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Terror in Paris

Es wird stiller und stiller

Unser Korrespondent Eric Zimmer mit einem sehr persönlichen Text über seine Erlebnisse im Stade de France:

Paris. Seine Augen werde ich so schnell nicht mehr vergessen. Vor mir steht nach dem Abpfiff ein Junge, der weint, vielleicht zehn Jahre alt. Er ist blass, seine Augen sind gerötet. Der Junge lässt seine Frankreich-Flagge fallen, um stattdessen die Hand seiner Mama zu greifen. Der Kleine war mit ihr ins Pariser Stade de France gekommen, um Fußball zu schauen. Seine französischen Helden wollte er sehen, die bestimmt als Poster bei ihm im Kinderzimmer hängen. Und die Deutschen, den Weltmeister. Es sollte so ein schöner Abend werden. Und jetzt? Ob er je vergessen wird, was da passiert ist, an diesem schwarzen Tag im November? 

Ich werde es nicht. Über Fußball wollte ich berichten. Stattdessen wurde ich Zeuge eines Terroranschlags.

Es ist Mitte der ersten Halbzeit, als ein Knall den Boden unter meinen Füßen auf der Pressetribüne vibrieren lässt. Einige Fans grölen. Wird wohl ein Böller gewesen sein. Ein Böller? Viel zu laut. Und dann auch noch draußen. Die Kollegen um mich herum: in zwei Lager geteilt. Die einen arbeiten normal weiter, die anderen werden skeptisch. Die zweite Detonation. Hier stimmt was nicht.

Fans holen ihre Smartphones raus, es wird getuschelt. Warum sind die Tore des Stadions plötzlich zu? Die Unsicherheit, diese gedrückte Stille, diese Ahnungslosigkeit im inneren der Betonschüssel, die doch zum Spaßhaben gebaut ist – unheimlich. Es wird stiller und stiller. Man hört nur Sirenen. Überall Sirenen. Nach dem Abpfiff bricht Panik aus. Menschen rennen. Haben die Augen aufgerissen. Sie schreien. Ich weiß nicht mehr, ob ich gerannt bin. Und ich weiß nicht, wie ich wieder dort hingekommen bin. Aber ich stehe plötzlich wieder auf der Pressetribüne. Da ist dieser Junge.

 

Man hat Angst, uns Journalisten mit dem großen Bus durch die Stadt in das Hotel zu fahren. Im Fernsehen, in den Katakomben, sehen wir erst jetzt das wahre Ausmaß der Katastrophe. Eine französische Kollegin weint. Die deutsche Mannschaft soll schon weg sein. Dann wieder nicht. Dann wieder doch. Eine nicht mehr zu sortierende Flut an Meldungen macht die Runde. In Wahrheit verbringt die deutsche Mannschaft die ganze Nacht im Stadion. Es werden absichtliche Falschmeldungen gestreut. Denn alles dreht sich beim DFB um die Frage: Wie kommen wir hier schnellstmöglich weg?

Mitten in der Nacht, es dürfte so 2 Uhr sein, werden wir Journalisten dann doch mit dem Bus durch das trauernde Paris gefahren. Es ist menschenleer. Und still. Wir sind ohnmächtig ob der Machtlosigkeit. Ein widerliches Gefühl, das sich mit Wut paart. Das muss es sein, was die Terroristen erreichen wollen. Unsicherheit. Angst. 

 

Eine Sondermaschine wird aus Frankfurt eingeflogen. Mannschaft und Journalisten fahren früh morgens mit Polizeieskorte zum Flughafen. Eine feste Sitzplatzzuteilung gibt es nicht, der Pilot verzichtet auf eine Begrüßung. Einsteigen, hinsetzen, Abflug. 

 

Auch 24 Stunden später kann ich noch immer nicht realisieren, was ich da erlebt habe. Doch auch 24 Stunden später und zurück in Deutschland bin ich gedanklich in Paris – bei den Opfern, bei denen, die alles mit ansehen mussten, bei denen, die nun trauern und verarbeiten müssen.

 

Und bei dem kleinen Jungen.


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