Navigation:
In Zeiten von Same-Day-Lieferung und Streaming wird es immer schwieriger, einen Anlass für Vorfreude zu finden.

In Zeiten von Same-Day-Lieferung und Streaming wird es immer schwieriger, einen Anlass für Vorfreude zu finden.
© Unsplash/Katie Treadway

Über die Vorfreude

... ist die schönste Freude

Was gibt es Schöneres für Kinder als Weihnachten? Genau: Die Vorfreude – das Kribbeln im Bauch, die Ahnung, dass etwas Wundervolles passieren wird, ohne genau zu wissen, was es ist. Erwachsene dagegen haben die freudige Erwartung längst verlernt – im digitalen Zeitalter muss am besten alles sofort sein.

Hannover. Endlich. Endlich ist es sechs Uhr. Endlich sagt Finns Mutter, dass er aufstehen darf. Die Zeit des Wartens hat ein Ende. Der Fünfjährige krabbelt unter seiner Bettdecke hervor und hat nur ein Ziel: den Adventskalender im Flur. Er öffnet das erste Türchen, ein kleines Schokoladenstück purzelt heraus. Finn strahlt und steckt es in den Mund. “Bald ist Weihnachten“, sagt er. 23 Schokoladenstückchen darf er bis dahin noch essen. An jedem Morgen, ausnahmsweise vor dem Frühstück. Dann kommen Oma und Opa zu Besuch. Dann kommt der Weihnachtsmann. Dann gibt es Geschenke. Und dann, und dann, und dann. Finn kann es kaum erwarten.

Das, was Millionen Kinder dieser Tage erleben, ist Vorfreude. Das große Warten auf den Weihnachtsmann hat begonnen. Da werden Kekse gebacken, Schuhe für den Nikolaus geputzt und das Haus mit Lichtern und Kerzen geschmückt. Auf dem Weihnachtsmarkt drehen die Karussells Runde um Runde, mit jeder Fahrt rückt das Fest ein Stück näher. Der Advent ist somit etwas wie der letzte Hort der Vorfreude. Abseits der Vorweihnachtszeit hat es die freudige Erwartung aber auch verdammt schwer: Längst haben wir das Warten verlernt, wenn möglich, nehmen wir alles sofort.

Im digitalen Zeitalter ist es schließlich nichts Besonderes mehr, wenn Bücher, Musik und Filme innerhalb weniger Sekunden aus dem Netz heruntergeladen werden. Mikrowellen und Markenjeans erreichen ihre Empfänger in weniger als 24 Stunden nach der Bestellung frei Haus. Jüngst testete das US-Warenhaus Amazon im New Yorker Stadtteil Manhattan, ob es funktionieren kann, zumindest handliche Waren innerhalb von nur einer Stunde mithilfe von Fahrradkurieren zum Kunden zu bringen.

Alle Wünsche werden umgehend erfüllt

Zumindest die Bewohner der Großstädte haben sich an das Prinzip der “Same Day Delivery“ gewöhnt. Der Grad ihrer Ungeduld lässt sich mitunter an der Zahl der Paketdienstfahrzeuge ablesen, von denen sich teilweise mehrere gleichzeitig durch zugeparkte Wohnstraßen quälen. Wir haben Lust auf eine Pizza? Oder fangfrisches Sushi? Dann erfüllen wir uns diesen Wunsch doch am besten gleich. Die Kaffeepads sind alle? Das ist kein Problem, wenn der Lebensmittelmarkt am Hauptbahnhof oder der Kiosk nebenan 24 Stunden am Tag geöffnet haben. Zwar müssen wir noch immer den Veröffentlichungstermin des neuen Albums unserer Lieblingsband abwarten. Den Weg zum Plattenladen, das Warten auf die Ladenöffnung sparen wir uns allzu oft aber doch – zumindest dann, wenn die Songs der Neuerscheinung per Stream schon morgens vor dem ersten Kaffee zur Verfügung stehen.

Der Volksmund mag auf Kalenderblättern noch so oft und unvergessen mahnen: “Vorfreude ist die schönste Freude.“ Der moderne Mensch hat diese Tugend eigentlich längst verlernt. Er lädt das neue Buch mittlerweile in weniger Zeit herunter, als es braucht, um die Rezension zu lesen. Aus Sicht der Wissenschaft ist die schnelle Sofortbefriedigung unserer Bedürfnisse jedoch durchaus bedenklich. Psychologen haben längst mit zahlreichen Studien belegt, dass Glückshormone stärker und anhaltender in dem Zeitraum ausgeschüttet werden, in dem Menschen sich auf etwas freuen – und eben nicht in dem Augenblick, in dem der Wunsch dann tatsächlich in Erfüllung geht.

