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Deutschland/Welt Bayerns Antwort auf die AfD
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08:02 28.05.2018
Der Mann, der Heimat verkörpern will: Markus Söder beim Almabtrieb mit Schäfchen im Arm. Quelle: Foto: Twitter/Markus Söder
Trudering

Natürlich geht es um die Bilder, wie immer bei Markus Söder. Und natürlich auch darum, ob er für das Aufhängen von Kreuzen in bayerischen Behörden den allerhöchsten Segen bekommt. Wenn Papst Franziskus den CSU-Mann am kommenden Freitag zu einer Privataudienz empfängt, ist das für den bayerischen Ministerpräsidenten wie ein Ritterschlag. Söder hat einigen Anlass zur Hoffnung, dass sowohl der 20-Minuten-Termin im zweiten Stock des Apostolischen Palastes als auch ein Gespräch mit dem emeritierten Pontifex Benedikt erfolgreich für ihn laufen. Papst-Sekretär Georg Gänswein hat die bayerischen Kruzifixpläne im Vorfeld jedenfalls ausdrücklich gelobt.

Protestant Söder kann Schützenhilfe aus dem Vatikan gerade gut gebrauchen. Zumal ihn die scharfe Kritik, die ausgerechnet vom Münchner Kardinal Reinhard Marx kam, überrascht haben muss. Der Ministerpräsident, wie er im Foyer der Staatskanzlei ein geweihtes Kreuz aufhängt – das Bild sorgte bundesweit für heftige Reaktionen.

„Wir wollen unsere Lebensart durchsetzen“: Die CSU selbst ist darüber zerstritten, dass Söder in allen bayerischen Behörden wie hier in der Staatskanzlei Kreuze aufhängen lassen will. Quelle: dpa

Da war sie wieder, diese unbändige Lust an Inszenierung und kalkulierter Provokation, die über die Jahre zu Söders Markenzeichen geworden ist.

Zumindest aus dem katholischen Altbayern kommt viel Beifall. So sehr er empörten Widerspruch genießt, so sehr buhlt Söder auch um Zustimmung. Er saugt sie in sich auf wie der Durstige das Wasser, studiert jede Meinungsumfrage. Was er dort derzeit liest, kann ihm indes nicht gefallen.

Dass Söder am 14. Oktober, wenn die Bayern zur Wahl des neuen Landtages aufgerufen sind, die absolute Mehrheit der CSU verteidigen kann, ist keinesfalls ausgemacht – vor allem deshalb, weil die AfD im Freistaat immer noch bei starken 12 Prozent steht. Das erklärt Nervosität und Verunsicherung, die in der CSU an allen Ecken und Kanten zu spüren sind.

Werben die „demokratische Rechte“

Wie geht Söder damit um? Gelingt es ihm noch, das Image des kühl kalkulierenden Machtpolitikers abzustreifen? Bringt es etwas, die CSU, die bisher eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Parteiensystem war, weiter nach rechts zu rücken? Es ist die große offene Frage eines Wahlkampfs, der erst noch Fahrt aufnehmen muss.

Söder jedenfalls will auch die „demokratische Rechte“ für die CSU begeistern und setzt entsprechende Signale. Die Kreuze gehören dazu. Aber auch die neuen Polizeigesetze; nicht wenige bemängeln, dass besonders scharfe Teile davon womöglich nicht mehr in Einklang mit der Verfassung stehen.

Wer verstehen will, was die Bayern bewegt, muss unbedingt ins Bierzelt. Oder besser noch: zu Söder ins Bierzelt. Ortstermin in Trudering, weit draußen im Osten Münchens, Mitte Mai. Das hiesige Volksfest ist ein Premiumfest. Selbst die Leute von der Sicherheit tragen hier Trachtenjoppen. Als Angela Merkel vor einem Jahr in Trudering auftrat, erregte sie mit ein paar Sätzen über Donald Trump und darüber, dass Europa sich nicht mehr auf die Amerikaner verlassen könne, die Aufmerksamkeit der Weltpresse. Nun fährt der Ministerpräsident im schweren 7er-BMW vor.

Posieren unter weiß-blauem Himmel

Die Original Truderinger Böllerschützen erwarten den Mann, der schon als Prinz Charles der CSU verspottet wurde, weil Horst Seehofer partout nicht weichen und seinen Konkurrenten lieber nach Berlin wegloben wollte. Söder hält sich die Ohren zu, als die Salutschüsse über den Festplatz peitschen, posiert schließlich bei strahlendem Sonnenschein und weiß-blauem Himmel mit den Schützen: Szenen wie aus dem Heimatbilderbuch.

Es wird ein Auftritt zwischen Bierdunst und Blasmusik – Söders Paradedisziplin.

Noch einmal wird die ganze Rastlosigkeit des Franken an der Spitze Bayerns deutlich. Kaum eines der teuren Projekte, die er zum Start in den Vorwahlkampf angeschoben hat, bleibt unerwähnt. Nur „Bavaria One“, das von manchem belächelte bayerische Raumfahrtprogramm, vergisst Söder in der Eile. Stattdessen beschwört er die Einzigartigkeit des Freistaats, beschreibt seine Politik, die sich mit zwei Worten zusammenfassen lässt: Bayern first.

