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Noch immer eine Riesen-Baustelle: Hier stand das Kölner Stadtarchiv© dpa

Unglück

Archiv-Einsturz in Köln: OB erhebt schwere Vorwürfe

Am Jahrestag des Stadtarchiv-Einsturzes hat der Kölner Oberbürgermeister schwere Vorwürfe gegen die Verkehrsbetriebe und die am U-Bahn-Bau beteiligten Firmen erhoben.

Wenige Wochen vor dem Unglück am 3. März 2009 hab es in einer U-Bahn-Baugrube am Archiv einen großen Grundwassereinbruch gegeben, sagte Jürgen Roters (SPD) am Mittwoch. Die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) als Bauherr und Bauaufsicht hätten die Firmen vergeblich aufgefordert, Abhilfe zu schaffen. Hier hätte der technische KVB-Vorstand sofort handeln müssen, kritisierte Roters bei einer Gedenkveranstaltung: „Wer in dieser Situation zur Tagesordnung übergeht, hat mein Vertrauen verloren.“

Neben der noch ungeklärten rechtlichen gebe es auch eine politisch-moralische Verantwortung. Der technische KVB-Vorstand Walter Reinarz müsse sich fragen, ob er noch das Vertrauen der Bevölkerung habe. „Gehört zu einem Neuanfang nicht auch dazu, den Platz frei zu machen? Nützt er dem gesamten Unternehmen nicht mehr, wenn er sich seiner politischen Verantwortung stellt?“, fragte Roters. Generell müsse das gesamte System der Bauaufsicht auf den Prüfstand gestellt werden. Es könne nicht sein, dass ein Bauherr gleichzeitig die Bauaufsicht übernehme.

Beim Archiv-Einsturz waren zwei junge Männer ums Leben gekommen. Unzählige wertvolle historische Dokumente und Nachlässe wurden zerstört oder beschädigt. Die Ursache für das Unglück ist noch nicht geklärt, ein Zusammenhang mit dem Bau der neuen Nord-Süd-Stadtbahn gilt aber als sicher. Zu der Gedenkfeier im Rathaus waren unter anderem Hinterbliebene der Opfer, Anwohner der Severinstraße und Archiv-Mitarbeiter gekommen. Die in den vergangenen Wochen bekanntgewordenen Pfusch-Vorwürfe beim Bau der Kölner U-Bahn hätten das Vertrauen der Menschen weiter erschüttert, sagte Roters. „Wer von uns hätte sich vorstellen können, dass international handelnde Baufirmen in solch großem Umfang täuschen, manipulieren und betrügen, und dies bei Bauvorhaben, bei denen wir - wie beim Bau der Kölner U-Bahn - höchste Sicherheitsstandards verlangen“, sagte er in Richtung des Baufirmenkonsortiums unter Federführung des Mannheimer Konzerns Bilfinger Berger.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen Baugefährdung. Nach bisherigen Erkenntnissen wurden unter anderem Messprotokolle gefälscht und an Baustellen große Mengen stabilisierender Eisenbügel nicht eingesetzt, sondern an Schrotthändler verkauft.

„Wir dürfen die schlimmen Vorkommnisse nicht auf das Fehlverhalten einzelner Bauarbeiter oder nachgeordneter Mitarbeiter reduzieren“, sagte der Oberbürgermeister. „Manipulation und Betrug haben offensichtlich System, wie Ermittlungen an anderen Großbaustellen in Düsseldorf oder Bayern zeigen.“ Gleichzeitig werde daran deutlich, dass es sich nicht um ein „reines Kölner System“ handele, sondern ein Unglück auch anderswo hätte passieren können.

In Köln wurde am Mittwoch mit zwei Gedenkminuten an den Archiv- Einsturz vor genau einem Jahr erinnert. Busse und Bahnen standen um 13.58 Uhr vorübergehend still. Bei der Gedenkfeier im Historischen Rathaus wurden zwei Kerzen für die beiden Toten angezündet. Der damalige Einsatzleiter, der Kölner Feuerwehrchef Stephan Neuhoff, sagte der dpa, er sei auch heute noch fassungslos angesichts des Unglücks. „Dass so etwas passieren kann, hätte ich vorher nie für möglich gehalten. Mein Vertrauen in die Technik und Sicherheit ist massiv erschüttert worden.“ dpa


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