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Politik

Ein Nachruf zum Tod von Helmut Schmidt

Die Deutschen nennen seinen Namen mit größtmöglicher Ehrfurcht. Dabei konnte er seine Zeitgenossen bis zur Weißglut reizen. Mit beißenden Worten und schwierigen Wahrheiten. Nun ist Helmut Schmidt gestorben. Ein Nachruf von Reinhard Urschel.

Berlin. Die Wertschätzung, ja Verehrung der Deutschen für Helmut Schmidt ist beständig gestiegen, je länger seine Amtszeit als Bundeskanzler zurücklag. Trotz der großen Bewunderung hat sich bis zum Ende seines Lebens  keine eingängige Bezeichnung finden lassen für den Status dieses Mannes in der Politik. Ein Elder Statesman ist er gewiss gewesen. Eine moralisch-politische Instanz ebenfalls, aber auch da gilt wieder, dass man dies zwar über den Greis im Rollstuhl sagen konnte, kaum aber über den aktiven Sozialdemokraten. Jemand ist auf den Gedanken gekommen, ihn den „gefühlten Bundespräsidenten“ zu nennen, auch ein freundlicher Versuch, ihn herauszuheben aus der ungeliebten Klasse der Politiker, der er nun mal angehört hat.

Die Anerkennung, ja die beinahe barocke Ehrbezeugung, die dem früheren Bundeskanzler entgegengebracht worden ist, lässt sich schwer erklären in einer Gesellschaft, die gegenüber Politikern ein gehöriges Misstrauen empfindet. In den letzten Lebensjahrzehnten besaß alles, was er sagte, die Aura des Unangreifbaren. Er stand schon zu Lebzeiten unter Denkmalschutz, seine schwer erträglichen Seiten im Spannungsfeld zwischen Eitelkeit und scheinbarer Allwissenheit haben seine Bewunderer einfach ausgeblendet. 2002 ist er zum „weisesten Deutschen“ gewählt worden. Die Deutschen nennen seinen Namen, wenn sie den „besten Altkanzler“ wählen sollen.

Acht Jahre lang, von 1974 bis 1982, war Helmut Heinrich Waldemar Schmidt, geboren am 23. Dezember 1918 in Hamburg, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Sein Vater war der uneheliche Sohn eines deutschen Kaufmanns jüdischen Glaubens und einer Kellnerin. Nach eigener Aussage vertuschten er und sein Vater dies durch Urkundenfälschung, damit ihm der Ariernachweis erteilt wurde. Als „jüdischer Mischling“ wäre Helmut Schmidt im Dritten Reich in Gefahr geraten; er wäre auch kaum Offizier der Wehrmacht geworden.

Als Schmidt ihr Kanzler war, haben die Deutschen diese Geschichte nicht gekannt. Erst 1984 hat er darüber gesprochen, als Journalisten sie erfuhren. Der französische Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing, der ein enger Freund Schmidts gewesen ist, hatte sie aus Versehen ausgeplaudert. In seinen Kindheitserinnerungen (1992) schreibt Schmidt, seine Herkunft habe seine Ablehnung des Nationalsozialismus mitbestimmt. Dass in späteren Jahren in einer Dissertation versucht wurde, ihm eine Nähe zum Nationalsozialismus zu unterstellen, hatte keinen Tiefgang. Er sei mit den Nazis enger in Berührung gekommen, als er später zugegeben habe. Das freilich ist ein Schicksal, dem die um 1920 Geborenen kaum entkommen konnten. Die Würde seines Alters hinderte ihn nicht daran, immer mal wieder von der „Nazi-Scheiße“ zu sprechen.

Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft studierte Schmidt in Hamburg Volkswirtschaftslehre und beendete sein Studium 1949 als Diplom-Volkswirt. Mit diesem Abschluss trat er in die Behörde für Wirtschaft und Verkehr der Freien und Hansestadt Hamburg ein, deren Leiter damals übrigens der spätere Bundesfinanzminister Karl Schiller war. Schmidt stieg rasch auf, von 1952 bis 1953 leitete er das Amt für Verkehr. Im selben Jahr wurde er erstmals in den Bundestag gewählt. Von 1957 an war er Mitglied des Fraktionsvorstands und galt nicht nur wegen seiner rhetorischen Begabung bald als einer der profiliertesten Vertreter der jüngeren Generation: „Schmidt-Schnauze“ wurde zum Markenzeichen. Besonders als Verkehrs- und Militärexperte, als scharfer Kritiker der Adenauer-Regierung und des Bundesverteidigungsministers Franz Josef Strauß (CSU). 1958 setzte sich der frühere Offizier im Rahmen der Anti-Atomtod-Kampagne der SPD entschieden gegen eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr ein.

Im Herbst 1961 übernahm Schmidt das Amt des Hamburger Innensenators. Sein energisches und umsichtiges Eingreifen während der Hochwasserkatastrophe im Februar 1962 begründete seinen Ruf als Krisenmanager. Vor seiner Kanzlerschaft war er von 1967 bis 1969 Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion in der Zeit der Großen Koalition, von 1969 bis 1972 Bundesminister der Verteidigung, 1972 Bundesminister für Wirtschaft und Finanzen, von 1972 bis 1974 Bundesminister der Finanzen.

Glanzzeiten hat er nicht erlebt während seiner Kanzlerschaft – die sich im Übrigen nach eigenem Bekunden zunächst nicht zugetraut hatte. Die Westbindung, die Deutsche Einheit, das haben andere bewirkt. Die Zeit seiner Kanzlerschaft war geprägt vom Ölpreisschock, von der Bedrohung des Staates durch den Terror der linksextremistischen Rote-Armee-Fraktion, der 1977 im sogenannten Deutschen Herbst mündete, und der Nachrüstungsdebatte.