Vorfreude ist gesundheitsfördernd

Wer mag, kann das ganz einfach an sich selbst überprüfen: Kindheitserinnerungen an die brennenden Kerzen am Weihnachtsbaum, den Weg zur Kirche und das geheimnisvolle Knistern im Wohnzimmer vor der Bescherung sind meist intensiver als die an den Moment des Auspackens, an die Entgegennahme des Inhaltes.

Der Neuroimmunologe Lee Berk und Forscher von der Loma Linda University in Kalifornien haben den gesundheitsfördernden Effekt von Vorfreude vor einigen Jahren mit einem Experiment belegt: Einer Gruppe der Probanden stellten sie den Genuss eines sehr lustigen Films in Aussicht, der Vergleichsgruppe dagegen sagten sie über den Inhalt nichts. Das Ergebnis war eindeutig: Die Probanden, die sich auf den witzigen Film freuten, schütteten in der Wartezeit depressionslindernde Beta-Endorphine sowie das menschliche Wachstumshormon HGH aus, das die Arbeit des Immunsystems stärkt.

Die Vorfreude hat aber auch ihre Schattenseiten: Denn in der Fantasie erscheint vieles, was der Mensch erwartet, strahlender, als es in der Wirklichkeit schließlich ist. Unsere Erwartungen können nun mal enttäuscht werden. Psychologen beschreiben die Vorfreude auch deshalb als schmalen Grat. Einerseits schwingt in ihr die Gewissheit mit, dass tatsächlich etwas Positives eintreten wird. Auf Ungewisses freilich freut sich der Mensch eigentlich nie. Andererseits funktioniert das Prinzip Vorfreude am besten, wenn das, worauf sich die Freude richtet, nicht zu konkret ist. Weiß ein Mensch, was ihn erwartet, fehlt die Neugier und das freudige Warten wird von einer anderen Empfindung überlagert: Ungeduld macht sich breit.

Hilfreicher Belohnungsaufschub

Gäbe es die perfekte Vorfreude, dann wäre sie wohl das, was Kinder vor Weihnachten spüren: Ihre kindliche Naivität lässt nicht zu, dass es neben dem Weihnachtsmann und den Geschenken auch etwas Negatives zu befürchten gibt. Ihnen die Vorfreude zu lassen, sie die Erwartung zu lehren kann sogar ein wichtiger Baustein in der Erziehung sein. Das Prinzip des Belohnungsaufschubs haben Wissenschaftler passenderweise mithilfe von Marshmallows erprobt. In dem Experiment wurden Vierjährige mehrere Minuten mit Marshmallows allein in einem Raum gelassen, ohne diese essen zu dürfen.

Zehn Jahre später befragten die Wissenschaftler die Probanden von einst erneut – mit folgendem Ergebnis: Kinder, die sich damals beherrschen konnten, waren im späteren Leben leistungs- und lernfähiger, sie lernten effektiver. “Kinder, die gelernt haben, Belohnungen aufzuschieben, sind auf vielfältige Weise für das Leben gewappnet“, sagte etwa auch die Psychologin Bettina Hannover in der “Welt“. “Und Weihnachten ist etwas, was Eltern wunderbar inszenieren können, um Kindern diesen Belohnungsaufschub beizubringen.“ Ein Adventskalender beispielsweise ist dabei eine gute Hilfe: Jeden Tag rückt das freudige Ereignis ein Stück näher, an Weihnachten wird das Kind belohnt.

Auch Finns Mutter hat einen Weg gefunden, zwischen all der Hektik der Vorweihnachtszeit die eigene Vorfreude wiederzuentdecken. Sie bestellt eine gute Flasche Wein im Internet. Am Tag nach dem für sie sehr arbeitsreichen Trubel des 24. Dezembers will sie in Ruhe ein Glas davon trinken. Ganz allein, und nur für sich. Einen Tag später hält sie die Flasche aus Frankreich in der Hand – bestellt per Express im Onlinehandel. Aber sie öffnet sie nicht. Liebevoll stellt sie die Flasche ins Regal. Vom Sofa aus kann Finns Mutter sie täglich sehen. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Noch 23 Tage. Dann, endlich.

Von Carina Bahl, Saskia Bücker, Mario Moers, Gunnar Müller, Tomma Petersen und Christin Tute


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Was halten Sie von den Obike-Leihfahrrädern in Hannovers City?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie