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Deutschland/Welt Attacke auf einen Mann, der sich nicht schrecken lässt
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Attacke auf einen Mann, der sich nicht schrecken lässt
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12:43 16.12.2008
Alois Mannichl Quelle: Polizei/AP
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Am 23. Juli 2007 stirbt Friedhelm Busse in jenem Passauer Krankenhaus, in dem jetzt der 52-jährige Passauer Polizeichef Alois Mannichl liegt, schwer verletzt, aber außer Lebensgefahr. Es ist eine bizarre Überschneidung. Busse war jemand, bei dessen Namen Mannichl sofort aufmerkte. Ein Name, der wie kaum ein anderer für die rechtsnationale Szene in Passau stand.

Am 26. Juli des vergangenen Jahres wird Busse in Passau beerdigt, auf dem Friedhof St.-Korona, etwas außerhalb der Stadt. Die Passauer Polizei ist gewarnt. Busse, Jahrgang 1929, gebürtiger Bochumer und schon als Jugendlicher fanatischer Nazi, gehörte 1964 zu den Gründungsmitgliedern der NPD, war im Landesvorstand Nordrhein-Westfalen, später Vorsitzender der verbotenen FAP. Am Ende seines Lebens engagiert sich der mehrfach vorbestrafte und mittlerweile schon länger bei München wohnende Busse wieder für die NPD.

Deren derzeitiger Vorsitzender Udo Voigt, aber auch andere höherrangige Funktionäre der NPD sind bei der Beerdigung anwesend. Das ehemalige Bundesvorstandsmitglied Thomas Wulff bedeckt den Sarg mit einer umgefärbten Reichskriegsflagge, in deren Mitte ein Hakenkreuz verwoben ist. Die Polizei schaut zuerst in Zivil zu.
Dann nimmt sie elf Neonazis fest, darunter ist auch Wulff. Später kommt es zu Auseinandersetzungen in der Passauer Innenstadt. Am Tag danach lässt die Staatsanwaltschaft das Grab öffnen und die Flagge entfernen – maßgeblich beeinflusst von Alois Mannichl. Die Nazis werden diese – wie viele andere gegen sie gerichtete Aktionen – nicht vergessen. Am Sonnabend öffnet Mannichl einem Besucher arglos die Haustür. Dann wird er niedergestochen und dabei lebensgefährlich verletzt.

Zwar äußert sich die NDP bereits einen Tag nach der Messerattacke auf Mannichl scheinbar eindeutig: Sie nennt die Tat auf ihrer Seite im Internet einen „feigen Mordanschlag“ und verurteilt sie „aufs Schärfste“. Auch will sie „den Ermittlungsbehörden behilflich sein, den Täter ausfindig zu machen“. Die Distanzierung hat ihren Grund. Die verbürgte Bemerkung des Attentäters „Du trampelst nimmer auf den Gräbern unserer Kameraden herum!“ scheint Bezug zu nehmen auf einen Vorgang, um dessentwegen die NPD Mannichl noch Mitte November offiziell geschmäht hatte.

Mannichl, der sich stets persönlich herausgefordert fühlte, wenn es darum ging, eine Haltung zu Rechts- wie zu Linksradikalen einzunehmen, war am Volkstrauertag am Soldatenfriedhof in Passau erschienen, um sich, wie die NPD auflistete, „absichtlich provozierend 10 Zentimeter vor einen Funktionsträger der NPD“ zu stellen. Der Funktionär wechselte den Standort und Mannichl folgte ihm. Die vorgesehene Kranzniederlegung, vorher bereits von der Stadt verboten, wurde vom Polizeichef vor Ort kurzerhand unterbunden.