Obwohl er, wie beschrieben, aus einfachen familiären Verhältnissen stammt, klassisches sozialdemokratisches Milieu, weit entfernt von den Hamburger Pfeffersäcken, konnte man aus seiner Art im Umgang mit seinen Mitmenschen diese leichte hanseatische Arroganz herausspüren, mit der er seinen langjährigen Widersacher – und Nachfolger – Helmut Kohl zur Weißglut getrieben hat. Auch Weltpolitiker, von denen er nichts hielt, bekamen diese Eigenart zu spüren.

Es sind also nicht nur sympathische Attribute, die Helmut Schmidt zugeschrieben werden. Seine Partei, die SPD, hatte es nicht leicht mit ihm. Da wirken seine Abneigung gegen die 68er nach, der Umstand, dass er die Notstandsgesetze mit durchgepaukt hat, und nicht zuletzt sein Eintreten für den Nato-Doppelbeschluss, den er miterfunden hat.

Gelegentlich ist er im hohen Alter auf Parteitagen der SPD aufgetreten, begleitet von großem Respekt seiner Genossen für seine Lebensleistung. Dass daraus in der Partei jedoch jene Verehrung erwachsen könnte, die Willy Brandt zu Lebzeiten zuteil wurde und die sich posthum noch steigerte, kann man ausschließen. Nebenbei, die Beziehung des fünften Bonner Regenten zum vierten war nie störungsfrei. So hielt Schmidt sich, ausgerechnet beim Herzensthema Brandts, zugute, er habe schon an einer Ostpolitik gearbeitet, als „der frühere Berliner Bürgermeister noch in seiner Stadt zu den Kalten Kriegern zählte“.

Am 1. Oktober 1982 wurde er als Bundeskanzler durch ein konstruktives Misstrauensvotum abgewählt. Am 31. Dezember 1982 schlug der Verleger Gerd Bucerius dem auf Gran Canaria Urlaubenden brieflich vor, Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“ zu werden: „Aufgabe der Herausgeber: Verlag und Redaktion zu beraten.“ Ein paar Wochen später zog der ehemalige Politiker in die Führungsetage der „Zeit“ ein.

Der „Zeit“-Autor Schmidt hätte das Wochenblatt nicht gebraucht, um seine ungebrochene Bedeutung für den politisch-gesellschaftlichen Diskurs in der Bundesrepublik zu unterstreichen. Seine Beschäftigungen waren vielfältig. Er war Mitglied des Vereins Atlantik-Brücke, Ehrenpräsident der Deutsch-Britischen Gesellschaft, Ehrenvorsitzender der von ihm mitbegründeten Deutschen Nationalstiftung, Ehrenvorsitzender des ebenfalls von ihm mitbegründeten InterAction Council, eines Rates ehemaliger Staatsmänner und -frauen. 1993 wurde die Helmut-und-Loki-Schmidt-Stiftung gegründet.

Sein ausgeprägtes Selbstwertgefühl trägt ein Übriges bei zu dem Bild, das sich Landsleute von ihm machen. Als Buchautor hat er mit seinen mehr als zwanzig Werken in 25 Jahren ein Millionenpublikum erreicht. Was Schmidt von den berufsmäßigen Beobachtern der politischen Klasse gehalten hat, war bekannt, seit er die Journalisten als „Wegelagerer“ bezeichnet hat. Der ehemalige „Zeit“-Chefredakteur Theo Sommer dementierte freilich um den 90. Geburtstag Schmidts herum, was der „Spiegel“ verbreitet hatte, nämlich dass der Alte in der Redaktion noch immer den Kanzler spiele; dass er in den Konferenzen die Diskussion an sich reiße und rücksichtslos die Keksteller leere.

Länger als manches Menschenleben dauert, war Helmut Schmidt mit Hannelore Glaser („Loki“) verheiratet. Eine Liebeserklärung, die er seiner Frau einmal machte, lautete so: „Wir rauchen seit siebzig Jahren zusammen.“ Aus der Ehe, die 68 Jahre dauerte, gingen zwei Kinder hervor. Sein Sohn Helmut Walter, geboren am 26. Juni 1944, verstarb im Februar 1945. Seine Tochter Susanne wurde 1947 geboren. Sie ist promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin.

Nach Lokis Tod im Oktober 2010 hatten seine Freunde erwartet, dass er sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen würde. Es kam anders. In der ersten August-Ausgabe 2012 des „Zeit“-Magazins plaudert der einstige Weltökonom wie üblich mit Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, jetzt unter der Rubrik „Fragen an den Altkanzler“, über dies und das, als der Interviewer die nicht gerade naheliegende Frage einstreut: „Gibt es außer Loki einen Menschen, an den Sie beinahe täglich denken?“ Die Antwort, die wegen des wiederholten „beinahe täglich“ auf den ersten Blick etwas befremden könnte, ist dennoch eindeutig: „Beinahe täglich denke ich an meine Freundin Ruth Loah.“ „Ist sie Ihre neue Lebensgefährtin?“ Nun antwortete Schmidt so, wie man es von ihm erwartete: „Ja.“ Die Nachfrage, die kommen musste, kam auch: „Seit wann kennen Sie sie?“ Nur so viel verrät Schmidt: „Ich kenne sie seit 1955. Sie war mal meine Mitarbeiterin, auch hier bei der ,Zeit’. Sie ist eine große Hilfe.“

Als Politiker hatte Helmut Schmidt den Ruf des Machers. Die Jahrzehnte danach haben gezeigt, dass er mehr war, ein Denker, ein Mahner, ja, auch wenn er den einen oder anderen damit genervt haben mag: ein Welterklärer. 


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