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„Wären meine beiden Helfer nicht gewesen, würde ich heute sicher nicht vor Ihnen sitzen“: Nach dem Anschlag bedankt sich Bürgermeister Andreas Hollstein bei seinen Rettern.

„Wären meine beiden Helfer nicht gewesen, würde ich heute sicher nicht vor Ihnen sitzen“: Nach dem Anschlag bedankt sich Bürgermeister Andreas Hollstein bei seinen Rettern.
 © dpa

Messerattacke in Altena

Der Hass und das Attentat auf den Bürgermeister

Altena im Sauerland gilt als Musterbeispiel gelungener Integration von Flüchtlingen. Die treibende Kraft dahinter war CDU-Bürgermeister Andreas Hollstein. Jetzt wurde er Opfer eines Mordversuchs. Warum werden immer mehr Kommunalpolitiker massiv bedroht?

Altena.  Am Morgen danach quillt bereits wieder der Hass aus seinem Computer. An der linken Seite seines Halses klebt ein großes weißes Pflaster, darunter klafft eine 15 Zentimeter lange Schnittwunde, und auf dem Bildschirm liest Andreas Hollstein Nachrichten, in denen sinngemäß steht: Gut, dass jemand versucht, dich zu töten. Schade, dass er es nicht geschafft hat.

Wenn es noch einen Beweis brauchte, dass das Attentat von Altena nicht nur die irre Tat eines Einzelnen war, sondern auch der Ausdruck eines verbreiteten Denkens, von Aggression und Gewalt, dann sind es diese Nachrichten. „Jeder Politiker erlebt Hass und Bedrohungsszenarien, der Streit und die Wörter werden immer rücksichtsloser“, sagt Bürgermeister Hollstein an diesem Morgen im Ratssaal des Rathauses von Altena – und fügt fast entschuldigend hinzu: „Dieser Mann war lediglich das Werkzeug.“

Es ist in diesem Moment ziemlich genau 15 Stunden her, dass Andreas Hollstein „diesem Mann“ zum ersten Mal begegnet ist. Am Montagabend, kurz vor acht, geht Hollstein in den City-Grill in der Marktstraße von Altena, um für seine Frau, die krank daheim ist, einen Döner zu kaufen. Der Imbiss liegt nur 200 Meter von seinem Haus entfernt, Hollstein kommt häufiger hierher. Er kennt den Besitzer, manchmal plaudern sie ein wenig, auch dieses Mal. Dann kommt ein Mann hinein, hört zu, „fixiert mich von der Seite“, wie es Hollstein später beschreibt. Irgendwann fragt der Mann: „Sind Sie der Bürgermeister?“ Als Hollstein bejaht, zieht der Mann ein Messer aus seinem Rucksack, ein 34 Zentimeter langes Küchenmesser mit einer 22 Zentimeter langen Klinge.

Was dann geschieht, bewertet die Staatsanwaltschaft Hagen als versuchten Mord. „Aus niederen Beweggründen“, wie Oberstaatsanwalt Gerhard Pauli präzisiert.

Lebensretter

Lebensretter: Vater und Sohn Abdullah und Ahmet Demir haben den Attentäter in ihrem Imbiss überwältigt.

Quelle: dpa

Hollstein erinnert sich so an das Attentat: „Sie lassen mich verdursten und holen 200 Flüchtlinge nach Altena“, sagt der Mann. Dann geht er auf den Bürgermeister los, führt die Klinge an dessen Hals. „Ich stech dich ab“, droht er. Hollstein wehrt sich, die beiden Besitzer des Imbisses, Abdullah Demir und sein Sohn, kommen ihm zur Hilfe. Gemeinsam gelingt es den drei Männern, den Angreifer zu überwältigen.

„Ich habe um mein Leben gefürchtet“, sagt Bürgermeister Hollstein am nächsten Tag im Ratssaal. Er sei zum Glück letztlich nur leicht verletzt worden. „Aber wären meine beiden Helfer nicht gewesen, würde ich heute sicher nicht vor Ihnen sitzen“, sagt er zu den Journalisten vor ihm.

