Navigation:

© Wolfgang Kumm

Die wichtigsten Antworten

Brexit: Was passiert, wenn die Briten gehen?

Am Donnerstag stimmen die Briten darüber ab, ob sie in der Europäischen Union bleiben oder nicht. Die Nervosität vor dem Referendum ist groß: Was passiert, wenn das Volk sich für den „Brexit“ entscheidet? Wie sehen die wirtschaftlichen und politischen Folgen für Großbritannien und die EU aus? Die Neue Presse beantwortet die
wichtigsten Fragen zu dem Thema.

Was stört die Briten am meisten an der EU?

London. Die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens führte auf der Insel von Beginn an zu hitzigen Debatten – bereits 1975, kurz nach dem Beitritt von 1973, gab es ein Brexit-Referendum. Die Briten entschieden sich zu bleiben. Die Regularien der Europäischen Union greifen vielen stolzen Briten zu weit in die Unabhängigkeit des Landes ein. Sie kritisieren eine Machtverschiebung Richtung Brüssel und damit einen Demokratieverlust. Auch die Einwanderung – vor allem aus Süd- und Osteuropa –, die innerhalb der EU großzügig geregelt ist, stößt den Insulanern sauer auf. Großbritannien, davon sind Brexit-Befürworter überzeugt, wäre als Weltmacht auch ohne die EU stark genug und könnte sich besser entwickeln.

Warum wollen trotzdem noch viele Briten in der EU bleiben?

Sie sehen, dass viele Nachteile auf das Königreich zukommen: Bei einem Brexit fliegt Großbritannien aus sämtlichen Freihandelsabkommen der EU und müsste neue bilaterale Verträge aushandeln – und zwar weltweit mit allen Handelspartnern. Das kostet enorm viel Zeit. So sagte US-Präsident Barack Obama, Großbritannien würde beim Abschluss eines Handelsabkommens mit den USA „am Ende der Schlange landen“. Steigen die Zölle, steigen mit ihnen die Kosten für Im- und Exporte, das Wirtschaftswachstum lässt nach: Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die britische Wirtschaftsleistung im Falle eines Brexit bis 2019 um 5,6 Prozent sinken könnte. London würde zudem als internationaler Handels- und Bankenplatz seine Attraktivität verlieren. Die europäische Bankenaufsicht kündigte bereits an, im Falle eines Brexits aus London wegzuziehen.

Wie läuft ein Austritt ab?

Nach Artikel 50 des EU-Vertrags muss dem Europäischen Rat die Austrittsabsicht offiziell mitgeteilt werden. Dann folgen Verhandlungen für ein Abkommen zum Austritt und zu den weiteren Beziehungen, das dauert mindestens zwei Jahre. Manche fürchten, dass Großbritannien dadurch „ein Jahrzehnt“ des Stillstandes bevorsteht.

Gibt es ein Zurück?

Ja. Allerdings muss dafür ein komplett neues Mitgliedsgesuch gestellt werden. Die Verhandlungen würden bei null ansetzen.

Crasht die Börse nach einem Brexit?

„Bei einem Brexit wird es wohl starke Reaktionen an der Börse geben“, glaubt Felbermayr, Leiter des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München, „die Finanzmärkte rechnen mit einem Verbleib Großbritanniens in der EU – Überraschungen werden in der Regel abgestraft.“ Schon jetzt zeige sich die Verunsicherung deutlich, das Pfund hat zuletzt deutlich an Wert verloren. Grundsätzlich gilt: Die auf der Insel beheimatete Finanzbranche müsste sich komplett neu aufstellen, viele Banken fürchten deswegen die Trennung von der EU.

Werden Inselprodukte teurer?

Etwa die Hälfte der britischen Warenexporte und ein Drittel der Dienstleistungen, unter anderem Finanzgeschäfte, gehen in Richtung EU. Sollten die Briten nicht mehr Mitglied des Binnenmarkts sein, sind wirtschaftliche Einbußen wahrscheinlich. „Wenn Großbritannien aus dem Binnenmarkt und der Zollunion aussteigt, muss mit höheren Preisen gerechnet werden“, so Ifo-Chef Felbermayr.

Folgt für Deutschland ein Exporttief?

Experten sind sicher, dass ein Austritt Großbritanniens aus der EU Auswirkungen auf deutsche Exporte hat. Vor allem die Automobilindustrie würde Schaden nehmen, sagte der Geschäftsführer der Britischen Handelskammer in Deutschland, Andreas Meyer-Schwickerath. Insgesamt müsste Deutschland mittelfristig wohl mit einer geringeren Wirtschaftskraft rechnen. Großbritannien ist der größte Direktinvestor in Deutschland, mehr als 200 000 Beschäftigte arbeiten bei britischen Firmen in Deutschland. Insgesamt liefert die deutsche Wirtschaft jährlich Waren im Wert von 90 Milliarden Euro auf die Insel. Davon hängen rund 750 000 Jobs ab.

