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Deutschland/Welt Wie ich 3000 Euro verlor und der Staat 59 Milliarden
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17:54 14.09.2018
Ehemaliger Lehman-Mitarbeiter verlässt nach der Finanzkrise den Hauptsitz in New York. Quelle: imago/UPI Photo
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Berlin

Nie zuvor und niemals seitdem habe ich einen Bankberater so hektisch erlebt wie Herrn J. von der Dresdner Bank einige Wochen nach der Lehman-Pleite. Seine Worte sollten Überlegenheit ausstrahlen, seine Stimme aber war kläglich. „Natürlich habe ich Sie richtig beraten, wie kommen Sie denn darauf, dass ich irgendetwas verschwiegen hätte?“

Einige Jahre vor diesem September 2008 hatte der Mann noch ganz anders geklungen: „Sehr sicher“ und „äußerst renditestark“ sei das „Global Champion Zertifikat“ mit der Wertpapier-Kennnummer A0MJHE. 3000 Euro investierte ich in das Papier. Im September 2008 wurde der Handel von A0MJHE dann plötzlich ausgesetzt. Er ist es bis heute. Denn das Papier wurde nicht von der Dresdner Bank selbst herausgegeben, sondern von Lehman Brothers. Und diese Bank gibt es nicht mehr.

„Andere hat es viel härter erwischt“

Ich fühle mich nicht als Opfer. Andere erwischte es viel härter. Manche Rentner verloren ihre gesamten Ersparnisse, weil sie den Beratern von der Dresdner Bank oder Hamburger Sparkasse geglaubt hatten. 25.000 Euro und mehr betrugen die Verluste von Kleinanlegern.

Aber nicht nur die haben durch die Lehman-Pleite und darauf folgende Finanzkrise viel Geld verloren. Am Ende hat es uns alle getroffen. 59 Milliarden Euro hat die Krise den deutschen Steuerzahler bis heute gekostet. Das hat die Bundesregierung jetzt auf eine Anfrage des grünen Finanzexperten Gerhard Schick zugegeben. Das Geld floß in Form von Garantien, Krediten und Kapitalspritzen – und es ist definitiv weg. Die Summe könnte noch wachsen, wenn weitere Kredite ausfallen oder Garantien fällig werden. Insgesamt 68 Milliarden Euro stehen auf dem Spiel.

Bei der Commerzbank gibt es noch Hoffnung

Am teuersten war die Abwicklung der Hypo Real Estate (HRE). Fast 20 Milliarden Euro musste der Fiskus am Ende abschreiben. Auch die Stützung der Düsseldorfer IKB-Bank, mit der die Krise nach Deutschland kam, ist für den Steuerzahler ein teueres Unterfangen geworden. Nach dem Verkauf der zwischenzeitlich verstaatlichten Bank blieb ein Verlust von fast neun Milliarden Euro. Landesbanken wie die West-LB, die Bayern-LB und die HSH Nordbank mussten ebenfalls mit Milliardenzuschüssen gerettet werden. Das Geld ist futsch.

Bei der Commerzbank gibt es dagegen noch Hoffnung, dass der Staat zumindest einen Teil seiner Rettungsmilliarden zurückbekommt. 15 Prozent der Commerzbank-Aktien hält der Bund bis heute. Finanzminister Scholz könnte sie verkaufen, würde damit aber derzeit ein schlechtes Geschäft machen. Etwa 18 Euro bräuchte er pro Aktie, um ohne Verluste aus dem Investment herauszukommen. Aktuell steht der Kurs bei rund 8,70 Euro.

Gemessen daran habe ich Glück gehabt. Zwar gibt es die Dresdner Bank nicht mehr, von Herrn J. habe ich nie wieder etwas gehört, aber A0MJHE ist immer noch da – im Zustand eines Finanz-Zombies. Alle paar Monate regt sich etwas in meinem Depot. Dann trudelt wieder eine neue Tranche der Insolvenzzahlungen ein. Mal sind es 25 Euro, mal 40. Irgendwo da draußen gibt es noch Werte und Forderungen der seit zehn Jahren toten Bank, die jemand für Gläubiger wie mich zu Geld macht. Kürzlich bekam ich Post von Herrn J.s Nachfolgerin. Von meinen 3000 Euro hätte ich bereits 1200 Euro zurückerhalten, zählte sie auf. Weitere Zahlungen seien zu erwarten. Geht es in diesem Tempo weiter, werde ich irgendwann mein Geld wiederhaben. Etwa 25 Jahre nach der Pleite von Lehman Brothers.

Von Jan Sternberg/RND

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