Am Montagmittag nun geht eine Demonstration durch die Passauer Altstadt. Es sind meist Studenten. Das Motto heißt „Kein Platz für rechte Gewalt“. Derweil werden die beiden Männer von der Polizei entlassen, die als Tatverdächtige in der Nähe von Passau festgenommen worden waren. Mannichl hatte sie im Krankenhaus anhand von Fotos nicht identifizieren können. Auch die Abgleichung von Haarspuren am Tatort bringt die Fahnder nicht weiter. Außerdem hätten sie ein wasserdichtes Alibi für den Tatzeitpunkt angegeben, heißt es. Das Messer, mit dem der Unbekannte auf Mannichl eingestochen hat, stammt aus dem Haushalt des 52-jährigen Polizeichefs. Das Messer lag nach Angaben der Polizei im Eingangsbereich des Hauses. Nach einem adventlichen Brauch sollten sich Besucher damit ein Stück von einem Lebkuchen abschneiden können, den die Familie vor die Haustür gestellt hatte.

„Herr Mannichl hatte das Messer selbst dort abgelegt“, sagte der Leitende Staatsanwalt Helmut Walch, dessen Behörde jetzt von neuem damit beginnt, nach dem Täter und einem Begleiter, der das Auto fuhr, zu suchen.
Mannichl hat in seinem südwestlich von Passau gelegenen Wohnort Fürstenzell direkt vor Augen gehabt, wie sich die rechtsradikale Szene in den letzten Jahren entwickelte. Szenetreffpunkt war das örtliche Lokal „Traudl’s Café“, eine heruntergekommene Gaststätte, die den meisten Anwohnern peinlich ist, weil hier öfter sogenannte „Gesprächskreise für interessierte Bürger“ stattfinden. Hinter den Organisatoren der Veranstaltungen verbarg sich meistens eine rechtsradikale Organisation.

Insgesamt beziffert das Innenministerium, dessen Chef Joachim Herrmann nun eine „neue Dimension der Gewalt“ erreicht sieht, die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten in Bayern derzeit auf 1100. Dass Mannichl ein Feindbild abgab, war bekannt; insgesamt zählten die Beamten in der Region Passau in diesem Jahr bereits 83 rechtsextremistische Straftaten, mehr als doppelt so viele wie in den Jahren zuvor.

Auch eine im November veröffentlichte Studie der Universität Leipzig kam zu dem Ergebnis, dass sich rechtsextreme Einstellungen nicht nur im Osten zunehmend ausbreiten. In dem Ländervergleich, der im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung mit aktuellen Daten aus dem Jahr 2008 vorgenommen wurde, liegt Bayern bei der Frage nach chauvinistischen und antisemitischen Einstellungen ganz vorn und bei der Frage nach ausländerfeindlicher Einstellung auf Platz zwei.

Die Passauer Polizei war nicht untätig. Im August hatte sie unter anderem ein Zeltlager der rechtsextremen Gruppierung „Blood Brothers Niederbayern“ und die folgende Ersatzveranstaltung im Landkreis Rottal-Inn aufgelöst. Daraufhin war Mannichl persönlich öfter angefeindet worden, reagierte jedoch offensiv: als Mitglied der Überparteilichen Wählergemeinschaft saß er im Gemeinderat von Fürstenzell. Seine Anschrift und seine Telefonnummer waren für jeden im Internet zugänglich.

Bei dem mutmaßlichen Täter soll es sich nach den Beschreibungen Mannichls um einen mindestens 1,90 Meter großen Mann handeln, der ein stark dialektgeprägtes Bayerisch gesprochen habe. Allerdings sind selbst Gruppen wie die antifaschistische Aktion Passau (AAPA) vorsichtig, wenn es darum geht, den Verdächtigen einer Gruppierung zuzuordnen. Da die NPD als „wählbare Partei“ einen Ruf zu verlieren habe, wenn auch einen sehr schlechten, sei eine direkte Beteiligung wohl eher ausgeschlossen, heißt es bei der AAPA.

Noch ein Weihnachtsbrauch in Fürstenzell ist der sogenannte begehbare Adventskalender. An jedem Tag wird dabei ein Fenster eines anderen Wohnhauses geschmückt und geöffnet – auch das Reihenhaus der Familie Mannichl ist Teil des Kalenders. Am Sonntag, einen Tag nach dem Attentat auf Mannichl, wurde ganz normal wieder ein „Türchen“ geöffnet. „Es war sein eigener Wunsch, dass wir dies nun auf keinen Fall abbrechen“, sagt der Bürgermeister.

von Mirko Weber

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