Wird durch einen Brexit eine EU-Austrittswelle losgetreten?

Austrittsbefürworter in anderen
EU-Ländern könnten dadurch Rückenwind bekommen. Die Vorsitzende des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, etwa fordert schon lange den Austritt aus dem Euro und das Ende des Schengen-Raums. Manche Analysten glauben dagegen, dass ein Brexit die anderen EU-Staaten enger zusammenrücken lässt.

Muss Premierministe r
David Cameron bei einem Brexit zurücktreten?

Im Falle eines EU-Austritts fordern viele Briten den Rücktritt Camerons, unter anderem sein Parteifreund Kenneth Clarke. Cameron sagte, bei einem Votum für den EU-Austritt Premierminister bleiben zu wollen.

Welche Folgen hätte der Brexit für Briten in anderen EU-Staaten?

Für die Briten wird es ohne neue Regelungen keine allgemeine Freizügigkeit innerhalb der EU mehr geben. Sie bräuchten auf dem Arbeitsmarkt wie andere Nicht-EU-Ausländer sowohl eine Arbeitsgenehmigung als auch einen dauerhaften Aufenthaltstitel. In Deutschland haben 106 000 Briten einen permanenten Wohnsitz. Nicht wenige von ihnen interessieren sich jetzt für eine Einbürgerung. „Ich werde jetzt ständig gefragt, wie lange man hier gelebt haben muss, um Deutscher werden zu können“, berichtet der Berliner Politikberater Jon Worth. Er selbst wird im Fall eines Brexit den deutschen Pass beantragen, kündigt er an: „Ich brauche die EU-Freizügigkeit, das ist Kern meiner Arbeit, Teil meines ganzen Lebens und wichtiger als mein britischer Pass.“

Was ist mit EU-Bürgern, die in Großbritannien arbeiten oder Urlaub machen wollen?

Für EU-Bürger gehörte es bislang zur europäischen Grundfreiheit, nach Großbritannien reisen, dort leben und arbeiten zu können. Das wird durch den Wegfall der Arbeitnehmerfreizügigkeit erschwert. In Großbritannien arbeiten derzeit 2,1 Millionen EU-Ausländer. Ihr Wegfall würde deutliche Spuren bei der britischen Wirtschaftsleistung hinterlassen, und die zwei Jahre Übergangsfrist reichen nicht aus, um die Arbeitskräfte zu ersetzen. Für europäische Touristen würde sich wahrscheinlich nichts ändern. Experten schätzen, dass es keine allgemeine Visumspflicht für EU-Ausländer geben wird, da die Folgen für den Tourismus zu verheerend wären. Grenzkontrollen bei der Einreise gibt es schon jetzt, denn Großbritannien gehört nicht zum Schengen-Raum.

Was machen die Schotten?

Schottland gilt als die europafreundlichste Region Großbritanniens und wird höchstwahrscheinlich für den Verbleib stimmen. Wenn das Votum im ganzen Königreich jedoch pro Brexit ausfällt, wird vermutlich die Unabhängigkeitsbewegung wieder Auftrieb bekommen. Erst im September 2014 hatten die Schotten beim Referendum über die Abspaltung von London mit einer Mehrheit von 55 zu 45 Prozent für den Verbleib gestimmt.

Was passiert im Falle eines Verbleibs in der EU?

Großbritannien bliebe ein Mitglied der Gemeinschaft. Allerdings würde die EU dann über neue Sonderrechte für die Insel verhandeln, die den Briten versprochen wurden – etwa niedrigere Sozialleistungen für EU-Migranten. „Doch selbst wenn die Briten knapp für den EU-Verbleib stimmen würden, wäre die britische Frage nicht gelöst“, sagt Julia Klein vom Institut für Europäische Politik (IEP) in Berlin, „das Brexit-Lager wird nicht einfach verstummen, und wahrscheinlich noch einmal ein Referendum anstreben, spätestens zu den nächsten Wahlen.“ Die Briten würden weiterhin die institutionelle und politische Struktur der EU infrage stellen und eine Revision der EU-Verträge vorantreiben, um die Ergebnisse der Neuverhandlungen der britischen EU-Mitgliedschaft vom Fe-
bruar 2016 rechtlich zu verankern.

Ist die EU bei einem Nein zum Brexit fein raus?

Nein, denn selbst wenn Großbritannien Mitglied bleibt, muss die EU einen Dialog über ihre Zukunft einleiten, ist Julia Klein überzeugt: „Es muss ein Prozess eintreten, in dem geklärt wird, wie die europäische Integration weitergehen soll. Die Brexit-Debatte hat noch einmal grundsätzliche Fragen aufgeworfen.“ Klein sieht darin eine Chance für die Gemeinschaft: „Dadurch könnten Modelle der differenzierten Integration vorangetrieben werden.“


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Was halten Sie von einem Rauchverbot im Auto?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie