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Flora Stevens

Flora Stevens
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Vermischtes

Verschwundene Frau nach 42 Jahren gefunden - aber Rätsel bleiben

Ein Hotelzimmermädchen verschwindet 1975 spurlos. Jetzt wird die Frau gefunden, dement und in einem Pflegeheim. Sie erkennt sich auf einem Foto wieder, aber der Rest bleibt im Dunkeln.

Monticello.  Die 78-jährige Frau sitzt im Rollstuhl, leidet an Demenz. Aber dieser Tag ist einer ihrer besseren. Der Nebel lichtet sich genug, um die Brünette auf dem verblassten Foto aus den 1970ern zu erkennen: „Ich“, sagt sie mit leiser Stimme. Für die beiden Ermittler, die ihr das Bild gezeigt haben, ist es ein Augenblick des Triumphes. Sie haben Flora Stevens gefunden - endlich. Sie war ein Zimmermädchen im glanzvollsten Hotel der Catskills, einer Bergregion im US-Staat New York, als sie in einer Sommernacht 1975 verschwand.

Die Entdeckung der Frau nach 42 Jahren in einem Heim in Lowell nahe Boston sorgte in den USA verbreitet für Schlagzeilen - begleitet von einem Bild der lächelnden Seniorin mit einem Teddybär auf dem Schoß und den beiden strahlenden Ermittlern an ihrer Seite. Aber die Freude war etwas getrübt: Denn ist nun auch klar, dass Flora Stevens lebt, so bleiben viele Rätsel. Wo war sie die ganze Zeit über, war sie auf der Flucht, und wenn ja, wovor?

Einige wenige Lücken in der Zeitabfolge konnten die Ermittler schließen. Aber viele andere Einzelheiten werden angesichts des Gesundheitszustandes der Frau und der vielen Jahre seit ihrem Verschwinden wohl immer im Dunkeln bleiben. „Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass sie wirklich jemals gefunden werden wollte“, sagt Festus Mbuva, ein früherer Mitarbeiter in der CareOne-Einrichtung in Lowell, der die Frau zehn Jahre lang mitbetreut hat. „Es ist offensichtlich, dass etwas in ihrer Vergangenheit geschehen ist, mit dem sie nichts zu tun haben wollte.“

Florence „Flora“ Stevens zählte zu den Hunderten von Hotelangestellten, die einst jeden Sommer in die Catskills strömten, dann, wenn es dort von Urlaubern nur so wimmelte. Sie arbeitete mehrere Jahre hintereinander im „The Concord“, einer grandiosen Hotel-und Ferienanlage mit 1200 Zimmern. In einem Bewerbungsformular im Jahr 1975, unterzeichnet mit „Frau Flora Stevens“, gab sie an, dass sie im etwa zwei Autostunden entfernten Yonkers zur Schule gegangen sei.

Robert Stevens, den sie als ihren Ehemann bezeichnete, arbeitete im selben Hotel. In welcher Position, ist nicht klar. Die Polizei konnte auch keine Bestätigung dafür finden, dass die beiden tatsächlich verheiratet waren. Das Bewerbungsformular von damals weist weder eine Telefonnummer noch eine örtliche Adresse auf, lediglich eine Anschrift im weit entfernten Seattle.

Am Abend des 3. August 1975 wurde die damals 36-jährige Flora von Robert Stevens an einem kleinen Krankenhaus ein paar Kilometer vom Hotel in Monticello entfernt abgesetzt. Als er sie zwei Stunden später abholten wollte, war sie verschwunden. Die Behörden haben mit Hinweis auf Gesetze zum Schutz der Privatsphäre nicht enthüllt, warum Flora Stevens die Klinik aufsuchte. Und sie wissen nach eigenen Angaben nicht, was sie tat, nachdem sie abgesetzt worden war.

Aber es gab damals eine Bushaltestelle in der Nähe, und die Frau könnte Geld in der Tasche gehabt haben. „Sie war gerade bezahlt worden, hatte wahrscheinlich nach dem Wochenende viel Trinkgeld bei sich“, so Ermittler Rich Morgan von der Sheriffabteilung in Sullivan County.

Robert Stevens meldete sie wenig später als vermisst. Aber es kam häufiger vor, dass Sommer-Zeitarbeiter von der Bildfläche verschwanden, viele kamen und gingen, und so brachte es der Fall Flora Stevens auch nicht einmal in die örtliche Wochenzeitung. Dennoch gab es damals einen jungen ehrgeizigen Ermittler, Art Hawker, den der Fall besonders interessierte und der sich dahinter klemmte.

Aber einen Durchbruch gab es erst im vergangenen September: Da wurden nahe Monticello Knochenüberreste gefunden, die Flora Stevens' Merkmalen ähnelten. Es war eine falsche Spur, aber sie veranlasste Morgan und dessen Kollegen Ed Clouse, sich etwas jüngere Datenbanken vorzunehmen. Dabei stießen sie auf eine Frau in Lowell, Massachusetts, mit der selben Sozialversicherungsnummer wie die von Flora Stevens und dazu mit einen ähnlichen Namen, Flora Harris.

Diese Frau hielt sich seit 2001 in der CareOne-Einrichtung auf und hatte einen gerichtlich eingesetzten Vormund, der ihre Rechnungen bezahlte. Daten über die Zeit davor gab es nur spärlich, aber immerhin wurde klar, dass Flora Harris seit etwa 1987 unter Vormundschaft stand und zumindest zeitweise in anderen Pflegeheimen lebte.

Nach Schilderungen von Mbuva, der bis vor einem Jahr in der Einrichtung in Lowell arbeitete, sprach die Frau nur selten über sich und ihre Familie. Sie sagte lediglich, dass sie eine schlechte Ehe hinter sich habe und von ihrem Mann misshandelt worden sei.

Als Morgan und Clouse dann im vergangenen Monat das Heim aufsuchten, gab es gleich mehrere Hinweise darauf, dass sie Flora Stevens gefunden hatten. So erkannte sie auch Robert Stevens auf einem Bild wieder. „Robert“, stieß sie aus. Und eine Postkarte, die das Hotel „The Concord“ mit einem jungen Paar am Swimmingpool zeigt, wollte sie einfach nicht mehr loslassen.

Aber mehr herauszufinden dürfte schwer sein. Robert Stevens starb 1985. Das Hotel ist seit 1998 geschlossen. Das Krankenhaus, bei dem Flora abgesetzt wurde, steht leer. „Die meisten Geheimnisse sind in Flora selber versiegelt“, sagt Morgan. „Und ich glaube nicht, dass wir jemals an sie herankommen.“

Von Michael Hill, AP


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