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Viel zu sehen: Der Nationalpark um den Snæfellsjökull mit seinen bizarren Lavakegeln und prächtigen Lavabrücken im Meer ist ein landschaftlicher Höhepunkt Islands. Foto: dpa/Juhran

Heimat-Besuch

Island: Wo die wilden Fußballer wohnen

Islands Nationalmannschaft begeistert bei der Europameisterschaft momentan ganz Europa. Zeit für einen Besuch in der Heimat der neuen Fußball-Helden. Wo genau? Natürlich auf dem Bolzplatz.

Reykjavik. Bjarki hat ein Problem. Am heutigen Sonnabend hat seine Altherren-Fußballmannschaft ein wichtiges Spiel. Doch außer dem 38-Jährigen sind fast alle Teamkameraden in Frankreich geblieben, um das isländische Nationalteam in Paris gegen den Gastgeber anzufeuern. „Ich weiß nicht, ob wir elf Mann zusammenbekommen“, sorgt sich Bjarki.

Gerade ist Bjarki mit seinem zehnjährigen Sohn Björn am internationalen Flughafen in Keflavik gelandet, beide tragen Trikots des EM-Überraschungsteams. Nun steht noch eine vierstündige Autofahrt an. Bjarki wird gerade rechtzeitig ankommen, um zur Arbeit zu gehen: Er ist Nachwuchs-Fußballtrainer. 180 Einwohner hat sein Heimatort, 30 Kinder gehen in die Dorfschule, 25 von ihnen zum Fußballtraining. Im Winter ist die Fußballhalle der einzige Platz im Ort, um sich auszutoben. Erklären diese dürren Zahlen schon das isländische Fußballwunder? Vielleicht einen Teil. Wichtiger aber ist eine andere Zahl: Acht. „Auf jeden Trainer kommen nicht mehr als acht Kinder. Das ist eine Regel bei uns.“ Fußball auf Island hat zuallererst mit Willen zu tun. Dem Willen, es einfach einmal zu versuchen. Und dabeizubleiben.

Auf einem frisch gemähten Bolzplatz in Gardur im Süden der Insel zieht sich Eva Rut ihre Regenjacke aus und beginnt das Training mit einem guten Dutzend Grundschülerinnen, sechs bis acht Jahre alt. Später kommt ihr Ko-Trainer hinzu. Die Luft riecht nach Tang und Regen, niedrige Häuser ducken sich vor dem Wind, Wolken streifen über die Gipfel auf der anderen Seite der Bucht. Es ist sehr isländisch, dass sich weder Eva Rut noch ihre Mädchen wundern, wenn plötzlich ein deutscher Journalist auf sie zusteuert und erklärt, dass er vor zehn Minuten auf der Insel gelandet sei und wissen will, wo das isländische Wunder herkommt. Sie freuen sich einfach. „Unsere Jungs sind so toll, sie kämpfen, sie sind füreinander da“, sagt Eva Rut. „Sie werden auch Frankreich besiegen.“

Spielen auch in Gardur alle Kinder Fußball? „Alle Jungs. Bei den Mädchen sind es nur knapp die Hälfte“, sagt Eva Rut. „Aber das wird jetzt bestimmt mehr.“ Der Fußball-Boom auf Island steht erst am Anfang. Aber was soll da eigentlich noch mehr werden? Und wer bleibt auf dieser Insel mit der Einwohnerzahl von Bielefeld eigentlich noch übrig für Handball, Basketball und all die anderen Sportarten von Mountainbiken bis Marathonlauf, mit denen sich die Bewohner die Zeit vertreiben?

