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Deutschland/Welt Geheimdienstler zweifeln an Obamas Afghanistan-Strategie
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Geheimdienstler zweifeln an Obamas Afghanistan-Strategie
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13:02 02.12.2009
Geheimdienstler bezweifeln, dass Obamas neue Afghanistan-Stragie Erfolg haben wird. Quelle: AFP
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Kabul. Mit seiner offenen Zusage, erste Soldaten schon 2011 vom Hindukusch abzuziehen, habe Obama den Taliban „schon eine terminierte Hoffnung auf einen generellen Abzug der internationalen Truppen eröffnet“, erklärten am Mittwoch übereinstimmend Angehörige mehrerer Nachrichtendienste in Kabul.

Obama habe aber die „Rechnung ohne den Wirt gemacht“, hieß es. Die Taliban würden „in Ruhe“ die Truppenaufstockungen “über sich ergehen lassen und auf nichts mehr eingehen, bis der Westen letztlich unverrichteter Dinge abziehen muss“, sagte ein CIA-Mann der Nachrichtenagentur ddp.

Die Geheimdienstler zweifeln auch daran, ob es angesichts der korrupten Regierung des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai gelingt, die für eine „Zukunftsperspektive Afghanistans geordneten Verhältnisse herzustellen“. Zwar haben alle westlichen Regierungen Karsai nach seiner manipulierten Wiederwahl ermahnt, endlich für korrekte politische, wirtschaftliche und für die Sicherheit stabile Verhältnisse in Afghanistan zu sorgen. Aber die Bemühungen des Westens beispielsweise zum Aufbau einer gut funktionierenden afghanischen Armee und Polizei „sehen nach wie vor düster aus“, meinte ein Geheimdienstexperte.

Er verwies auf eine Aussage des früheren Vizepräsidenten Dick Cheney, der Obamas Exit-Strategie als „vernichtend“ bezeichnet hatte. Obama habe den Taliban, die bereits große Teile Afghanistans beherrschen, damit „Schwäche signalisiert“. Viele Afghanen würden wahrscheinlich zu den Taliban überlaufen, „weil sie annähmen, die Amerikaner ziehen ab, während die Bösen bleiben“.

Die Geheimdienstexperten interpretierten diese Aussagen als eine „Rückversicherungsstrategie der afghanischen Bevölkerung, um sich vorsichtshalber mit den Taliban zu engagieren“. Der demokratische Abgeordnete Jan Schakowsky wurde ebenso deutlich und hielt Obama entgegen, dass Afghanistan zum „Sumpf“ für seine Regierung werden könnte.

Nach ddp-Informationen will Obama am Hindukusch offenbar wie im Irak vorgehen. Er will mit den Stammesführern ins Gespräch kommen und versuchen, sie „notfalls auch mit entsprechenden Geldzuwendungen“ an seine Seite zu ziehen. Die Geheimdienstler geben aber auch diesem Vorhaben „wenig Chancen“, weil es den Amerikanern wegen des korrupten Präsidenten Karsai in Afghanistan bisher nicht gelungen ist, eine „wirklich legitime Regierung zu etablieren“. Im Irak hätte Washington nach großen Anstrengungen mit der Einsetzung einer handlungsfähigen Regierungsmannschaft einen Erfolg erzielen können, gaben CIA-Experten zu bedenken.

Der Vizepräsident der De Paul University in Chicago, James D. Bindenagel, brachte es in seiner Analyse auf den Punkt: Solange die Zentralregierung in Kabul korrupt und unfähig sei zu handeln, würden keine neuen Soldaten der NATO in welcher Größenordnung auch immer helfen können. Die Strategie von Obama könnte nur aufgehen, wenn eine funktionstüchtige afghanische Regierung die Unterstützung der Öffentlichkeit sowohl in Afghanistan als auch in den Vereinigten Staaten und den Ländern der NATO gewinnt. Auch Obamas Ideen, mit „gemäßigten Taliban“ ins Gespräch zu kommen, werden wegen deren harter Ablehnung dazu von den Geheimdienstlern als ein „tot geborenes Kind“ bezeichnet.

Obama läuft nach Einschätzung der Geheimdienstler in Sachen Afghanistan die Zeit davon. Nach achtjährigem Krieg am Hindukusch beginne nicht nur in den USA, sondern auch immer mehr bei seinen Verbündeten die Zustimmung für die kostspieligen und verlustreichen Einsätze zu schwinden. In Afghanistan sind bisher nach Angaben Washingtons fast 1000 amerikanische Soldaten gefallen. US-Politiker befürchten bereits, dass es wie damals im Vietnam-Krieg zu Demonstrationen großen Ausmaßes vor dem Weißen Haus kommt. In Vietnam hatte Amerika zum ersten Mal in seiner Geschichte einen Krieg verloren.

Mit seinem neuen Marschbefehl für weitere 30 000 US-Soldaten nach Afghanistan hat Obama seine Hoffnung auf Unterstützung seiner Alliierten verbunden. Die Bereitschaft dafür ist bei den Verbündeten jedoch „sehr verhalten“, stellten die Geheimdienstler in Kabul fest. Auch Berlin will sich erst nach der Afghanistan-Konferenz Ende Januar in London „erklären“. Nach ddp-Informationen sind bei der Bundeswehr aber schon die Planungen für deutsche Verstärkungen „in vollem Gange“. Die Bundeswehr werde hauptsächlich Infanteristen und Ausbilder für die afghanische Armee entsenden, war zu erfahren. Dabei ist von bis zu 2500 Mann die Rede.

ddp

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