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FREUND UND HELFER: Christian Klein (rechts) und sein holländischer Kollege Vincent Bos haben den Schülern in dem kleinen Ort Tacharane privat Hefte, Stifte und Fußbälle spendiert.© privat

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AUSLANDSEINSATZ

Polizist aus Hannover auf Friedensmission in Mali

Wenn Christian Klein zum Plaudern und Teetrinken vorbeikommt, hat er immer seine Pistole dabei. Auf dem Weg zu seinen durchaus freundlichen Gastgebern – manchmal einem 20-köpfigen Ortsvorstand – fährt er im gepanzerten Jeep in einer Kolonne von schwer bewaffneten Soldaten. Wenn Christian Klein mit dieser Unterstützung zu Besuch kommt, ist er trotzdem in einer Friedensmission unterwegs. In der gefährlichsten der Vereinten Nationen in Afrika. Der Polizist aus Hannover gehört zur UN-Friedensmission „Minusma“ in Mali.Den gesamten Artikel finden Sie heute auch in der Printausgabe der NP.

Hannover. Zwei Tage nach seiner Ankunft in der Stadt Gao im Dezember 2015 bekam er den ersten Eindruck, wie gefährlich diese Mission tatsächlich ist. „Es gab einen Raketenangriff auf das Flugfeld in Gao. Das war mein Willkommen.“ Doch der 38-Jährige war noch vier Kilometer von dem Einschlag entfernt. Am 31. Mai, als Islamisten von Al-Murabitun – einer Untergruppe von Al Kaida im Maghreb – auf das Chinesen-Camp in Gao eine Autobombe steuerten, waren es schon nur noch 190 Meter. Warum tut er sich das an?

„Ich will instabile Länder aus eigener Anschauung sehen. Ich würde auch nicht im Urlaub in ein Land fahren, wo mir womöglich in einem Club nur die potemkische Fassade gezeigt wird. Ich mag es, Land und Leute wirklich kennenzulernen. Und ich habe einen Beruf, mit dem ich mein Interesse verbinden kann. Wäre ich Journalist, wäre ich sicher Kriegsreporter.“ So aber ist Christian Klein Polizist, und mit diesem Beruf kann er sich für „Auslandsverwendungen“ melden. „Es gibt einen Pool dafür, und je nach Erfahrung, Sprachschatz und Ausbildung wird man bei Bedarf gefragt.“ Wobei die Polizisten auch Nein sagen dürfen. „Hätte ich nicht nach Mali gewollt, wäre das o.k. gewesen.“

Der Föderalismus machts wie immer etwas kompliziert. In dem niedersächsischen Pool sind Polizisten wie Klein gelistet, die Länder senden bei Bedarf Personal zum Bund, der „versendet“ die Beamten dann unter deutscher Flagge in die Einsatzgebiete. Die Polizeibeamten sind in dieser Zeit der Bundespolizei unterstellt.

Jeder Polizist bekommt einen Basisvorbereitungskurs mit Grundlagenwissen über EU, UN und andere Missionen sowie spezielle auf das jeweilige Land bezogene Lehrgänge: „Es geht um kulturelle Besonderheiten, Familienstrukturen, Verhalten gegenüber den Einheimischen. Und für Afghanistan gab es noch einen Lehrgang zum Umgang mit gepanzerten Fahrzeugen und Schießtraining an Sturmgewehren.“

Denn dies war der erste Auslandseinsatz des gebürtigen Wolfsburgers. „2012 war ich ein Jahr in Kabul, dort war ich Verbindungsbeamter zwischen deutschen Projekten mit anderen internationalen Projekten.“ Wer baut zum Beispiel wo welche Entschärfergruppe auf, wann soll welche Hundestaffel von wem eingerichtet werden – solche Fragestellungen und damit auch Fragen nach Synergien stellten sich in der deutsch-afghanischen Zusammenarbeit. In einem Land, in dem viele internationale Protagonisten unterwegs sind. Gefragt waren hier vor allem diplomatische Fähigkeiten. „Da sitzt man dann als niedersächsischer Polizist an einem Tisch mit amerikanischen Generälen und Sonderbotschaftern und wird voll angebunden. Es zählen keine Dienstgrade, sondern die Augenhöhe.“

Und es ist ein verdammt gefährlicher Job – auch, wenn man nur helfen will. „Die Druckwelle jetzt in Mali war heftig, riss die Klimaanlagen herunter und war sehr laut, aber Afghanistan war komplexer“, erzählt Klein im Heimaturlaub in einem friedlichen Restaurant an der Leine. „In Kabul gab es zwölf Stunden lange Angriffe mit Maschinengewehren. Das wird dann recht physisch“, drückt er es vorsichtig aus. In der Nähe seiner Arbeitsstätte gingen „zwei Selbstmordattentäter hoch“, bei zwei weiteren schweren Anschlägen in Kabul waren es Autobomben.

Schlaflose Nächte bekommt er davon dennoch nicht: „Ich war vor der Polizei bei der Bundeswehr und kann mit so etwas umgehen. Meine Verwendung bei der Polizei in Hannover ist auch nicht sehr bürolastig – es kommt darauf an, was man vor solchen Auslandseinsätzen gemacht hat und wie man sich darauf einlässt.“

Das bedeutet aber auch den „360-Grad-Blick. Man muss immer aufpassen, darf sich nie sicher fühlen.“ Schon im eigenen Interesse sollte man einen Gefahrenradar haben, die Vorbereitungskurse könnten nie widerspiegeln, was wirklich passiert. Wenn man in einem deutschen Wald die Situation durchspiele, sei das eben etwas anderes: „Auch ein voll versorgter Landes- oder Bundesbeamter muss sich im Einsatz auf seine Instinkte verlassen.“

Dass er das kann, weiß auch seine Lebensgefährtin in Hannover, ebenfalls eine Polizistin: „Es ist schon hilfreich, dass wir im gleichen Beruf sind. Da ist das Verständnis ganz anders.“ Und hilft, wenn die Eltern in Wolfsburg vor Sorge unruhig werden: „Meine Freundin geht professionell mit meinen Einsätzen um und kann sie auch beruhigen.“ Und die Kollegen in Hannover? „Klar ist das für den Betriebsablauf nicht immer lustig. Aber es werden ja auch berufstätige Frauen schwanger, und diese Zeit muss am Arbeitsplatz ebenfalls kompensiert werden.“

Welcher Auslandseinsatz würde ihn denn richtig reizen? „Palästina“, sagt Klein, „allein schon aus historischen Gründen, das Land würde mich sehr interessieren.“ Dafür reicht allerdings bisher der Dienstgrad des Polizeikommissars nicht, „es gibt nicht viele Stellen, da muss man Hauptkommissar oder höher sein“.


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