Wahlgrafik Bayern Quelle: RND

Das neue Polizeiaufgabengesetz und die bis ins Bürgertum reichende Verunsicherung – Nebensache an diesem Abend. Seinen Kruzifixplänen und der bayerischen Identität widmet Söder dagegen eine ausführliche Passage. Kein Wort über die Konkurrenz von rechts, die AfD.

Dass er an einer harten Linie in der Flüchtlingspolitik festhält, daran lässt Söder nicht den geringsten Zweifel. Deshalb baut er eine bayerische Grenzpolizei auf, denkt laut über das Zurückweisen von Flüchtlingen nach. „Wir wollen unsere Lebensart durchsetzen“, ruft er. Diejenigen, die gekommen seien, hätten sich „an uns anzupassen“, nicht umgekehrt. Donnernder Applaus.

Ganz vorn sitzt Markus Blume. Der Generalsekretär der CSU kommt aus dem Münchner Osten. Ein Mann, der nach Söders Worten auch für UN-Friedensmissionen geeignet wäre, da er mit Seehofer genauso gut könne wie mit ihm. Der hagere 43-Jährige ist Garant dafür, dass der Burgfrieden zwischen den notorischen Streithähnen hält.

Söder fremdelt mit Berlin

Seehofer und Söder – das ist wie ein eingefrorener Konflikt. Der eine in Berlin, der andere in München, sie lassen sich nicht zitieren mit Äußerungen über den anderen – abgerechnet wird später. Verfehlt Söder die absolute Mehrheit, wäre es für Seehofer, der sie schon einmal errungen hat, der Beweis, dass sein Nachfolger es einfach nicht kann.

Söder macht sich rar in Berlin, er fremdelt mit der Hauptstadt. Kaum eine seiner Reden vergeht ohne den Satz: „Wir wollen keine Berliner Verhältnisse in Bayern.“ Die jüngsten Wortmeldungen in der Flüchtlingsdebatte von Alexander Dobrindt, dem Chef der CSU-Abgeordneten im Bundestag, mögen wie Unterstützung für Söders Rechtskurs wirken. Doch die beiden misstrauen einander. Tatsächlich bringt sich Dobrindt mit seinen Zuspitzungen vorsorglich in Stellung. Die CSU-Machtarchitektur könnte sich nach der Landtagswahl im Herbst schneller ändern als gedacht.

Die oft beschworene Geschlossenheit der Christsozialen nach außen hat auch eine andere Seite: Die Lust am Sticheln, sobald Anonymität gewiss ist. Längst ist deutliches Grummeln zu vernehmen. Natürlich sei der Kruzifixvorstoß ein Fehler, sagt ein hochrangiger CSU-Mann in Berlin. Damit habe sich Söder angreifbar gemacht. Jetzt müsse er mit dem Vorwurf leben, das Kreuz zu Wahlkampfzwecken zu instrumentalisieren.

„Brauner Schmutz hat in Bayern nichts verloren“

Auch das jüngste Strategiepapier zum Umgang mit der AfD, das Parteimanager Blume Söder auf den Leib geschrieben hat, trifft intern nicht auf ungeteilte Zustimmung. „Brauner Schmutz hat in Bayern nichts verloren“, heißt es da. Eine Wortwahl, die manche im Vorstand als zu pauschal empfinden, als Beschimpfung von AfD-Wählern, die womöglich noch zurückzugewinnen wären.

Inzwischen akzentuiert Söder anders. „Der AfD kann man nicht allein durch Beschimpfungen oder Belehrungen entgegentreten. Man schwächt sie nur, indem die Sorgen ihrer Wähler ernsthaft angenommen und reale Probleme gelöst werden“, sagte der Ministerpräsident dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Nur wenn wir wirksam Zuwanderung begrenzen, den Rechtsstaat kraftvoll stärken und uns zu unserer Identität bekennen, werden wir konservative Wähler zurückgewinnen.“ Das sei das Angebot an abgewanderte Unionswähler: „Denn rechts von der Union darf es dauerhaft keine demokratisch legitimierte Partei geben.“

„Bayern first“ – für den Rekordverein Bayern München hat das Söder-Motto schon Tradition. Der Ministerpräsident und Verein müssen sich aber noch etwas annähern – bei der Übergabe des Heimtrikots mit der Nummer 12 stülpt Söder sich das Leibchen verkehrt herum über den Kopf. Quelle: picture alliance /

Das war auch schon das Credo von Franz Josef Strauß, der Söders großes Vorbild ist. Ganz im Stil von Parteilegende „FJS“ kündigte er im Februar beim politischen Aschermittwoch in Passau an, die CSU wolle wieder die „Lufthoheit über den Stammtischen“ erobern.

„Strauß würde AfD wählen“, hatte die AfD im vergangenen Jahr noch in Bayern plakatiert. Ein Satz, der eingefleischte CSUler bis aufs Blut reizt. „Strauß würde Söder wählen“ steht fast trotzig auf dem Poster, das dem Ministerpräsidenten im Truderinger Festzelt überreicht wird. Es zeigt auch: Team Söder lässt keinen Zweifel daran, dass Seehofers Erbe seinen politischen Bezug in der weiter entfernten Vergangenheit hat.

Von Rasmus Buchsteiner

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