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Deutschland/Welt Kapitän klagt: Retter dürfen nicht auslaufen
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Kapitän klagt: Retter dürfen nicht auslaufen
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19:10 12.07.2018
RETTUNGSSCHIFF: Die Sea-Watch 3 unterwegs bei der Rettung von Flüchtlingen. Zur Zeit wird sie in Malta am Auslaufen gehindert. Quelle: Foto: Melber
Hannover

„Eine Helferin in Italien erzählte mir, dass bei einem der letzten Male, die sie rausfahren durften, 150 Frauen aus den Booten gerettet worden. Alle waren in den libyschen Lagern vergewaltigt worden, bis sie schwanger waren. Ihnen blieb nur der Tod oder die Fahrt über das Mittelmeer.“ Wenn Adam Wolf (52) von diesen Szenarien erzählt, weiß er genau, wovon er spricht. Im Jahr 2016 war der heutige Piraten-Ratsherr selbst auf der „Sea-Watch“ als Kapitän und nautischer Leiter im Mittelmeer unterwegs, um dort Menschenleben zu retten.

Er kennt viele der Leute, die jetzt auf den Schiffen an den italienischen, tunesischen und spanischen Mittelmeerküsten ausharren und die Hände in den Schoß legen müssen, obwohl sie Menschenleben retten könnten. „Die müssen sich mit Bootsarbeiten über die Tage retten, um nicht durchzudrehen“, sagt er. Die Rettungsschiffe seien gebunkert, also betankt, alles Lebensnotwenige sei an Bord. „Aber sie dürfen nicht rausfahren.“ Die Order heiße: Menschen sterben lassen.

Gegen internationales Recht

Nach der UN-Konvention Solas, einem internationalen Übereinkommen von 1974 zum Schutz des menschlichen Lebens auf See, muss eigentlich jedes Schiff Hilfe für jene leisten, die in Seenot sind. Das passiert auch: Kürzlich wurde eine russische Touristen, die auf ihrer Matratze vor Kreta abgetrieben war, von einem Flugzeug der europäischen Grenzschutzagentur Frontex entdeckt und ganz selbstverständlich von der griechischen Küstenwache gerettet. Doch dem „Massensterben im Mittelmeer“, so Wolf, werde tatenlos zugesehen. „Mich macht es wahnsinnig, dass die Befehl haben, die Leute sterben zu lassen. Das gab es noch nie, nicht einmal zu Kriegszeiten.“ Wenn damals ein U-Boot versenkt wurde, wurden die Matrosen aus dem Wasser gezogen und dann eben zu Kriegsgefangenen. „Was heute passiert, das ist ein Quantensprung im Denken und in der Moral, auch bei uns. Ich weiß nicht, wie weit sich die Bundesregierung hier moralisch ihr eigenes Grab schaufelt.“

„Auch als die zivilen Rettungsboote noch Leute aus dem Wasser ziehen durften – und das waren in mancher Nacht ein paar hundert – ist noch immer die doppelte Anzahl an Leuten ertrunken.“ Die Zahl der Toten läge eher im Zehntausender- und nicht im Tausenderbereich. Die europäische Seenotrettungsflotte könnte viele Menschen retten, „die ist zum Teil ja auch schon da unten. Aber die sind jetzt dafür da, die Hilfe der zivilen Retter abzuwehren“.

Rechtes Vokabular wie „Asyltourismus“

Wolf weiß auch nicht, warum sich die Wertigkeiten in der Europäischen Union so verschoben haben. Von Flüchtlingen mögen viele kaum noch sprechen, weil der Begriff in manchen Kreisen bereits als Schimpfwort gibt. Die Verrohung der Sprache im Zusammenhang mit geflüchteten Menschen, Beispiel „Asyltourismus“, treibt auch Adam Wolf um. „Bundesinnenminister Seehofer und Bayerns Ministerpräsident Söder haben sich ein Vokabular zu eigen gemacht, das nicht nur provoziert, sondern das verbale Spektrum nach rechts geschoben hat. Jetzt fangen die Leute an Wörter zu benutzen, die vorher undenkbar waren.“

Zurzeit seien alle Dämme gebrochen, bedauert er fehlende Hemmschwellen. „Auf jedes Posting, das ich auf Facebook in Bezug auf Migration mache, kommen 150, die ich löschen muss.“ Einer habe sogar die Drohung „ich weiß, wo deine Kinder zu Schule gehen“ geschrieben, „den habe ich angezeigt“.

Von Petra Rückerl

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