„Manche leben in permanenter Angst“

Nach dem Messer-Angriff auf einen Bürgermeister im Sauerland beklagt der Städte- und Gemeindebund immer mehr Übergriffe auf kommunale Amtsträger und fordert den Staat zum Handeln auf. Ein interview.

Wieder ist ein Kommunalpolitiker wegen seiner flüchtlingsfreundlichen Haltung zum Ziel von Hass und Gewalt geworden. So wie die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die vor zwei Jahren von einem rechtsextremen Angreifer lebensgefährlich verletzt wurde. Oder wie Joachim Kebschull, der Bürgermeister des Ortes Oersdorf in Schleswig-Holstein, den Unbekannte im vergangenen Jahr von hinten vor einer Ausschusssitzung niederschlugen. Niederste Beleidigungen, heftigste Drohungen, alles das gehört für ehren- wie hauptamtliche Politiker, die sich in ihrer Stadt oder ihrem Dorf für eine menschenfreundliche Haltung gegenüber Fremden einsetzen, mittlerweile zum Alltag. Das Leben als verbales Hassobjekt kennen viele Bürgermeister inzwischen nur zu gut. Doch der Fall Altena zeigt, dass alle Schranken zu brechen drohen – und wie groß die Gefahr ist, dass Drohungen tatsächlich umschlagen in brutale Gewalt.

„Unser Ziel ist es, die Flüchtlinge zu Mitbürgern zu machen“

Dabei hatte das 17 000-Einwohner-Städtchen im Sauerland lange gewirkt wie ein Hort der Humanität. Die Menschen, die 2015 aus Syrien und Afghanistan Deutschland erreichten, schienen Altena gerade recht zu kommen. Dessen wirtschaftliche Blütezeit war in den Siebzigerjahren zu Ende gegangen. Damals hatte die Metallindustrie die Stadt verlassen, und mit ihr gingen Tausende Menschen. Dafür gab es nun viel Platz in der Stadt – und viele freie Wohnungen. Mochten andere in den Flüchtlingen eine Bedrohung sehen, Andreas Hollstein und viele andere sahen in ihnen auch eine Chance für ihre Stadt.

Attentat im Dönerladen

Attentat im Dönerladen: Nahe seiner Wohnung ist Bürgermeister Hollstein niedergestochen worden.

Quelle: dpa

Knapp 300 Menschen hätte Altena damals laut nordrhein-westfälischem Verteilungsschlüssel aufnehmen sollen. Doch während andere zauderten, hieß Altena sogar noch 100 mehr willkommen. Eine der treibenden Kräfte dahinter: Andreas Hollstein, vierfacher Vater, Bürgermeister seit 1999. CDU-Politiker, Unterstützer von Angela Merkels Flüchtlingspolitik. „Unser Ziel ist es, die Flüchtlinge zu Mitbürgern zu machen“, sagte Hollstein. Das meinte er ernst.

So entwickelten die Altenaer ein besonderes Hilfssystem, eine Art Altenaer Weg der Integration. 50 ehrenamtliche Helfer sorgten dafür, dass jede Familie einen eigenen Mentor erhielt, der sie bei Amtsgängen und Wohnungssuche unterstützte. Große Sammelunterkünfte wie in anderen Städten hatte Altena nicht nötig, es gab genügend freie Wohnungen. „Da waren wir gegenüber anderen Kommunen klar im Vorteil“, sagte Hollstein selbst. Es gibt sofort Sprachkurse für jeden, der kommt, Arbeitsmöglichkeiten, Begegnungen im Café International, und wenn doch mal etwas nicht klappt, kümmert sich Andreas Hollstein schon mal persönlich: „In der Stadtverwaltung kann ich jederzeit ganz nach oben gehen zum Bürgermeister“, sagte eine ehrenamtliche Helferin im vergangenen Jahr in einem Interview.

Nicht viel über den Täter von Altena bekannt

So viel Engagement sprach sich dann auch bis Berlin herum. Im Mai verlieh Angela Merkel Altena den Nationalen Integrationspreis. „Wir sind überzeugt, dass Integration da am besten gelingt, wo Menschen sich gegenseitig aufeinander einlassen“, sagte die Kanzlerin. „Ich glaube, wir kriegen Deutschland in eine gute Zukunft geführt“, entgegnete Bürgermeister Hollstein, „und die ist bunt.“ Altena, das leuchtende Beispiel. Altena, die etwas andere Kleinstadt. „Die Stadt, die Flüchtlinge liebt“, schrieb eine Zeitung. Das stimmte offenbar für sehr, sehr viele Menschen in Altena. Aber anscheinend nicht für alle.

