Navigation:
Horst Reinert vom Studentenwerk Göttingen.

Horst Reinert vom Studentenwerk Göttingen.
© Christina Hinzmann

In der Uni-Mensa

Sexistische und antisemitische Ausstellung in Göttingen?

Die Diskussion um die Ausstellung “Geschmackssache”, die bis zum Freitag in der Zentralmensa des Studentenwerks in Göttingen zu sehen war, hat eine neue Dimension bekommen. Außer Sexismus wird der Schau nun auch Antisemitismus vorgeworfen.

Göttingen. Die Ausstellung mit 45 Bildern der Künstlergruppe „Das KomiTee“ ist am Freitag vorzeitig abgehängt worden. Darauf hatten sich das Studentenwerk Göttingen und die Künstler verständigt. Zuvor hatten sich unter anderem einige Besucher der Mensa bei der Gleichstellungsbeauftragten der Universität über einige Bildmotive beschwert. Die Bilder seien sexistisch, lautete einer der Vorwürfe. Außerdem hat der Chef des Studentenwerks, Jörg Magull, am Freitag eine E-Mail von Achim Doerfer, Anwalt und Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde in Göttingen, erhalten. Inhalt: Eines der Bilder, nämlich das Titelbild der Ausstellungsplakate und Einladungen, sei antisemitisch.

Es handelt sich um eine Zeichnung der Künstlerin Ulrike Martens, die eine rosafarbene Karikatur Albert Einsteins mit Schweineohren zeigt. “Dieses Bild geht gar nicht”, sagt Doerfer. Die Kritik an diesem Bild sei ihm von “ganz normalen Menschen und nicht aus dem Kreis der Jüdischen Gemeinde” zugetragen worden. Das Bild von einer “Judensau”, so Doerfer, habe sie gestört. In Absprache mit dem Vorstand der Gemeinde habe er dann am Freitag die E-Mail an Magull geschickt, in Kopie ging das Schreiben auch an Universitätspräsidentin Ulrike Beisiegel. „Magull hat die Kritik eingesehen und sofort darauf reagiert”, sagt Doerfer. Daraufhin sollte die Zeichnung von Ulrike Martens entfernt werden. “Wir haben das Schreiben der Jüdischen Gemeinde erhalten, mit dem Studentenwerk darüber gesprochen und der Gemeinde geantwortet”, bestätigt auch Universitätssprecher Romas Bielke.

In der jüdischen Kultusgemeinde Göttingen sei die Ausstellung bislang kein Thema gewesen, sagt deren Vorsitzende Eva Tichauer Moritz. Wenn Albert Einstein und ein Schwein in Zusammenhang gebracht werden, sei das aber besorgniserregend. Bereits am Freitagmittag war das Bild nach Tageblatt-Informationen von der Wand in der Mensa entfernt.

Am Freitagabend dann haben Mitarbeiter des Kulturbüros des Studentenwerks, das die Ausstellungen in den Räumen des Studentenwerks organisiert, und die Künstler sämtliche Werke von den Wänden genommen. Es blieben nur die leeren Rahmen.

Die Ausstellung “Geschmackssache” mit den 45 Bildern war am 20. Oktober in der Zentralmensa eröffnet worden. „Es gibt keinen roten Faden“, hatte Magull in seiner Eröffnungsrede gesagt, „außer dem guten Geschmack“. Davon hätten die Mitglieder von „Das KomiTee“, anstelle von Geld, reichlich.

„Das KomiTee“ besteht aus Johannes Esser, Stephan Heupst, Klaus Kasperzak, Ulrike Martens, Guido Rohm, Jochen Schaudig, Werner Towara und Marion Vina. Ihre Bilder, Zeichnungen, Texte, Karikaturen und Fotos zierten jeweils eine Wand der Zentralmensa. Seit dem Jahr 2015 agieren die Künstler gemeinsam. Die Idee zu der Gruppenausstellung sei laut Magull während Towaras Ausstellung „Bilder aus der Provinz“ im „Café Central“ im Studentenwerk gekommen. Dort gebe es eine Tradition von wechselnden Ausstellungen. „Geschmackssache“ sei jedoch die größte, beste, verrückteste und geschmackvollste Ausstellung, die je im Studentenwerk gezeigt wurde, hatte Magull während der Ausstellungseröffnung gesagt. Viele Bilder seien Reproduktionen, Martens Bilder, so auch das Werk „Einschwein“, Originale. Die Ausstellung sollte eigentlich bis zum 14. Februar zu sehen sein.

Die Bilder abzuhängen, sei eine grundsätzliche Entscheidung der Künstlergruppe gewesen, erklärte Studentenwerk-Chef Magull. Es habe eine Reihe von Vorwürfen mit Blick auf die Motive gegeben. Welche Folgen das abrupte Ende der Bilderschau auf die weitere Arbeit des Kulturbüros habe, solle in dieser und der kommenden Woche beleuchtet werden, auch vor dem Hintergrund, dass das Kulturbüro im 2018 sein 30-jähriges Bestehen begehe.