Eva Rut schickt ihre Mädchen los, jede führt einen Ball eng am Fuß, sind mit vollem Ernst dabei, keine lacht, keine trickst, keine macht Faxen. Der Reporter muss los. In Reykjavik wird ein Match der Frauenliga angepfiffen. Die Kapitänin von Valur Reykjavik ist Margret Lara Vidarsdottir, sie hat unter anderem bei Turbine Potsdam gespielt, die 30-Jährige ist Rekordtorschützin der Frauen-Nationalmannschaft. Margret rennt über den Kunstrasenplatz von Valur Reykjavik, das Spiel endet 6:1. Glücklich kommt die Kapitänin vom Feld gelaufen, rotblonde Haare, grüne Augen, offenes Lachen. Wie ist es, ein Star zu sein auf Island, Margret? „Kein Problem“, sagt sie knapp. „Die Leute erkennen dich auf der Straße, aber sie sprechen dich nicht an.“ Noch nicht einmal, wenn Islands Superstar Björk nach Hause kommt, regt sich irgendjemand auf. Margret erzählt: „Man winkt, sagt „Hallo, Björk“, und das war es dann auch.“ Trotzdem strenge sich jeder an, der Beste zu sein. „Wir sind Malocher“, sagt sie. „Wir arbeiten wirklich hart. Und wenn wir gut in etwas sind, wollen wir das auch zeigen. Wir schämen uns nicht, viel Geld zu verdienen und es mit vollen Händen für gute Sachen auszugeben.“ Die letzten Jahre hat Margret in Schweden gespielt. Dort hat sie sich nach einer Babypause zurück in die erste Mannschaft gekämpft. Kaum eine Spielerin in Europa hat das bisher geschafft. „Es geht alles, wenn du nur willst“, sagt sie. Ihr Sohn ist jetzt zwei Jahre alt und wird auf Island aufwachsen. Margrets Weg ins Ausland und zurück ist typisch für viele Isländer. Mit 20 gehen sie, mit 30 kommen sie wieder zurück, sagt man hier.

Drei Autominuten vom Stadion entfernt liegt der Stadtstrand von Nautholsvik. Dort lässt der rothaarige Ardar seinen massigen Wikingerkörper ins heiße Becken gleiten. 38 Grad hat das Wasser im „heitur pottur“. Gerade ist Ardar noch draußen in der Bucht schwimmen gegangen, bei zwölf Grad Nordatlantik-Temperatur. Die Runde durch die Bucht absolviert der Dozent für Computerwissenschaften an der Uni Reykjavik mit einer Handvoll Kollegen mindestens einmal die Woche – das ganze Jahr, auch im Winter, wenn die Wassertemperatur unter null Grad sinkt. Aber jetzt ist ja Hochsommer, die Sonne scheint 24 Stunden pro Tag, und in Nautholsvik toben bei milden 14 Grad Kinder in Badehose am Strand. Ardnar und seine Kollegen dümpeln im heißen Wasser herum. Im „heitur pottur“ reden Isländer über alles, auch über Fußball und Politik. „Sie können auch Frankreich schlagen“, glaubt Ardar. „Weil sie ein Team sind. Weil jeder für jeden kämpft. Weil sie nie aufgeben.“

Auch am Strand stehen kleine Fußballtore, ein paar Kinder kicken im Sand, auf dem Rücken eines Jungen steht „Özil“, er trägt das Klubtrikot von Arsenal London. Noch ist die Premier League das Maß aller Dinge für die isländischen Fußballfans. Aber die Bundesliga holt auf. Es wird auch darauf ankommen, bei welchen Vereinen die Fußball-Wikinger nach ihrem Frankreich-Raubzug unterkommen.

Ardar macht sich Sorgen, dass gerade alles zu gut läuft auf Island. Es sähe schon wieder so aus wie in den irren Jahren vor dem Platzen der Finanzblase 2008. „Ich hoffe, dass der neue Boom gesünder ist“, sagt Ardar. Er sorgt mit dafür, dass es weiter aufwärts geht. Die IT-Fachleute, die Ardar ausbildet, machen Geld in den vielen neuen Start-ups der Insel. „Die Leute geben wieder wie wild Geld aus“, sagt Ardar. „Ich hoffe, dass es gut geht.“

Noch einmal auf den Kunstrasenplatz von Valur Reykjavik. Spät abends spielen die Männer unter Mitternachtssonne und Flutlicht in der Qualifikation zur Europa League gegen Bröndby Kopenhagen unter dem deutschen Trainer Alexander Zorniger. Die Dänen führen mit 4:0. Aber die Isländer rennen und kämpfen bis zur letzten Minute. In der letzten Sekunde der Nachspielzeit schießen sie noch den Ehrentreffer. Bröndby-Trainer Zorniger zeigt sich beeindruckt. „Wenn man hier aufwächst, umgeben von rauher, feindlicher Natur, braucht man schon ein hohes Maß an Widerstandsfähigkeit.“ Das Flutlicht wird ausgeknipst. Die Sonne scheint weiter über Island.

Jan Sternberg


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