Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama Sigmund Jähn würde gern mit Astro-Alex fliegen
Nachrichten Panorama Sigmund Jähn würde gern mit Astro-Alex fliegen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:30 31.05.2018
„Wenn du zu viel rumdenkst, wirst du unsicher. Es kommt, wie es kommt“: Sigmund Jähn (geb. 13.02.1937) war der erste Deutsche im Weltall. Er ist in Strausberg (Brandenburg) zu Hause. Quelle: Jacqueline Schulz
Anzeige
Strausberg


Der erste Deutsche im All geht durch seinen Garten im ostbrandenburgischen Strausberg und schaut nach oben. Die Kirschen im Baum sind schon fast rot. „Die Krähen haben schon ganz schön drin rumgehackt“, stellt Sigmund Jähn fest. „Aber man muss der Natur ihren Lauf lassen.“ Wir gehen runter zum Straussee, in dem der 81-Jährige seit März wieder jeden Morgen schwimmt. „Die Wintermonate schenke ich mir aber inzwischen“, sagt Jähn und grinst schelmisch.

Der See scheint ein Jungbrunnen zu sein. Der erste Fliegerkosmonaut der DDR ist schlagfertig, meinungsstark und unglaublich fit. 1990 ist er als Generalmajor der Volksarmee aus dem Dienst entlassen worden, 15 Jahre arbeitete er dann noch als Berater für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sowie die Europäische Raumfahrtagentur Esa. Wir wollen über seinen Freund Alexander Gerst reden, der am 6. Juni zu seiner zweiten Mission ins All aufbricht. Und über seinen Flug vor knapp 40 Jahren.

Herr Jähn, wo erleben Sie den Start von Alexander Gerst?

Live vor Ort. Im kasachischen Baikonur. Dafür hat der Alex gesorgt.

Das ist ja eine nette Geste.

Das ist mehr. Wir verstehen uns sehr gut. Alexander Gerst hat mich aus seinem letzten Urlaub vorm Start angerufen und mir gesagt, dass er sich freue, mich beim Abheben dabeizuhaben. Da habe ich ihm erzählt, dass daraus nichts würde – weil ich nämlich keine Einladung erhalten hätte. Zwei Tage später war sie im Kasten. Das hatte Alex durchgesetzt, das macht nicht jeder. Ich war auch bei seinem ersten Start dabei. Nun freue ich mich für ihn auf den zweiten. Am liebsten würde ich mit einsteigen.

Mentor und Freund: Der Kosmonaut Sigmund Jähn (l) und der Esa-Astronaut Alexander Gerst stehen sich seit Jahren nahe. Quelle: dpa

Sind Sie eigentlich Kosmonaut oder Astronaut?

Wissen Sie, das war mir schon immer egal. Wir sind alle Raumfahrer. Das zählt.

Ihr Start als erster Deutscher ins All jährt sich am 26. August zum 40. Mal. Erinnern Sie sich noch daran, was in diesem Augenblick in Ihnen vorging?

Unmittelbar vorm Start ging der Puls schon ein bisschen hoch, klar. Am aufregendsten war für mich aber die Erklärung, die ich noch abgeben musste.

Was für eine Erklärung?

Sowas offizielles, das zwischen Politbüro und der sowjetischen Seite abgesprochen war. Dass ich als DDR-Bürger der erste Deutsche im All bin und meinen Flug dem 30. Jahrestag der DDR widme. Also, meine größte Angst vorm Start war, dass ich mich hierbei verhasple. Dann ging es endlich los.

Gab‘s ein Stoßgebet an irgendeinen Gott?

Nein. Ich glaube, ich habe an meine Mutter gedacht.

Keine Furcht vor den Gefahren?