Vom „KomiTee“ als Gruppe und den einzelnen Künstlern gab es am Montag keine Stellungnahmen. Das Tageblatt hatte die Akteure schriftlich gefragt, wer wann und warum über das Ausstellungsende entschieden habe. Weder zu der Frage, ob die Gruppe Alternativen zum Ausstellungsabbruch erwogen habe noch darüber, wer die Motive ursprünglich ausgewählt und zusammengestellt hatte, äußerten sich die Künstler. Darüber hinaus wollte das Tageblatt wissen, ob das „KomiTee“ bereits entschieden habe, ob und gegebenenfalls wie es weiter Gemeinschaftsausstellungen geben soll.

Zunächst war die Ausstellung aus anderen Gründen auf Kritik gestoßen. Bei der Gleichstellungsbeauftragten der Universität, Doris Hayn, waren „einige Beschwerden” eingegangen. Die richteten sich gegen Bilder der Künstlerin Marion Vina. Die Gleichstellungsbeauftragte der Universität sei von Studierenden und Mitarbeiterinnen informiert worden. Hayn teilt die Sicht, dass die Ausstellung Bilder mit diskriminierendem und sexistischem Inhalt enthält”, so die Stellungnahme der Universität dazu.

Das Studentenwerk hatte die Ausstellung zunächst vehement verteidigt, was wiederum Kritik auslöste. Das für die Ausstellung verantwortliche Kulturbüro berief sich auf die Freiheit der Kunst. Ganz anders sieht das außer Hayn auch der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA). „Wir haben uns gleich zu Beginn der Forderung der Gleichstellungsbeauftragten angeschlossen, die Bilder abnehmen zu lassen“, sagte Silke Hansmann, AStA-Vorsitzende. Sie sei enttäuscht davon, dass das Studentenwerk die Bilder als nicht-sexistisch bezeichnete.

Auch die Wohnrauminitiative Göttingen hatte die Ausstellung kritisiert und einen offenen Brief an Magull gerichtet. Darin zitiert die Gruppe aus einer Erklärung des Studentenwerks, es gebe Vorgaben, die „Nazi-Propaganda, rassistische und sexistische Exponate“ in Ausstellungen verböten.

FDP wird Verantwortlichen “Blindheit” vor

Dass die Göttinger Universität die Einstein-Zeichnung entfernt habe, sei völlig richtig: Das teilte der Stadtverband der FDP mit. Vorsitzender ist Achim Doerfer, der auch im Vorstand der jüdischen Gemeinde engagiert ist. Eine Hetze irgendwelcher Art, auch als gerade noch nicht strafbare Satire, solle dort nicht stattfinden. Die harmlosen Zeichnungen erotischer Art dagegen aufgrund lauten Protests zu entfernen, sei nach Ansicht der FDP nicht verhältnismäßig. „Es hätte nicht um die an den Haaren herbeigezogene Sexismusdebatte gehen sollen, sondern das Titelplakat der Ausstellung zeigte ein grob antisemitisches Klischee”, so auch Doerfers Stellvertreterin Felicitas Oldenburg. Einstein als bekanntesten Juden des 20. Jahrhunderts in einer solchen Zeichnung als Schwein darzustellen, hätte Anlass nach Ansicht der FDP zu Debatten über “noch immer existierende Blindheit gegenüber antisemitischen Hetzdarstellungen geben müssen.“ Gezeichnete nackte Haut als verwerflich anzusehen, die Abwertung von Juden aber glatt zu übersehen, sei völlig unverständlich. “Für eine Universität der Aufklärung ist ein solches Titelplakat undenkbar.“ Bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts sei die Bezeichnung „Judenschwein“ fester Bestandteil antisemitischer Pamphlete.

2016: Ausstellung zieht nach Protest um

Auch im vergangenen Jahr hat es in Göttingen in Verbindung mit einer Ausstellung Antisemitismus-Vorwürfe gegeben. Statt in der Universität fand die Ausstellung nach Protesten in der privaten Galerie “Alte Feuerwache” statt. Die Schau „Die Nakba - Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“ war schon im Vorfeld vom Allgemeinen Studierendenausschuss kritisiert worden, er forderte die Absage. Jüdische Gemeinden kritisierten die einseitige Darstellung. Die 2008 vom Verein „Flüchtlingskinder im Libanon“ erstellte Ausstellung sollte 2016 eigentlich ab 1. November im Kulturwissenschaftlichen Zentrum der Georg-August-Universität gezeigt werden. Nach Protesten wurde sie verlegt. In der privaten Galerie wurde sie wegen des großen Interesses verlängert.

Von Christoph Oppermann und Britta Bielefeld/GT/RND


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Kümmern Sie sich schon um Ihre Weihnachtseinkäufe?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie