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Aktivisten für den Klimaschutz bei einer Demo in Frankfurt am Main.

Aktivisten für den Klimaschutz bei einer Demo in Frankfurt am Main. © Frank Rumpenhorst

Klima

Deutsche Hindernisfahrt zum Pariser Klimagipfel

Terrorismus, Fluchtbewegungen und die Finanzkrise bestimmen momentan die europäische Debatte. Doch es wäre gefährlich, den Klimaschutz auf bessere Zeiten zu verschieben. Schon jetzt ist das Zwei-Grad-Ziel in Gefahr. Und wann bessere Zeiten kommen, weiß niemand zu sagen.

Frankfurt/Paris. "Sänk juu vor trävelling wiz Deutsche Bahn", tönt es aus der Sprechanlage des Sonderzuges. Die im typischen "Bahn-Englisch" gehaltene Ansage spricht Bundesumweltministerin Barbara Hendricks.

Die meisten Politiker, Umweltaktivisten und Journalisten, die Hendricks auf ihrer Reise zum UN-Klimagipfel in Paris begleiten, finden das lustig. Die Stimmung im Zug ist gut - zumindest bis zum Halt in Frankfurt am Main.

Wie aus dem Nichts tauchen auf einer Wartungsbrücke unter dem Bahnhofsdach plötzlich drei junge Menschen in Anoraks auf. An neongelben Seilen lassen sie sich herab - nur wenige Zentimeter von der Hochspannungsleitung entfernt, begleitet vom lauten Geschrei des schockierten Sicherheitspersonals. Einige Schaulustige drehen sich um. Sie wollen nicht mit ansehen, wie jemand durch einen Stromschlag stirbt. Doch dazu kommt es nicht. Die Aktivisten setzen sich auf das Zugdach. Ein langhaariger junger Mann zieht einen Zettel aus der Jackentasche und liest eine etwas wirre vorbereitete Erklärung vor.

Aufgekratzt war an diesem kühlen Novembertag auch der ehemalige CDU-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla in den Zug eingestiegen. Er ist als Bahn-Vorstand auch Gastgeber der Reisegesellschaft. Heikle Themen wie die Pünktlichkeitsprobleme der Bahn und sein eigener flotter Wechsel aus der Politik zum Staatskonzern kommen nicht zur Sprache. Stattdessen kann Pofalla berichten, dass sein Unternehmen bei den firmeneigenen Klimaschutzzielen demnächst nachlegen will.

Bis 2020 will die Bahn ihren CO2-Ausstoß um eine Million Tonnen pro Jahr verringern. "Das wollen wir durch neue Fahrzeuge wie den ICE 4, den wir nächste Woche vorstellen, erreichen, und durch die Schulung unserer Lokführer, die lernen, wie man energiesparend fährt", sagt Pofalla. 

Auch die anderen Gespräche im Sonderzug, der via Frankfurt nach Paris fährt, drehen sich vor allem um die Menschheitsfrage Klimaschutz - zumindest bis zur Ankunft der kleinen Protest-Gruppe. Deutschland gilt beim Klimaschutz international als Vorbild, weil der Anteil erneuerbarer Energien in den vergangenen Jahren gestiegen ist, bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum.

Doch ob das deutsche Klimaschutzziel - 40 Prozent weniger CO2-Ausstoß bis 2020 - ohne einen beschleunigten Ausstieg aus der Kohle überhaupt zu stemmen ist, stellen viele Experten infrage. Die Grünen-Vorsitzende Simone Peter entrollt am Morgen vor der Abfahrt des Sonderzugs gemeinsam mit Parteikollegen ein Transparent mit der Aufschrift "Frau Hendricks, verkohlen Sie uns nicht!" 

Mit Hendricks' Vorschlägen für einen graduellen Ausstieg aus der Kohle könnten die Grünen wohl gut leben. Ihr Problem ist, dass nicht die Umweltministerin, sondern das Wirtschaftsministerium unter Sigmar Gabriel (SPD) für Energiefragen zuständig ist. "Und da weht ein anderer Wind", sagt Peter.

Die Bundesumweltministerin ist immerhin zuversichtlich, dass der Pariser Klimagipfel mit einem Abkommen enden wird. Vieles spricht dafür: Rund 90 Prozent der Teilnehmerstaaten haben bereits im Vorfeld Zusagen für nationale Maßnahmen zur Senkung des Ausstoßes von Treibhausgasen gemacht. Nach dem Blutbad, das islamistische Terroristen am 13. November in Paris angerichtet haben, finden es einige Teilnehmer besonders wichtig zu zeigen, dass die Staatengemeinschaft in der Lage ist, in wichtigen Fragen Kompromisse zu finden.

Die jungen Protestierer auf dem Dach des ICE sagen, in Paris versammelten sich keine Klimaretter, sondern die "Verursacher" des Klimawandels. Barbara Hendricks versucht, die Demonstranten auf dem Zugdach mit einem Gesprächsangebot zum Einlenken zu bewegen - allerdings ohne Erfolg.

Als die deutsche Reisegesellschaft schließlich am Abend mit zweieinhalbstündiger Verspätung am Pariser Ostbahnhof ankommt, merkt sie sofort, dass hier nichts mehr ist wie früher. Die Polizisten, die am Ende des Gleises Spalier stehen, grüßen zwar freundlich - doch sie sind schwer bewaffnet.

Dass nicht jede der 196 Delegationen, die hier in den kommenden zwei Wochen verhandeln werden, die gleichen Vorstellungen davon haben, wie der Planet zu retten sei, können die Deutschen, die den Ausstieg aus der Atomenergie vorbereiten, schon auf dem Weg mit dem Shuttle-Bus zum Konferenzort im Pariser Vorort Le Bourget feststellen. Dort hat die französische Atomlobby Plakate aufgehängt, auf denen sie Kernkraftwerke als Patentrezept für die Reduzierung von Treibhausgasen präsentiert.

dpa


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