Nein, dann darfst du nicht fliegen. Ich musste mich mal in 400 Meter Höhe aus einer MIG 17 katapultieren, weil ein Triebwerk ausgefallen war. Seitdem bin ich bei der Fliegerei davon überzeugt: nur keine Aufregung. Und bei einer Rakete ist das ja noch unnützer, weil die Automatisierung viel höher ist. Wenn du zu viel rumdenkst, wirst du unsicher. Es kommt, ie es kommt.

Und wenn die Rakete ihren Auftrag erfüllt hat…

… dann gibt es einen kleinen metallischen Schlag und es wird ruhiger. Nach neun Minuten bist du 200 Kilometer weit weg. Dann weißt du, dass du nicht mehr runterfällst und Teil im All bist.

„Ich bin der Alte geblieben“

Welche Aufgabe hatten Sie zuerst zu erfüllen?

Ich musste die Stellung der Sterne in bestimmten Abständen mit bis zu 40 Sternkarten vergleichen, die ich nach und nach aufblätterte. Wenn alles übereinstimmte, wusste Kommandant Waleri Bykowski, dass wir auf Kurs sind. Zwei Tage benötigten wir um die Nähe der Raumstation Sajut zu kommen. Ich war für die Daten zuständig, also Entfernung und Geschwindigkeit. Das Andockmanöver führte Waleri händisch aus.

Stimmt es, dass der erste Blick auf die Erde von dort oben einen verändert?

Ich glaube, ich bin der Alte geblieben. Aber der Anblick ist schon grandios, dieses blau. Wunderschön und eigentlich unbeschreiblich. Ich sah auf der anderen Seite aber auch ungereinigten Rauch aus Fabrikanlagen, der einen hunderte Kilometer langen Schweif zieht. Das erschreckt einen.

Besser geworden ist das kaum.

Als ich auf Fotos von Alex die riesigen Lücken durch Abholzungen im Amazonas-Regenwald sah, wurde mir angst und bange. Die Macht des Geldes macht unsere Erde kaputt. Wie schnell das gehen kann, sieht jeder, der Donald Trump beobachtet. An einem Tag stehen wir kurz vor einem Krieg, am nächsten ist wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Einfach irre.

Wären Sie gern mal ausgestiegen, so wie andere Raumfahrer vor und nach Ihnen?

Oh ja! Das war leider nicht vorgesehen auf unserer Mission. Schade.

Sigmund Jähn in seinem russisch-deutschen Raumanzug. Quelle: imago stock&people

Die Technik ist heute sicher wesentlich komplexer als zu Ihrer Zeit. Was hat sich noch verändert?

Die Technik und die unzähligen Experimente verlangen viel Wissen und handwerkliche Fähigkeiten der Raumfahrer. Ich hoffe für sie, dass das Essen besser geworden ist.

Gab es das bei Ihnen wirklich aus der Tube?

Hier (Jähn zieht eine Metalltube aus einem kleinen Sack), das ist Gemüsesuppe. Na ja, es war eher Brei. Und hier (Jähn holt eine flache Plastikfolie heraus) haben wir Kirschsaft. Die Freunde haben sich Mühe gegeben, aber was soll’s? Niemand fliegt zum Essen ins All.

Bilder der Erde zieren Jähns Wohnung

Über der Eingangstür in Jähns Haus prangt eine Darstellung der Erde aus Keramik. Um sie herum schwebt auf seiner Umlaufbahn Sojus 31, das Raumschiff des Duos Bykowski/Jähn, auf dem Weg zur sowjetischen Raumstation Saljut 6. „Das ist ein Geschenk von Thomas Reiter“, erklärt Jähn. Reiter, beurlaubter Brigadegeneral der Bundeswehr, war 1995 der erste Deutsche, der einen Weltraumausstieg unternahm.

Die meisten deutschen Raumfahrer waren schon hier in Strausberg zu Gast, viele russische sowieso. Sie haben sich alle mit ihrer Unterschrift an der Tür zu Jähns Arbeitszimmer verewigt. „Wir sind eine Mannschaft“, sagt der 81-Jährige. Über sich spricht er nicht so gern, über die Raumfahrt an sich oder die Missionen anderer kann er hingegen ohne Punkt und Komma reden. Dabei ist sein Weg als gelernter Buchdrucker aus Morgenröthe-Rautenkranz im sächsischen Vogtland ins Weltall ziemlich ungewöhnlich. Und in der engeren Auswahl für seinen Start waren eigentlich andere, verrät er.

Sekt für den Pionier: Fliegerkosmonaut Sigmund Jähn erhält beim Empfang im Staatsrat der DDR in Berlin im Jahr 1978 ein Glas Sekt. Links der Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker. Quelle: Das Neue Berlin

War fliegen eigentlich Ihr Kindheitstraum?

Als Sechsjähriger bewunderte ich die Flugzeuge, die in Schwärmen über uns flogen. Ich wusste damals nicht, dass sie gerade Plauen bombardiert hatten. Mein Vater ließ mich Buchdrucker lernen, der wollte nicht, dass ich abhob. Aber als die DDR begann, eigene Luftstreitkräfte aufzubauen, war ich dabei. Flugzeuge begeistern mich bis heute.

Und wann wurde gefragt, ob Sie noch höherhinaus wollten?

Ungefähr zwei Jahre vor dem Start, im Sommer 1976. Ich war einer von 15 Männern, die gefragt wurden.

Ihre Frau war begeistert?

Sie hat sich zumindest nicht quergestellt. Erika und unsere beiden Töchter zogen dann auch mit ins Sternenstädtchen bei Moskau.

Sie waren gleich erste Wahl?

Nein. Ich war die Nummer drei und Eberhard Köllner, der ja später Ersatzmann war, die Nummer vier. So wurde das auch Honecker gemeldet. Wir vier fuhren also nach Moskau.

Und was gab den Ausschlag?

Moskau. Dort wurde die Reihenfolge von den sowjetischen Fachleuten und Ärzten umgedreht. Mein Körper verhielt sich in der Schwerelosigkeit optimal, und ich sprach wohl am besten russisch. So wurde ich die Nummer eins und Eberhard Köllner die Nummer zwei.

Sowohl mit russischen als auch mit US-amerikanischen Kollegen haben deutsche Raumfahrer gearbeitet. Wer steckt hinter den Namen?

Das war für Sie beide schwierig, oder?

Natürlich. Wir kannten uns schon von der Militärakademie, und Eberhard Köllner wäre auch gern geflogen. Wir behielten aber unser gutes Verhältnis.

Nachdem Sigmund Jähn und Waleri Bykowski knapp acht Tage später in der kasachischen Steppe gelandet waren, wurde der Deutsche mit Ehrungen überhäuft: Held der DDR, Held der Sowjetunion, sogar ein Frachter der DDR-Handelsflotte wurde auf den Namen „Fliegerkosmonaut der DDR Sigmund Jähn“ getauft. Brigaden und Schulen erhielten seinen Namen, er wurde als Aushängeschild der DDR im In- und Ausland herumgereicht. Das Thema ist ihm unangenehm.

Wie haben Sie den Sigmund-Jähn-Kult in der DDR wahrgenommen?

Das war ein schwieriges Kapitel. Ich hatte wirklich viele schöne Begegnungen mit einfachen Menschen, die ehrlich begeistert waren. Andererseits war ich in der Partei, ein guter Genosse und wurde für diesen Flug ausgesucht. Ich wusste somit, dass meine Aufgabe nicht mit der Landung erledigt war und erfüllte sie. Das hieß zu zeigen, wozu die kleine DDR in der Lage war. Ich habe mich jedoch nicht verbogen, sondern so aufgeführt, wie ich es von meinen Eltern, die einfache Leute waren, gelernt hatte.

Fanden Sie es nicht befremdlich, dass sogar ein Schiff nach Ihnen benannt wurde?

