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Filme

Warum "Heidi" an Karfreitag verboten ist

756 Filme dürfen in Deutschland an Karfreitag nicht gezeigt werden. Auch tanzen ist vielerorts nicht erlaubt. Atheisten geht derlei staatliche Bevormundung auf die Nerven. Sie sprechen von Anachronismen. Soll man sie abschaffen?

Hannover. Es ist aber auch eine grausame Geschichte: Ein fünfjähriges Waisenmädchen in einer gottverlassenen, zugigen Berghütte. Ohne Strom, ohne fließendes Wasser. Ein mürrischer alter Mann ohne richtigen Namen. Eine karrierewütige Großstadttante, die das Kind zwingt, der gehbehinderten Cousine als Gespielin zu Diensten zu sein.

Nein, entschieden fünf Prüfer der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) im Oktober 2001. Ein unzumutbares Machwerk. Dieser Film sei geeignet, das "religiös sittliche Empfinden an stillen christlichen Feiertagen zu verletzen". Seither darf "Heidi in den Bergen" an Karfreitag nicht mehr in öffentlichen Filmvorführungen gezeigt werden. Der Cartoonklassiker von 1975 – eine Gefahr für das seelische Wohl der Nation und seiner schützenswerten Schäflein.

756 Filme stehen auf der schwarzen Liste

Keine Heidi an Karfreitag also. Dem Tag, an dem 2,26 Milliarden Christen in aller Welt des Kreuzestodes Jesu Christi gedenken. Die deutschen Feiertagsgesetze zählen ihn zu den schützenswerten Kirchenfesten – ein "stiller Feiertag" wie Allerheiligen, Buß- und Bettag, der Volkstrauertag und Totensonntag. Nicht nur, dass an diesen Tagen je nach Bundesland öffentiche Tanzvergnügen, Zirkusse, Märkte, Messen sowie "sportliche und turnerische Veranstaltungen" untersagt oder nur zu bestimmten Zeiten erlaubt sind. Es ist auch nicht der Tag für unbotmäßigen Ulk und weltanschauliche Verwirrung: Stolze 756 Titel umfasst die Schwarze Liste der Filme, die die Prüfer der FSK seit 1980 auf den Feiertagsindex gesetzt haben.

Die verbotenen Filme

Es ist ein Dokument voller Absonderlichkeiten und Widersprüche. Viele indizierte Werke gefährden eher das Geschmacks- und Humorempfinden als die Bereitschaft zu Buße und Einkehr. Die FSK entscheidet über die Eignung von Filmen für "stille Feiertage". Grundlage ist Artikel 140 des Grundgesetzes, wonach Sonntage und Feiertage gesetzlich geschützt sind. Die Liste nicht "feiertagsfreier" Filme umfasst in den Jahren 1980 bis 2015 insgesamt 756 Titel – nicht wenige davon wirken aus heutiger Sicht eher grotesk. Ein Auszug (in Klammern steht das Jahr der FSK-Sperre):

"Reservoir Dogs" (1992)
"Heidi in den Bergen" (2001)
"A Nightmare on Elm Street" (2010)
"Meisterdetektiv Blomquist" (1995)
"Top Gun" (1986)
"Harold und Maude" (1988) (1988)
"Max und Moritz" (1985)
"Die Feuerzangenbowle" (1981)
"Ghostbusters" (1990)
"Didi Hallervorden – Alles im Eimer" (1981)
"Das Leben des Brian" (1980)
"Police Academy" (1988)
"Louis der Spagettikoch" (1981)
"Der Dicke in Mexiko" (1980)
"Schnapsnase und Schlappohr" (1980)

Die Humortoleranz der FSK ist gestiegen

Bei der aktuellen "Feiertagsfreigabe" der Gegenwart gehe es gar nicht um explizite Gewaltdarstellungen, sondern mögliche Verunglimpfung oder "fragwürdige ethische Werte", heißt es bei der FSK. Sie gelte nur für Kinos, nicht aber für Fernsehen (wo eigene Freigaberegeln gelten) und Streamingdienste. Netflix müsste "Heidi" also nicht 24 Stunden sperren. In den fünfziger Jahren seien noch 60 Prozent aller geprüften Filme als "feiertagsuntauglich" bewertet worden. Zwischen 200 und 2015 waren es nur ein Prozent.

Gefährdet Bill Murray das christliche Abendland?

Aber ist das christliche Abendland in Gefahr, weil Bill Murray in "Ghostbusters" übernatürliche Wesen jagt und "Police Academy" das Vertrauen in staatliche Sicherheitsorgane untergräbt? Ist die Astrid-Lindgren-Verfilmung "Lotta zieht um" eine unzumutbare Parabel auf Entwurzelung und Fremdheit in der modernen Gesellschaft? Warum ist Quentin Tarantinos "Reservoir Dogs" enthalten, nicht aber "Pulp Fiction"? Ist "Dumm und Dümmerer 2" (auf der Liste) feiertagsuntauglicher als "Dumm und Dümmerer 1" (nicht auf der Liste)?

Zu den Gegnern des bigotten Aufführungsverbotes gehört der Kieler Landtagsabgeordnete Patrick Breyer von der Piratenpartei Schleswig-Holstein. "Dass Kinderfilme, Klassiker, Satire und Kritik im Jahr 2015 auf einem Feiertagsindex stehen, verschlägt mir den Atem", sagt er. "Diese Zensur ist wirklichkeitsfremd und gehört dringend abgeschafft. So lange die Feiertagsruhe nicht öffentlich wahrnehmbar gestört wird, haben Staat und Kirche kein Recht, uns bei der Gestaltung arbeitsfreier Sonn- und Feiertage zu bevormunden."


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