea Nahles ist dagegen eine glänzende Fachfrau. Aber vom Volk geliebt werden am Ende oft die mit dem schneidigen Auftritt.

Das Problem mit der öffentlichen Erscheinung teilt Nahles mit Kanzlerin Angela Merkel. Auch die Kanzlerin hat zum fotogenen Auftritt eigentlich kein Talent. Merkel ist keine gute Rednerin, auf Bildern hängen die Mundwinkel, und ihre Frisur war Gegenstand großen Spottes zu Beginn ihrer Zeit als Parteivorsitzende. Auch sie hat lange an sich gearbeitet, damit alles halbwegs funktioniert. Sie hat sich diszipliniert. Ein paar Handbewegungen bei Reden einstudiert, die irgendwie okay aussehen. Auch die berühmte Raute ist ein Ergebnis dieses Prozesses. Lasst sie ruhig Witze über die Raute machen, denkt sie sich wohl mittlerweile. Es ist ein kleineres Übel als schlackernde Arme.

Immer wird auch die Optik bewertet

Nahles und Merkel werden wahrscheinlich noch kritischer in ihrem Auftritt bewertet, weil sie Frauen sind. Immer wird die Optik mitbewertet, sie ist ein größerer Faktor als bei Männern – besonders im Negativen. Auch Ehrgeiz ist eine Angewohnheit, die nur Frauen in Führungspositionen vorgeworfen wird. Von der Leyen, die Ehrgeizige. Nahles, die Ehrgeizige. Kein Mann muss sich dagegen wehren, wenn er sich zielstrebig den Weg nach oben bahnt.

Dabei sind Nahles und Merkel Politikerinnen, die beide gewinnend und sympathisch im persönlichen Gespräch sind. Beide sind humorvoll, scharfzüngig, klug, glänzende Analytiker. Aber eben vor allem, wenn die Kameras aus sind.

Weil sie so sind, wie sie sind, schätzen sich Merkel und Nahles. Viele Fachfragen in der Sozialpolitik haben sie miteinander während der vergangenen Koalition besprochen und verhandelt. Stets konnten sie sich aufeinander verlassen. „Sehr vertrauensvoll“ sei das Verhältnis, heißt es aus dem Umfeld von Andrea Nahles. Wenn die Große Koalition gelingt, dann wird dies auch das Ergebnis von guter Zusammenarbeit der beiden sein.

Aber eben nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Denn Andrea Nahles wird auch die Vorsitzende einer Partei sein, die um ihre Existenz fürchtet. Nahles soll die SPD wieder erfolgreich machen. Und sie wird irgendwann alles in den Dienst dieser Aufgabe stellen müssen.

Will Nahles Kanzlerin werden?

Dann werden sich die Wege von Angela Merkel und Andrea Nahles trennen. Nahles wird sich dann distanzieren müssen und das Wohl der Partei vor das der Regierung stellen. In einigen Jahren ist es so weit, im Wahlkampf 2021.

Wird Nahles dann selbst als Kanzlerkandidatin antreten? Als im Herbst bereits über eine mögliche Parteichefin Nahles spekuliert wurde, ging ein Gerücht um in Berlin. Nahles wisse um die Schwierigkeiten, die sie mit ihrer Beliebtheit habe, deshalb müsse der oder die Parteivorsitzende nicht gleich Kanzlerkandidat werden. Es schien, als solle ein wenig der Druck von Nahles genommen werden.

Als Nahles und Martin Schulz am Mittwochabend im Willy-Brandt-Haus gefragt werden, was sie besser könne als er, ruft sie: „Stricken“. Es ist eine flapsige Erwiderung, ein Klischee, um der Antwort auszuweichen. Die wahre Antwort wird Nahles selbst geben. Ihre Zeit hat gerade erst begonnen.

Von Gordon Repinski

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