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Panorama Sorge vor neuem Giftschlamm in Ungarn - Evakuierung
Nachrichten Panorama Sorge vor neuem Giftschlamm in Ungarn - Evakuierung
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19:47 09.10.2010
Ungarische Feuerwehrleute in Schutzausrüstung gehen durch eine Straße mit giftigem roten Schlamm in Devecser, Nachbarort der evakuierten Stadt Kolontar. Quelle: ap

VON GREGOR MAYER

BUDAPEST. Ungarn fürchtet eine neue Welle Giftschlamm: Das Dorf Kolontar ist fünf Tage nach dem schweren Chemieunfall aus Sorge vor neuem Industrieschlamm evakuiert worden. Einsatzkräfte begannen zudem mit dem Bau eines Auffangdammes. Es bestehe die Gefahr, dass es ein neues Leck in dem Abfallbecken gebe, in dem der giftige Bauxitschlamm gelagert sei, teilte der ungarische Regierungschef Viktor Orban am Sonnabend mit. Befürchtet wurde, dass neuerlich ein Damm bricht und weitere Hunderttausende Kubikmeter Giftbrühe ausfließen.

Die 710 Menschen aus Kolontar seien in Sicherheit, sagte Orban in der nahe gelegenen Kleinstadt Ajka. „Es gibt Trauer, es gibt Beunruhigung, aber es gibt keine Panik“, beschrieb der Politiker die Stimmung der Menschen. Der neue Damm soll bis zu fünf Meter hoch, 20 Meter breit und 400 Meter lang werden und die mögliche neue Schlammlawine aufhalten.

Bei dem Unglück am Montag war ätzender Bauxitschlamm aus einem Abfallbecken der Ungarischen Aluminium-AG (MAL AG) im westungarischen Ajka ausgelaufen. Sieben Menschen in den nahe gelegenen Ortschaften starben. Das Unglück gilt als Ungarns schlimmste Umweltkatastrophe.

In der Mauer des geborstenen Abfallbeckens seien mögliche neue Risse entdeckt worden, sagte Orban. Die Umweltorganisation WWF erklärte, bei der Wand handle es sich um eine Trennwand zwischen den verschiedenen Segmenten des Beckens.

Fünf Tage zuvor war der Inhalt eines Segments - fast eine Million Kubikmeter Bauxitschlamm - ausgeflossen. Experten von der Technischen Universität in Budapest halten es für sehr wahrscheinlich, dass sich die neuen Risse zu einem Dammbruch auswachsen. Dabei könnten bis zu 500 000 Kubikmeter Schlamm auslaufen, hieß es. Da es sich diesmal um eine dickflüssigere Substanz handle, würde sich diese aber langsamer ausbreiten als die Schlammlawine vom Montag.

Damals waren 150 Menschen verletzt worden, als sich der rote, laugenhaltige Industrieschlamm aus einem geborstenen Abfallbecken über Kolontar und weitere Orte ergoss. Insgesamt wurden rund 40 Quadratkilometer Land von dem Giftschlamm überschwemmt. Zudem floss die Brühe über Wasserläufe in die Donau. Umweltexperten versuchten am Samstag weiter, das Ausmaß der Katastrophe und die Auswirkungen auf Flüsse wie die Donau zu bestimmen.

Der Giftschlamm-Unfall bahnte sich nach Angaben des WWFs schon seit längerer Zeit an. Ein Luftbild vom Juni zeige, dass die Wände des Schlammbeckens bereits rund drei Monate vor der Umweltkatastrophe marode gewesen seien und Lecks aufgewiesen hätten, teilte die Organisation am Samstag mit. „Das Giftschlamm-Desaster und die daraus erfolgte Verschmutzung von Flüssen - einschließlich der Donau - hätten verhindert werden können“, hieß es.

Die Behörden des Nachbarlandes Österreich forderte der WWF auf, angesichts der Gefahr eines neuen Dammbruchs umgehend Katastrophenhilfe nach Ungarn zu entsenden. „Sollten weitere Millionen Tonnen Rotschlamm ins Freie gelangen, wäre bei Trocknung der Schlammmassen auch eine Verfrachtung der Giftstoffe durch ungünstige Windverhältnisse auf österreichisches Staatsgebiet nicht auszuschließen“, warnt der WWF.

Ministerpräsident Orban stellte am Samstag Konsequenzen für die mutmaßliche Fahrlässigkeit der Betreiber der Unglücksdeponie in Aussicht. Die Manager der MAL AG hatten jede Verantwortung zurückgewiesen. „Diese Angelegenheit wird nicht einfach ausgebügelt werden, wie das sonst üblich sein mag“, sagte Orban. „Denn vor ein paar Monaten hat eine neue Zeitrechnung begonnen“, fügte er in Anspielung auf den Regierungswechsel im Mai dieses Jahres hinzu.

Orbans Rechtskonservative hatten nach ihrem Wahltriumph im Monat zuvor die sozialistische Linke an der Macht abgelöst. Die Eigentümer der MAL AG, die von den Privatisierungen in den 1990er Jahren profitiert hatten, werden dem sozialistischen Oligarchen-Milieu zugerechnet.

(dpa)

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