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Vor dem Krankenhaus haben Trauernde hunderte Kerzen aufgestellt.© dpa

Trauer

Hannoveraner will Bundesverdienstkreuz für Heldin Tugce

Die Studentin Tugce A. wollte schlichten und zahlte dafür mit ihrem Leben. Die Anteilnahme der Menschen in ganz Deutschland ist groß. Nun haben die Eltern entschieden: Tugce soll nicht mehr künstlich am Leben gehalten werden. 

Offenbach. "Heldin", "Engel", "Vorbild" - mit teilweise sehr emotionalen Beiträgen haben Zehntausende über Facebook und Twitter Abschied von Tugce A. genommen. Die Studentin, die vor zwei Wochen Opfer einer Prügelattacke vor einem Schnellrestaurant wurde und dabei schwere Kopfverletzungen erlitt, wäre am Freitag 23 Jahre alt geworden. Ärzte haben die junge Frau für hirntot erklärt. Bis zum Freitagabend wurden ihre Organe noch durch Maschinen unterstützt.

Aber Tugces Eltern haben entschieden, dass diese Geräte im Laufe des Abends abgeschaltet werden sollen. "Das heißt, Tugce wird nicht mehr länger maschinell am Leben gehalten", sagte ein enger Freund der Familie vor einer Gedenkveranstaltung an der Klinik.

Der mutmaßliche Täter, ein 18-Jähriger, sitzt in Untersuchungshaft. McDonalds sprach sein Beileid aus, wies aber Vorwürfe gegen seine Mitarbeiter zurück.

Am Abend kamen mehrere hundert Menschen zur Gedenkveranstaltung unter dem Motto "Tugce zeigte Zivilcourage" am Klinikum. Dort hatte die Studentin aus Gelnhausen, die ihre Organe spenden wird, in den vergangenen zwei Wochen im Koma gelegen. Viele Kerzen, Blumen und Luftballons mit Karten wurden von den Trauernden mitgebracht. "Das Paradis betritt man nicht mit den Füßen, sondern mit dem Herzen" und "Zivilcorage ist der höchste Orden für den Frieden" stand auf den Karten.

Sobald die Maschinen ausgeschaltet worden seien, werde die Obduktion vorbereitet, kündigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft an. Unklar ist noch, ob die junge Frau durch den Schlag am frühen Morgen des 15. November tödlich verletzt wurde oder durch den Aufprall auf das Pflaster des Parkplatzes vor dem Offenbacher Schnellrestaurant.

Vor dem fatalen Schlag hatte Tugce nach Polizeiangaben versucht, einen Streit im McDonalds-Restaurant zu schlichten. Zeugen werfen den Mitarbeiter an der Theke vor, nicht rechtzeitig eingeschritten zu sein. Die Restaurantkette schließt allerdings Fehler der eigenen Mitarbeiter während des Streits aus: Es gebe "aktuell für uns keinen Anlass, von einem Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter auszugehen", teilte Unternehmenssprecher Philipp Wachholz auf Anfrage in München mit. Dies zeigten auch Aufnahmen der Sicherheitskameras aus dem Inneren des Restaurants.

Die Ermittler hätten den Bedienungen des Offenbacher Imbisses bislang auch nichts vorgeworfen.

In den sozialen Netzwerken brachten auch am Freitag Zehntausende ihre Trauer und Fassungslosigkeit über die Tat zum Ausdruck.

In einer Internetpetition eines Hannoveraners fordern mehr als 70 000 Unterstützer das Bundesverdienstkreuz für Tugce, die Zivilcourage gezeigt habe.

Eine Gedenkseite auf dem Netzwerk Facebook wurde von 89 000 Menschen unterstützt, in etlichen Tweets bei Twitter wurde Tugce als "Heldin" und "Engel" gefeiert.

In Hannover sind am Wochenende ebenfalls zwei Gedenkveranstaltungen geplant: Am Sonnabend um 13 Uhr am Gänselieselbrunnen (Steintor) und am Sonntag ab 16 Uhr auf dem Ernst-August-Platz.

Nach wie vor ist unklar, wieso der Streit vor dem Schnellrestaurant derart eskalierte. Ein 18-Jähriger hatte Tugce niedergestreckt. Ein Video, das den Ermittlern vorliegt, zeigt die Ereignisse auf dem Parkplatz. Der mutmaßliche Schläger hat den Schlag in einem ersten Verhör eingeräumt, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Seitdem schweigt er und sitzt in Untersuchungshaft. Gegen ihn wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt.

Von den beiden Mädchen, denen Tugce offenbar vor dem Streit helfen wollte, fehlt noch immer jede Spur. Die Polizei sucht sie als wichtige Zeuginnen.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) forderte dazu auf, sich trotz des Schicksals von Tugce A. auch weiterhin einzumischen, wenn es zu Konflikten kommt. "Was auf keinen Fall geht, ist wegsehen, weghören oder ignorieren", sagte Andreas Grün, der GdP-Landesvorsitzende in Hessen. "Heutzutage hat jeder ein Handy dabei, damit kann man kostenlos die 110 anrufen. Man kann andere Menschen herbeirufen und versuchen, deeskalierend einzuwirken." Oft helfe es schon, wenn mehrere Leute zusammenkämen, um die Situation zu beruhigen.

Grundsätzlich sollte sich aber niemand durch seinen Einsatz als Streitschlichter selbst in Lebensgefahr bringen. "Wenn ich körperlich unterlegen bin, verlangt niemand von mir, dass ich den Helden spiele", sagte Grün. Sei man aber nicht alleine und das Opfer in Lebensgefahr, sollte man auch nicht erst auf die Polizei warten: "Im Notfall sollte der Erste-Hilfe-Gedanke im Vordergrund stehen."


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