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Terrorexperte Christian Tuschhoff.

NP-Interview

Das sagt Terrorexperte Christian Tuschhoff

Christian Tuschhoff ist Experte für Terrorismus und transatlantische Beziehungen an der Freien Universität Berlin. Er hat unter anderem als Gastdozent an der Elite-Universität Harvard bei Boston unterrichtet.

Was ging Ihnen als Terror-Experte durch den Kopf, als Sie die blutigen Bilder aus Boston gesehen haben?
Ich habe jedenfalls nicht an eine bestimmte Gruppe von Terroristen gedacht. Wie so häufig, sieht es danach aus, dass die Täter - wer auch immer sie sind - vor allem ein weiches Ziel treffen wollten. Ein Ziel, das man mit einfachen Mitteln unmittelbar angreifen kann.

Boston steht in den USA für akademische Eliten, gesellschaftliche Offenheit und Wirtschaftskraft - könnte dies ein Motiv für Täter aus dem rechten Spektrum sein?
Die Täter haben sich offenbar gescheut, ein symbolträchtiges, aber besser gesichertes Ziel in Washington oder Manhattan zu treffen. Ob das Image von Boston eine spezielle Rolle spielt, geben die Ermittlungen momentan nicht her. Terroristen suchen sich meist Ziele, die sie gut kennen. Wo sie sich leicht verstecken können. Deshalb glaube ich, hier haben operative Überlegungen eine größere Rolle gespielt als Symbole. Es ging darum, viele Menschen zu treffen, Angst zu schüren, Ohnmacht zu erzeugen.

Gefühle, die für viele Amerikaner mit den Anschlägen vom 11. September 2001 verbunden sind.
Genau, das plötzliche Bewusstsein, dass man eigentlich permanent einer Gefahr ausgesetzt ist - und sich nicht mit seinen eigenen Möglichkeiten dagegen schützen kann. Gerade dieser Aspekt ist für Amerikaner noch viel schwerer zu ertragen als für Europäer.

Ist das 9/11-Trauma so allgegenwärtig, dass der Anschlag von Boston reicht, um diese Erinnerungen sofort wieder hochzuspülen?
Auf jeden Fall. Diese Furcht und Hilflosigkeit sitzt ganz tief. Sie können jeden Amerikaner auf der Straße fragen, wo er am 11. September 2001 war - und jeder wird sofort eine Geschichte erzählen.

Nach dem Attentat in Boston wurden umgehend Passanten vom Gelände vor dem Weißen Haus verscheucht, in New York gingen Sicherheitsgitter hoch. Muss man die Rückkehr der Paranoia aus der Bush -Ära befürchten?
Das sind Standardverfahren, die sofort greifen, um Schlimmeres zu verhindern. Der Patriot Act aus den Zeiten von George W. Bush ist ja noch in Kraft. Die Balance zwischen Datenschutz, individueller Freiheit und Überwachung hat sich zu Gunsten der Sicherheit verschoben. Und ich sehe nicht, dass dies unter Präsident Obama zurückgedreht wird. Bislang ist die Reaktion aus dem Weißen Haus allerdings sehr maßvoll.

Müssen sich nun auch die Marathon-Veranstalter in London und Berlin neue Sicherheitskonzepte überlegen?
Jeder Großveranstalter muss sich immer Gedanken machen, wie man für Sicherheit sorgt. Dieser Anschlag dürfte aber Anlass genug sein, neu nachzudenken und Konzepte zu prüfen. Fest steht aber auch: Wenn die Bombe in Boston wirklich in einem Papierkorb lag, stellt sich die Frage, wie man so etwas überhaupt verhindern will.

Interview: Maja Heinrich


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