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Panorama Wohin mit El Chapo, der bereits zweimal aus Gefängnissen ausgebrochen ist?
Nachrichten Panorama Wohin mit El Chapo, der bereits zweimal aus Gefängnissen ausgebrochen ist?
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07:59 14.02.2019
El Chapo wurde am Dienstag für schuldig gesprochen, das Strafmaß wird im Juni erwartet. Quelle: AP
New York

Er gilt als Ausbrecherkönig wie kein anderer, konnte gleich zwei Mal spektakulär aus mexikanischen Hochsicherheitsgefängnissen entkommen. Nun ist es an den US-Behörden, für Joaquín „El Chapo“ Guzmán eine im wahrsten Sinne des Wortes dauerhafte Bleibe hinter Mauern und Stacheldraht zu finden.

Nach dem Schuldspruch einer New Yorker Geschworenenjury vom Dienstag gilt es als sicher, dass auf den berüchtigten ehemaligen Drogenboss eine lebenslange Haftstrafe zukommt. Aber wo könnte der Staat am besten einen Mann inhaftieren, der doch anscheinend eine dem magischen Entfesselungskünstler Houdini ähnliche Tendenz besitzt, sich zu befreien?

Unterkunft für die gefährlichsten Kriminellen

Experten glauben, dass „El Chapo“ – „der Kurze“, wie er wegen seiner Körperstatur genannt wird – ein idealer Kandidat für das Bundesgefängnis „Supermax“ im US-Staat Colorado ist. Die Hochsicherheitsanstalt ist auch als ADX bekannt, was für „administrative maximum“ steht, und als „Alcatraz der Rockies“ – in Anlehnung an das einstige berüchtigte Gefängnis auf einer kleinen Felseninsel in der Bucht von San Francisco.

Guzmán passe dorthin, sagt etwa Cameron Lindsay, der früher Direktor von drei US-Bundeshaftanstalten war. „Ich wäre absolut überrascht, wenn er nicht ins ADX geschickt würde.“

Die Einrichtung liegt nahe einer alten Bergbaustadt, ungefähr zwei Autostunden von Denver entfernt. Hier werden die gefährlichsten verurteilten Kriminellen untergebracht. Viele der 400 Insassen sitzen 23 Stunden am Tag in Einzelhaft, in einer 2,1 mal 3,7 Meter kleinen Zelle mit fest angebrachten Möbeln aus Stahlbeton.

Terroristen und Bombenleger als Zellennachbarn

Zu den Gefangenen dort zählen der als „Unabomber“ bekannt gewordene Serien-Briefbombenattentäter Ted Kaczynski, der Bombenleger beim Boston Marathon 2013, Dschochar Zarnajew, Zacarias Moussaoui, einer der Terrorverschwörer vom 11. September 2001, sowie Terry Nichols, ein Komplize beim Anschlag auf das Alfred-P.-Murrah-Bundesgebäude in Oklahoma City 1995.

Aber Guzmán, der wegen Zugehörigkeit zu einer Verbrecherorganisation und internationalen Drogenhandels schuldig gesprochen wurde, würde sogar unter all diesen berüchtigten Häftlingen hervorragen – wegen seiner schon mythischen Reputation, einen Fluchtweg zu finden.

Sensationeller Ausbruch aus Hochsicherheitsgefängnis

Wie 2015, als er auf geradezu sensationelle Weise aus dem Hochsicherheitsgefängnis Altiplano in Zentralmexiko ausbrach. Dort kommunizierte er via Handy über Wochen hinweg mit Komplizen und entkam dann mit einem Motorrad durch einen 1,6 Kilometer langen Tunnel, der unbemerkt von einem Nachbarhaus aus gegraben worden war und direkt zum Boden der Dusche in seiner Gefängniszelle führte. Anfang 2016 wurde er dann gefasst und kurz darauf an die USA ausgeliefert.

Es wird stark vermutet, dass Bestechung die filmreife Flucht ermöglichte und auch bei einem Gefängnisausbruch 2001 im Spiel war. Da wurde Guzmán in einem Wäschekorb aus einem anderen mexikanischen Hochsicherheitsgefängnis geschmuggelt.