Was willst du in der Situation dagegen tun? Da wurde ein Programm abgespult, das lief wie eine Uhr. Natürlich wäre mir nicht im Traum eingefallen, dass Schiffe, Gebäude oder Arbeitsbrigaden meinen Namen tragen werden. Der Kapitän des Schiffes war ein herzensguter Mann, der mich verstand. Denn dessen Vater war der erste Kapitän der DDR-Handelsflotte gewesen – und hatte Aufgaben wie ich zu erfüllen. So war das eben in der DDR.

Ein 14 000 Tonner der Rostocker Neptunwerft ist auf den Namen MS „Fliegerkosmonaut der DDR - Sigmund Jähn" getauft worden. Quelle: Repro

Ärgert es Sie, dass im Westen eher Ulf Merbold genannt wird, wenn es um Deutsche im All geht?

Nein. Ich kann mich eigentlich nicht über mangelnde Bekanntheit beschweren. Letztes Jahr, als ich 80 wurde, erhielt ich Hunderte Briefe, auch von Menschen aus dem Westen.

Sie sind mit Merbold, der wie Sie aus dem Vogtland stammt, noch zu DDR-Zeiten über die Alpen geflogen. Wie ging das denn?

Wir trafen uns nach seinem Raumflug bei einer Tagung in Salzburg. Ich durfte ja in den Westen für solche Veranstaltungen. Er sagte mir, er sei mit dem Flugzeug da und fragte mich, ob wir nicht eine Spritztour über die Alpen machen wollten. Ich sagte: Gern! Es war ein wunderbarer Flug.

Und Ihre Aufpasser aus der DDR?

Die haben das gar nicht erfahren. Oder besser: zu spät. Ist ja nichts passiert (grinst).

Verbindet Sie noch etwas mit Ihrem Ex-Kommandanten Bykowski?

Seine Enkel waren vor kurzem gerade ein paar Tage hier bei mir in Strausberg. Er selbst kränkelt ein bisschen im Moment.

Sigmund Jähn, im Gespräch mit RND-Chefkorrespondent Thoralf Cleven in Strausberg. Quelle: Jacqueline Schulz

Alexander Gerst sagte vor ein paar Wochen, Sie seien sein Freund und würden ihn inspirieren. Was schätzen Sie an ihm?

Zunächst einmal ist er ein sehr kluger Mensch, ein Entdecker. Und dann ist Alex ein sehr herzlicher Mensch. Auf einer Reise von Moskau nach Peking fand er in einem Laden in Irkutsk ein Abzeichen, auf dem der 1978-er-Flug von Bykowski und mir mit unseren Konterfeis verewigt war. Er kaufte es, nahm es mit auf seinen ersten Flug und mailte mir von dort ein Foto von dem Abzeichen im Raumschiff. Das hat mich tief berührt.

Gibt es eigentlich so eine Art Raumfahrer-Glückauf?

Keine Ahnung. Ich wünsche Alex und seinen Kollegen eine gute Mission. Und kehrt heil wieder zurück!

Von Thoralf Cleven/ RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Nach einem schweren Vorfall in einem Zug von Köln nach Flensburg ist nach einem Polizeieinsatz ein Mann getötet worden. Zwei weitere Menschen wurden verletzt, darunter eine Polizistin. Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund gibt es offenbar derzeit nicht.

31.05.2018

Ein Präsident speckt ab – Donald Trump will nach eigenem Bekunden bis zu sieben Kilo an Gewicht verlieren. Und da es mit dem Sport hapert, haben seine Ärzte und Gesundheitsberater jetzt in der Küche des Weißen Hauses Fakten geschaffen.

30.05.2018

Erneut ist es zu einem Unfall mit einem Tesla gekommen. In Kalifornien rammte das Elektroauto im Autopilot-Modus ein parkendes Auto. Bei diesem handelte es sich ausgerechnet um einen Streifenwagen der Polizei.

30.05.2018
Anzeige