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Die katholische Kirche versichert, dass die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in ihren Reihen fortgesetzt werden soll. Doch es gibt Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Aufklärungswillens.

Die katholische Kirche versichert, dass die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in ihren Reihen fortgesetzt werden soll. Doch es gibt Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Aufklärungswillens.© Jochen Lübke

Kirchen

Kirche geht gegen Kriminologen vor

Im Streit um die gestoppte Studie zu Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche geht die Deutsche Bischofskonferenz rechtlich gegen Zensurvorwürfe vor.Der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer sei aufgefordert worden, nicht mehr von Zensur in der Kirche zu sprechen, weil dies schlichtweg falsch sei, teilte die Bischofskonferenz am Donnerstag in Bonn mit.

Bonn/Hannover. Der Direktor des ursprünglich mit der Studie beauftragten Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) sagte, er habe von der Kirche eine Unterlassungserklärung erhalten.

Die Bischöfe hatten am Mittwoch vorzeitig den Vertrag über das Projekt mit dem Institut gekündigt. Dessen Leiter Pfeiffer wirft der Kirche die Vernichtung von Missbrauchsakten und Zensur vor. Beides wies die Bischofskonferenz am Donnerstag erneut zurück. "Es gibt keinerlei Hinweise für Aktenvernichtungen im kirchlichen Bereich", sagte DBK-Sekretär Hans Langendörfer im Deutschlandfunk. Auch habe es keine Einflussnahme gegeben. "In dem letzten Vertragsentwurf [...] ist überhaupt keine Rede davon, dass es eine, wie Herr Pfeiffer gerne sagt, Kontrolle, Zensur geben solle." Langendörfer nannte Pfeiffer einen renommierten Wissenschaftler, der "unseriös geworden ist".

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sagte hingegen, dass sie stets gute Erfahrungen mit Pfeiffers Institut gemacht habe. "Da hat Herr Pfeiffer immer auch sehr intensiv gearbeitet. [...] Er gehört wirklich mit zu den ersten Adressen in Deutschland." Es entstehe der Eindruck, dass "die Kirche am Ende die Hand drauf haben wollte, darauf, was soll wirklich veröffentlicht werden und was nicht an Erkenntnissen, die gewonnen werden."

Pfeiffer sah zunächst keinen Anlass, von seiner Position abzurücken, wollte sich aber noch juristisch beraten. Weil die Kirche ein knappes Jahr nach Vereinbarung der Studie die Veröffentlichung von Ergebnissen nachträglich reglementieren wollte, hatte er von Zensurversuchen gesprochen.

Der unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, bedauerte den vorläufigen Stopp des Forschungsprojekts. "Es wäre ein ganz wichtiger Baustein im Bereich der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in Deutschland gewesen", sagte Rörig im ZDF-"Morgenmagazin". "Für Betroffene ist Aufarbeitung sehr, sehr wichtig, um das Erlebte auch gut verarbeiten zu können."

In Berlin gab Rörig auch den Startschuss für eine Kampagne unter dem Motto "Kein Raum für Missbrauch". Fernsehspots, Infoblätter und eine neue Internetseite sollen Eltern und Betreuer dazu ermuntern, die Einführung von Schutzkonzepten einzufordern - sowohl in Kitas und Schulen als auch in Sportvereinen und Kirchengemeinden. Analog zur roten Aids-Schleife wird ein weißes X zum Symbol der neuen Kampagne.

Der Münsteraner Theologe Klaus Müller vermutet einen Machtkampf unter den Bischöfen. Insbesondere konservative Geistliche hätten Angst vor den Ergebnissen, sagte der Wissenschaftler vom Exzellenzcluster "Religion und Politik" an der Universität Münster der Nachrichtenagentur dpa. "Es kann nur daran liegen, dass die Seite der Bischöfe, die diese Form der Aufklärung für richtig halten, unter massivem Druck der konservativen Kräfte stehen."

Die Bischofskonferenz will sich nun einen neuen wissenschaftlichen Partner suchen. Sprecher Matthias Kopp sagte der Zeitung "Mannheimer Morgen", er verwahre sich gegen den Vorwurf, die Aufarbeitung sei an kirchlichem Widerstand gescheitert. "Es gibt kein Bistum, das aus dem Projekt ausgestiegen ist."

Der Vorsitzende des Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt (netzwerkB), Norbert Denef, forderte neue Gesetzte zur Aufklärung sexuellen Missbrauchs. Nötig seien eine Anzeige- und Meldepflicht sowie eine Überarbeitung der Verjährungsfrist, sagte Denef. "Wenn es darum geht, kleinen Jungs die Vorhaut abzuschneiden, dann sind die Ja-Sager im Bundestag sofort bereit, ein Gesetz zu ändern. Wenn es darum geht, Kinder vor sexualisierter Gewalt zu schützen, dann ist unterm Strich nichts passiert."

dpa


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