Es müsse innerhalb der Gefängnismauern Hilfe gegeben haben, sagt Mike Vigil, der früher für die US-Antidrogenbehörde DEA verdeckt in Mexiko gearbeitet hat. „Es gibt keinen Zweifel, dass Korruption bei beiden seiner spektakulären Ausbrüche eine Rolle gespielt hat.“

Zehn-Zentimeter-Fenster als Blick in die Außenwelt

Könnte so etwas auch im „Supermax“ passieren? Ziemlich unwahrscheinlich.

Gefangene dort verbringen Jahre in Einzelhaft und oft Tage, „an denen nur ein paar Worte zu ihnen gesprochen werden“, wie es in einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International heißt. Ein ehemaliger Insasse beschrieb die Haft in einem „Boston Globe“-Interview als eine „High-Tech-Version der Hölle, darauf abgestellt, alle sinnliche Wahrnehmung auszuschalten“.

Die meisten Gefangenen haben einen Fernseher, aber ihr einziger wirklicher Blick in die Außenwelt beschränkt sich auf ein Zehn-Zentimeter-Fenster. Menschliche Kontakte sind minimal, die Häftlinge nehmen auch alle Mahlzeiten allein in ihrer Zelle ein.

Strafmaß wird im Juni verkündet

Die Einrichtung selber ist durch Stacheldrahtzäune, Türme mit bewaffneten Sicherheitskräften, ebenfalls schwer bewaffnete Patrouillen und Angriffshunde gesichert. „Wenn es jemals ein ausbruchsicheres Gefängnis gäbe, dann ist es die Einrichtung in Florence“, sagt Burl Cain, der früher Louisianas staatliches Hochsicherheitsgefängnis in Angola geleitet hat. „Es ist das Gefängnis aller Gefängnisse.“

Das Strafmaß gegen Guzmán wird erst im Juni verkündet, und so haben Behördenvertreter bisher auch nicht gesagt, wo der 61-Jährige die Haft verbüßen soll. Aber ihn erwarte eine Strafe, „von der es keine Flucht und keine Rückkehr gibt“, formulierte es Bundesanwalt Richard Donoghue nach dem Schuldspruch.

Bereits die Sicherheitsmaßnahmen im Vorfeld des dreimonatigen Prozesses spiegelten das immense Fluchtrisiko wider, das „El Chapo“ darstellt. Er verbrachte die Tage in Einzelhaft in einem Hochsicherheitstrakt des Metropolitan Correctional Center in Manhattan, das vor ihm auch schon Terroristen und Mafiosi schweren Kalibers beherbergt hat. Die Anstalt ist als „Little Gitmo“ („Klein-Gitmo“) bekannt - eine Anspielung auf das US-Gefangenenlager Guantánamo Bay auf Kuba, in dem mutmaßliche Terroristen festgehalten werden.

Straßensperre für Gefangenentransport

Wenn „El Chapo“ in einem Fahrzeugkonvoi mit speziellen Polizeieinsatzkräften ins Gerichtsgebäude gebracht wurde, sperrten die Behörden routinemäßig die Brooklyn Bridge für den normalen Verkehr ab. Hubschrauber überwachten den Transport aus der Luft, und vor dem Gerichtsgebäude in Brooklyn patrouillierten schwer bewaffnete Polizeibeamte mit Bombenspürhunden.

Um wirklich jedes Fluchtrisiko auszuschließen, war es Guzmán auch nicht gestattet, seine Frau im Gerichtssaal zu umarmen. Im „Supermax“ käme so etwas überhaupt nie in Frage: Gefangene sind stets durch eine dicke Plexiglasscheibe von ihren Besuchern getrennt. Amnesty zufolge kann es vorkommen, dass Insassen „Jahre verbringen, ohne ein anderes menschliches Wesen zu berühren“ - „bis auf die Fälle, in denen ihnen Fesseln angelegt und sie von Wärtern begleitet werden“.

Von RND/AP