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Deutschland/Welt Fahimi sucht die Kritik
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18:30 09.10.2018
Will dort sein, wo die Probleme sind: Bundestagsabgeordnete Yasmin Fahimi (SPD) setzt auf Wahlkreisarbeit. Quelle: epa
Berlin

Yasmin Fahimi wirkt erschöpft – hinter ihr liegt eine anstrengende Sitzungswoche. Nicht wegen der Arbeit an sich, sagt sie, sondern wegen des Klimas im Bundestag. „Das ist fürchterlich“, beschreibt die SPD-Frau und fügt hinzu: „Bei der AfD ist die Bereitschaft, Nazi-Sprech zu benutzen, weiter gewachsen.“

Umgang mit der AfD sei ein politischer Drahtseilakt

Erst kurz zuvor hatte Martin Schulz gesagt, die neue Fraktion im Bundestag gehöre auf den „Misthaufen der Geschichte“. Fahimi kann das nur bestätigen, es sei ein politischer Drahtseilakt: angemessen auf die Themen antworten, aber sich von ihnen nicht die Agenda bestimmen lassen. Für sie ist es deswegen umso wichtiger, in ihren Wahlkreis zurückzukehren: „Als direkt gewählte Abgeordnete ist es einer der größten Vorteile, die Bundesebene mit der Basisarbeit zu verknüpfen.“

Fahimi will dort sein, wo es Probleme gibt

Und die Basisarbeit ist intensiv: In Hannover tourt sie von Veranstaltung zu Veranstaltung – scheut aber auch den direkten Kontakt an öffentlichen Orten nicht: „Ich möchte auch dort sein, wo es Probleme gibt, und bin deswegen auch in Davenstedt auf dem Markt und nicht nur auf dem Stephansplatz in der Südstadt. Gerade wenn in einem Teil der Stadt nicht alles gut läuft, ist es wichtig, sich mit den kritischen Themen auseinanderzusetzen.“ In Davenstedt sei das vor allem die Veränderung des Zentrums, die Sparkasse würde verschwinden, das Einkommen unter den Be­wohnern sinken. Einige könnten es tatsächlich sich nicht mehr leisten, auf dem Markt einkaufen zu gehen.

Yasmin Fahimi

* 25. Dezember 1967 in Hannover. Yasmin Fahimi ist die Tochter einer deutschen Sozialpädagogin und eines iranischen Chemi­kers. Nach dem Abitur 1987 am Gymnasium Isernhagen studierte sie an der Universität Hannover Elektrotechnik und Chemie. Danach arbeitete sie als Gewerkschafterin für die Industrie­gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. Fahimi ist seit 1986 Mitglied der SPD. Von 2014 bis 2015 war sie SPD-General­sekretärin. Danach wechselte sie ins Bundesarbeitsministerium und war dort Staatssekretärin unter Andrea Nahles.

Bei ihrem Kontakt mit den Wählern spürt sie auch Kritik an der Partei – dabei geht es um grundsätzliche Fragen: „Wieso seid ihr in die Regierung gegangen? Wie könnt ihr euch auf solche Kompromisse einlassen? Dafür ist man gewählt, diese Fragen zu beantworten.“ Doch anders, als man erwarten könnte, ist die Kritik gerade im vergangenen Jahr nicht mehr geworden: „Es gibt nach wie vor Menschen, die nicht alles gut finden, was man macht. Allerdings sind diejenigen, die ihre Kritik aggressiv vortragen, eher weniger geworden.“ Fahimi hält inne und erklärt dann ganz unaufgeregt, dass das vermutlich nichts damit zu tun habe, dass es diese Kritiker nicht mehr gebe, sondern dass sie abgewandert sind – zur AfD.

Wie sie die zurückgewinnen will? Darum gehe es erst mal nicht. Wichtiger seien ihr die Wähler, die den Inhalten der Partei nahestehen. Die SPD-Frau will sie davon überzeugen, dass die Partei wichtig ist. Ein Gedanke, der in der SPD momentan nicht weit verbreitet scheint. Immerhin gibt es seit der Wahl im vergangenen Jahr noch immer keine genaue Strategie, wie man die Partei erneuern und sie aus dem Umfragetief hi­nausbefördern will.

Wohnraum, Pflege und Bildung sind Top-Themen

Fahimi hört deswegen ge­nau hin – und meint, die „drei Top-Themen“ in Hannover klar benennen zu können: „Es geht um fehlenden bezahlbaren Wohnraum, zu wenig Pflegeeinrichtungen, und natürlich ist Bildung und Kindererziehung ein zentraler Punkt, der die Menschen im­mer sehr bewegt. Schließlich geht es um das Wichtigste im Leben: die Zukunft unserer Kinder.“ Bei der Kinderbetreuung sei Niedersachsen Vorreiter, die abgeschafften Kita-Gebühren würden die Situation immens erleichtern. „Das ist das Gute am föderalen System“, ist die Sozialdemokratin überzeugt, „Länder können mit guten Ideen vorstoßen.“ Künftig lasse sich der Vorstoß der niedersächsischen Landesregierung noch weiter ausbauen: mit dem „Gute-Kita-Gesetz“ von Bildungsministerin Franziska Giffey (SPD). Mit dem Bundesgesetz könne das Land noch mehr Geld in frühkindliche Bildung in­vestieren.

Hannover ist für die Parlamentarierin aber nicht nur ein Ort, an dem sie Wahlkreisarbeit macht. Die Stadt ist auch ihr Zuhause. Besonders Linden erdet sie: „Wenn ich mich dort auf die Straße setze und dem Treiben zusehe, merke ich, dass es funktioniert. Diese Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen hier aufeinander zugehen, zeigt mir, dass wir etwas richtig machen.“ Ein Konzept für ganz Deutschland? Das sieht sie nicht so – jeder solle für sich selbst die Lebensumstände finden, mit denen er sich wohlfühlt. Das sei für sie das ideale Deutschland.

Von Mandy Sarti

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