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Panorama Tragischer Brand fordert vier Menschenleben
Nachrichten Panorama Tragischer Brand fordert vier Menschenleben
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14:30 21.06.2010
Der Dachstuhl der Villa in Bohmte ist völlig ausgebrannt. Quelle: dpa
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Von Elmar Stephan

Bohmte. Die herrschaftliche Jugendstilvilla ist das stumme Zeugnis einer Tragödie: Kahl recken sich die verkohlten Dachsparren in den Himmel, die Dachziegel fehlen oder sind zerstört. Die Fenster im ersten Stock sind zerborsten oder schwarz vom Rauch. Überall liegt gelbe Dämmwolle herum. Vor wenigen Stunden verloren in diesem Haus im idyllischen Bohmte vor den Toren Osnabrücks vier Menschen ihr Leben. Ein Brand war in der Villa ausgebrochen, in der insgesamt elf Menschen ihr Zuhause hatten.

Sie lebten in einer Art Wohngemeinschaft, erzählt Winfried Buchsbaum, Vorsitzender der Arbeiterwohlfahrt in der Region Wittlage. Buchsbaum steht vor dem Haus und kann es nicht fassen. „Es war eine Wohngemeinschaft für Menschen, die nicht mehr alleine leben können oder wollen“, sagt er. Es seien Menschen, die früher unter einer Suchtproblematik gelitten oder die eine geringfügige psychiatrische Erkrankung hätten. Die Bewohner waren im Alter zwischen etwa 40 bis 70 Jahren. Einige arbeiten in einer Behindertenwerkstatt.

Zu Tode gekommen seien eine Frau und drei Männer, sagt Buchsbaum. Das wollte allerdings die Polizei zunächst nicht bestätigen. Tot seien zwei Männer im Alter von 71 Jahren und ein 63-Jähriger. „Die Identität des vierten Opfer steht noch nicht fest“, betont ein Polizeisprecher. Erst müsse die Obduktion abgewartet werden.

Auch über die Brandursache wird am Montag noch gerätselt. Zu den Ermittlungen sollten auch Experten des Landeskriminalamtes eingeschaltet werden. Anwohnern ist nicht klar, weshalb es überhaupt Todesopfer gab. Denn das Feuer brach am frühen Abend um kurz nach 18.00 Uhr aus. Damit ist es unwahrscheinlich, dass die Bewohner im Tiefschlaf überrascht wurden. Möglicherweise sind sie vom Rauch bewusstlos geworden. „Ein, zwei Atemzüge reichen da schon aus“, betont ein Polizeisprecher.

Zweimal am Tag schauten AWO-Mitarbeiter nach dem Rechten in der WG, sagt Buchsbaum. Ansonsten gestalteten die Bewohner ihren Alltag selbst. „Was ich felsenfest ausschließen kann, ist eine vorsätzliche Brandstiftung“, betont er. Es habe keine Spannungen unter den Bewohnern gegeben, da sei er sich sicher. Bittere Ironie in der Tragik: Noch in der vergangenen Woche habe sein AWO-Verein beschlossen, das Haus demnächst mit Feuermeldern auszustatten. „Das wäre die nächste Investition gewesen“, sagt Buchsbaum fast tonlos.

Bei der Rettung spielten sich dramatische Szenen ab. Buchsbaum, der nur wenige Straßen entfernt wohnt, wurde um kurz nach 18.00 Uhr am Sonntagabend von einem Anwohner verständigt: „Da brennt es in der Südstraße!“. Als er ankam, habe sich bereits ein Hausbewohner auf das Dach gerettet. „Nachbarn haben sofort versucht, ihn mit Leitern da herunter zu holen“, schildert der AWO-Chef. Die Nachbarschaftshilfe sei „einfach toll“ gewesen. Aber die Leitern standen zu steil, so dass sie den Mann nicht retten konnten. Gottseidank sei schnell die Feuerwehr gekommen, die den Bewohner vom Dach holte. Er sei ins Klinikum Osnabrück gekommen. „Später hat er noch angerufen, dass er wohlauf sei. Da ist mir doch ein Stein vom Herzen gefallen“, sagt Buchsbaum. Auch ein Rettungshubschrauber war im Einsatz.

Am Vormittag nach dem Brand wirken die Menschen in Bohmte betroffen. „Vier Menschen sind tot? Oh Gott!“ Eine Nachbarin, die drei Häuser weiter wohnt, erfährt erst von den Toten, als sie mit dem Fahrrad an dem Haus vorbeifährt. Sie hatte bislang gedacht, es habe nur Verletzte gegeben. „Das Schlimme ist, dass es immer die Ärmsten trifft“, sagt Renate Hüsemann, die wenige Straßen entfernt wohnt.

Auch die Erste Gemeinderätin des 13 600-Einwohner-Ortes Bohmte, Sabine de Buhr-Deichsel, zeigt sich betroffen. „Die Stimmung hier ist natürlich sehr gedrückt“, sagt sie. Über Versicherungsfragen mache er sich erst später Gedanken, betont Buchsbaum. „Wir wollen jetzt erst einmal zusammen mit der Gemeindeverwaltung die Bewohner in anderen Wohnungen hier im Ort unterbringen.“

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