Bereits im Herbst 2015 zündet ein 26-jähriger Feuerwehrmann mit einem Komplizen ein Haus an, in dem sieben Flüchtlinge wohnen. Das Gericht bescheinigt ihnen eine „verfestigte ausländerfeindliche Gesinnung“. Auch Andreas Hollstein begegnet seit dieser Zeit immer wieder dieser Gesinnung – in Form von Mails und Briefen, die mit der Zeit immer rücksichtsloser, immer verrohter wurden. „Das Gift aus den sozialen Medien findet vor allem Eingang in die simpleren Gemüter“, so beschreibt Hollstein am Dienstag, was ihn fast täglich erreicht. Bis Montag jedoch war es bei Worten geblieben. Bis der 56-jährige Werner S. den Imbiss betrat, in dem Andreas Hollstein schon auf sein Essen wartete.

Es ist nicht viel, was über den Täter von Altena bekannt ist. Nichts, das den Hass erklären würde. Gelernter Maurer, zuletzt arbeitslos, geschieden, allein lebend, keine Kinder. Er habe wohl psychische Probleme gehabt, erklärt die Staatsanwaltschaft, ein Gutachter soll die Schuldfähigkeit klären. Aber klar ist offenbar auch, dass S. politische, fremdenfeindliche Gründe hatte, den Bürgermeister anzugreifen. Die Tat, so schildert es Hollstein selbst, war offenbar spontan und geplant zugleich.

„Attacken auf Amtsträger sind verabscheuungswürdig“

Spontan, weil Werner S. nicht wissen konnte, dass Hollstein an diesem Abend in den Imbiss kommen würde. Geplant, weil er ein Messer dabei hatte und trotz der 1,1 Promille, die die Polizei später misst, äußerst kraftvoll und zielstrebig vorging. „Mein Eindruck war: Ja, dieses Messer war für mich gedacht“, sagt Andreas Hollstein. „Erschießt mich doch“, soll S. den Beamten zugerufen haben, die ihn schließlich festnahmen. Der Ermittlungsrichter erließ Dienstagnachmittag Haftbefehl gegen ihn wegen versuchten Mordes.

Der Altenaer Bürgermeister erfuhr am Dienstag viel Solidarität aus der ganzen Republik, auch von höchster Stelle. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schrieb: „Sie können gewiss sein, dass nicht nur ich, sondern sehr viele Menschen in unserem Land derzeit mit Ihnen fühlen und Ihnen alles erdenklich Gute wünschen.“ Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) erklärte: „Attacken auf Amtsträger, die sich mit ihrem persönlichen Einsatz für unsere Gesellschaft einbringen, sind verabscheuungswürdig.“ „Politik und Zivilgesellschaft müssen sich stärker schützend vor Betroffene stellen“, forderte Aydan Özoguz, Beauftragte der Bundesregierung für Migration und Flüchtlinge.

Doch reicht das, um die Betroffenen zu bestärken? Können Appelle verhindern, dass Politiker irgendwann zermürbt kapitulieren? Fast jeder zweite Bürgermeister gab zuletzt an, regelmäßig Hassmails zu erhalten. In Bocholt, eineinhalb Autostunden entfernt von Altena, gab vor einem Jahr der Chef der örtlichen SPD, Thomas Purwin, sein Amt auf. Vorher gab er noch einen kleinen Einblick in die Art von Post, die der Bürgermeister regelmäßig erhielt. Die gesamte Stadtverwaltung müsse „vergast werden“, stand zum Beispiel darin, oder auch: „Molotov is waiting for you.“ Andere Schreiber wiederum malten sich aus, ihn „mit Kleinkaliber“ zu töten.

Andreas Hollstein sagte am Dienstag, er werde Unterstützung brauchen, um die Tat zu verarbeiten. „Ich werde mir Hilfe holen.“ Aufgeben jedoch, betonte er, werde er nicht.

Von Thorsten Fuchs


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