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Das Nobel-Komitee gibt in Stockholm die Gewinner des Medizin-Nobelpreises bekannt.

Das Nobel-Komitee gibt in Stockholm die Gewinner des Medizin-Nobelpreises bekannt. © Fredrik Sandberg

Wissenschaft

Medizin-Nobelpreis an Parasitenforscher

Neue Mittel für den schweren Kampf gegen Tropen-Krankheiten wie Malaria - dafür ist Forschern nun der Medizin-Nobelpreis zuerkannt worden. Experten sehen darin auch eine politische Botschaft.

Stockholm. Für schlagkräftige Wirkstoffe gegen Parasiten-Krankheiten wie Malaria erhalten drei Forscher aus China, Japan und Irland den Medizin-Nobelpreis. Die Wissenschaftler haben Millionen Menschenleben vor allem in ärmeren Ländern gerettet.

Eine Hälfte des Preises geht an die Chinesin Youyou Tu für die Entdeckung eines Wirkstoffes gegen Malaria, wie das Karolinska-Institut in Stockholm mitteilte.

Die zweite Hälfte der weltweit höchsten Auszeichnung für Mediziner teilen sich der gebürtige Ire William Campbell und der Japaner Satoshi Omura: Sie hatten ein Toxin zum Abtöten von Würmern entdeckt, die Menschen entstellen oder erblinden lassen - wie etwa bei der Flussblindheit. Der Nobelpreis ist mit insgesamt umgerechnet 850 000 Euro (8 Millionen Schwedischen Kronen) dotiert.

Alle drei Forscher sind inzwischen weit über 80 Jahre alt und ihre Entdeckungen Jahrzehnte her. Geeignete Wirkstoffe gegen Parasiten zu finden, kann schwierig sein, unter anderem, weil ihr Stoffwechsel dem des Menschen stärker ähnelt als etwa dem von Bakterien. Damit ist die Gefahr größer, dass nicht nur der Parasit, sondern auch der Mensch beeinflusst wird - in Form schwerer Nebenwirkungen.

"Nach Jahrzehnten begrenzten Fortschritts bei der Entwicklung haltbarer Therapien für Parasiten-Krankheiten haben die Entdeckungen der diesjährigen Preisträger die Situation radikal verändert", lobte das Nobel-Komitee nun. Verheerende Krankheiten, die Hunderte Millionen Menschen jährlich vor allem in den ärmsten Ländern beträfen, habe man damit effektiv bekämpfen können.

Die Zahl solcher Infektionen sei dramatisch reduziert worden, betonte auch Nobeljuror Hans Forssberg. Die Wirkung gehe aber noch weit darüber hinaus, die Last Einzelner zu verringern: "Die Behandlung hilft ihnen, der Armut zu entkommen."

Der Nobelpreis habe eine politische Botschaft, hieß es auch vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg - nicht nur, weil er Krankheiten in armen Ländern betreffe. "Beide Wirkstoffe sind aus biologischen Materialien gewonnen worden", sagte der BNITM-Parasitologe Egbert Tannich. "Darum ist es wichtig, die biologische Vielfalt zu erhalten, damit wir auch in Zukunft solche Wirkstoffe isolieren können."

Youyou Tu (84) hatte bei Testreihen mit Pflanzenstoffen das Potenzial des Artemisinins entdeckte, einer in der traditionellen chinesischen Medizin verwendeten Substanz aus Blättern und Blüten des Einjährigen Beifußes (Artemisia annua). Tausende Jahre alte Schriftstücke hätten ihr den Hinweis auf diese Pflanze geliefert, erklärte Juror Thomas Perlmann. "Das ist ziemlich großartig, dieser Entdeckungsprozess."

Artemisinin wirkt gegen Plasmodium falciparum, den Erreger der Malaria tropica. Die Sterblichkeitsrate Malariakranker ließ sich damit deutlich reduzieren. "Artemisinin ist das am häufigsten genutzte Medikament gegen Malaria", sagte Elena Levashina vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin. Es sei ein Durchbruch bei der Bekämpfung von Malaria gewesen. Allein für Afrika bedeute Artemisinin mehr als 100 000 gerettete Leben jährlich, erläuterte das Nobel-Komitee.

Nicht von einer Pflanze, sondern dem Bakterium Streptomyces avermitilis stammt das von Campbell (85) und Omura (80) aufgespürte Avermectin, das Würmer abtötet. "Ich dachte "Darf ich es wirklich sein!?"", sagte Omura nach der Bekanntgabe dem japanischen Fernsehsender NHK. "Denn vieles habe ich ja von den Mikroorganismen gelernt. Es wäre angemessen, wenn man ihnen den Preis verleihen könnte." 200 Millionen Menschen weltweit würden derzeit mit Avermectin behandelt, sagte Nobeljuror Jan Andersson. Drei Milliarden Dosen seien seit 1982 ausgegeben worden.

Omura hatte Anfang der 70er Jahre aus Bodenproben Streptomyces-Arten isoliert und im Labor kultiviert. Campbell hatte auf der Suche nach neuen Antibiotika mit diesen Kulturen gearbeitet und war auf die Avermectine gestoßen. Die Neurotoxine lähmen Fadenwürmer (Nematoden) und führen zu ihrem Tod. Beim Menschen findet vor allem Ivermectin Verwendung, ein Mix zweier halbsynthetischer Avermectine.

Ivermectin hat die Häufigkeit von Flussblindheit und lymphatischer Filariose extrem vermindert. Die in den Tropen Afrikas und Amerikas vorkommende Flussblindheit wird vom Fadenwurm Onchocerca volvulus verursacht. Bei lymphatischer Filariose besiedeln bestimmte Fadenwürmer das Lymphsystem und führen zum Lymphstau in einzelnen Körperteilen, die sich sehr stark vergrößern können (Elephantiasis).

"Die Behandlung (mit Ivermectin) ist so erfolgreich, dass diese Krankheiten am Rand der Ausmerzung stehen, was eine große Meisterleistung in der Medizingeschichte der Menschheit wäre", hieß es vom Nobel-Komitee. Vielleicht - so die Jury - könne es schon 2030 so weit sein. Bei der Malaria hingegen wird sich eine Ausrottung des Erregers mit Artemisinin nicht erreichen lassen - seit einigen Jahren gibt es zunehmend Resistenzen gegen den Wirkstoff.

Es ist wichtig, die Forschung an solchen oft vergessenen Krankheiten zu würdigen, wie Manica Balasegaram von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen betonte. "Es gibt aber noch viel zu tun."

Youyou Tu ist erst die zwölfte Frau, die den Medizin-Nobelpreis erhält. 2014 war auch eine Frau geehrt worden: May-Britt und Edvard Moser (Norwegen) erhielten gemeinsam mit dem Neurowissenschaftler John O'Keefe (USA/Großbritannien) den Preis für die Entdeckung von Zellen, die ein Navigationssystem im Gehirn bilden.

Am Dienstag und Mittwoch werden die Träger des Physik- und des Chemie-Nobelpreises benannt. Die feierliche Überreichung findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.

dpa


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