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Am Tatort haben Menschen Blumen in Gedenken an das Opfer hingelegt.

Am Tatort haben Menschen Blumen in Gedenken an das Opfer hingelegt.© dpa

War das Verbrechen vermeidbar?

Kritik an Hamburger Justiz nach Bluttat an S-Bahnhof

Nach Bekanntwerden der kriminellen Karriere des verhafteten jugendlichen Intensivtäters aus Hamburg ist scharfe Kritik an der Justiz in der Hansestadt laut geworden.

Von Julia Ranniko

Hamburg. „Ich frage mich schon, wie es angehen kann, dass ein Jugendlicher, der seit Jahren als gemeingefährlich gilt und eine schwere Straftat nach der anderen begeht, nicht schon längst hinter Schloss und Riegel sitzt“, sagte Hamburgs Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) am Mittwoch.

Der 16-Jährige hat gestanden, einen drei Jahre älteren Jugendlichen am Freitagabend in der S-Bahnstation Jungfernstieg mit einem Stich ins Herz getötet zu haben. Er sitzt wegen Verdachts des Totschlags in Untersuchungshaft. Bei der Tatwaffe handelt es sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft um ein Klappmesser mit einer sechs Zentimeter langen Klinge.

Die Staatsanwaltschaft hat den Jugendlichen bereits dreimal angeklagt - unter anderem, weil er einem Lehrer den Kiefer gebrochen und einen Supermarktmitarbeiter verprügelt haben soll. Ein Gerichtsurteil gab es bisher aber noch nicht. Die einzige Strafe für den jungen Intensivtäter waren fünf Arbeitsauflagen.

Zwei Anklageschriften der Staatsanwaltschaft liegen seit mehreren Monaten beim Gericht. Justizsprecher Conrad Müller-Horn hatte dies unter anderem damit begründet, dass es sich um ein umfangreiches Verfahren mit mehreren Beschuldigten handele.

Gerade bei Jugendlichen sei aber eine schnelle Verurteilung sinnvoll, sagte der Kriminalpsychologe Prof. Rudolf Egg der Nachrichtenagentur dpa. „Wenn irgendetwas präventiv wirkt, dann ist es nicht so sehr die Höhe der Sanktion, sondern die Unmittelbarkeit“, erklärte der Leiter der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. „Wenn ein sehr langer Zeitraum liegt zwischen dem, was Sie gemacht haben, und dem, was darauf folgt - dann ist auch gedanklich der Bezug nicht mehr da, dann ist das schon längst Vergangenheit.“

Die Hamburger Justiz müsse sich nun fragen lassen, „was in diesem Fall getan oder möglicherweise nicht getan wurde“, sagte Egg. Der Intensivtäter sei schließlich bereits als zehnjähriges Kind zum ersten Mal und später immer wieder wegen Körperverletzungen und Gewaltdelikten auffällig geworden - „und, soweit ich das sehen kann, ist dann nichts Wirksames geschehen“.

Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, sagte der dpa: „Das Entscheidende im Bereich der Jugendkriminalität ist, dass jegliche Strafe umgehend zu erfolgen hat. Die Jugendlichen müssen die Härte des Gesetzes spüren - sonst nehmen sie das nicht ernst.“

Der Kriminalpsychologe Egg findet ein Waffenverbot für unter 18- Jährige sinnvoll: „Wozu braucht ein 16-Jähriger überhaupt ein Messer?“ Waffen etwa an öffentlichen Plätzen und in Bahnen zu verbieten, „wäre zumindest ein Zeichen, das in die richtige Richtung führt“. „Damit würde man verdeutlichen, dass eine Grenze überschritten wird.“ Auch Freiberg betonte: „Ich halte alles, was dazu führt, dass Waffen nicht zugänglich gemacht werden und dass sie auch gar nicht hergestellt werden können, für richtig.“

Die SPD-Bürgerschaftsfraktion beantragte, den Fall des 16-jährigen Intensivtäters auf der nächsten Sitzung des Innenausschusses zu behandeln. Gemeinsam mit dem Jugendausschuss solle der Stand der angekündigten behördenübergreifenden Aufarbeitung des Falles diskutiert werden. Die beteiligten Senatoren müssten Rede und Antwort stehen. „Hier darf der Senat sich nicht hinter dem Datenschutz verstecken, um behördliches Versagen zu verschleiern“, erklärten Innenexperte Andreas Dressel und Jugendexpertin Carola Veit.


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