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Panorama Psychologe: "Schockzustand kann Wochen dauern"
Nachrichten Panorama Psychologe: "Schockzustand kann Wochen dauern"
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17:30 26.07.2010
Die Trauer um die Toten bei der Loveparade ist noch immer groß. Quelle: afp

Wie reagieren Menschen, wenn sie Teil einer Massenpanik sind?

„In einer Situation erkennbarer Bedrohung oder starker Gefahr schaltet unser Gehirn in eine Notfallreaktion, und dabei werden die Funktionen des Gehirns auf das Wesentliche reduziert. Wir denken nicht mehr großartig nach, denn es könnte sein, dass dieses Nachdenken zu viel Zeit und uns damit das Leben kostet. Sondern wir handeln, mechanisch, automatisch, das ist ein Prozess, der in uns stattfindet, den wir nicht willentlich beeinflussen können. Das kann dazu führen, dass jemand ganz massiv aggressiv wird, losrennt, flieht, dabei auch andere zur Seite stößt oder er erstarrt und kann sich nicht mehr bewegen. All das ist in dieser Notfallreaktion möglich. Wichtig ist: Unsere normale Fähigkeit zu reflektieren, ist das gut oder nicht gut, ist ausgeschaltet. Das ist der entscheidende Punkt.“

Was erleben Betroffene nach einer solchen Massenpanik wie in Duisburg?

„Direkt im Anschluss sind Menschen eine Zeit, die von Stunden bis Tagen oder manchmal auch Wochen variiert, in einem Schockzustand. Der Betreffende fühlt sich zunächst wie betäubt und in Watte gepackt. Es kommt dann zu einer Erleichterung, aber auch zu Trauer. Dieser Schockzustand ist zu Anfang ganz natürlich. Wenn er abklingt, beginnen die Menschen zu realisieren, was eigentlich geschehen ist. Sie spüren erst einmal, wie nah es ihnen ans Leben gegangen ist und es kommen Gefühle. Diese sind zu Anfang oftmals gar nicht da.“

Was für Gefühle sind das?

„Angst, Trauer, Ärger - aber auch ein Schuldgefühl, die sogenannte Überlebensschuld, wenn man überlebt hat und vielleicht sehr nah am Geschehen dran war. Zur Symptomatik gehört nach der emotionalen Schocksituation auch, dass Bilder kommen, dass nachts die Träume kommen, das muss zu Anfang gar nicht sein. Menschen erschrecken dann oftmals, aber das ist ganz natürlich. Es ist an sich der Versuch des Gehirns, die Erlebnisse zu verarbeiten. Die Gefühle, die Bilder, die Träume - all das ist die normale Reaktion auf eine unnormale Erfahrung.“

Was macht man, wenn so etwas auftritt, wenn es einen sehr quält?

„Es wichtig, über die Symptome, die man an sich selbst feststellt, zu sprechen und vor allem, wie es einem im Moment geht. Das heißt nicht, dass man über alles im Detail noch einmal sprechen muss, was man erlebt hat. Da sollte man zu Anfang nicht machen. Aber man sollte mit guten Freunden, Bekannten oder auch professionellen Helfern sprechen. Wenn der Schlaf sehr durch Träume beeinträchtigt ist, kann manchmal auch eine kurze medikamentöse Hilfe ein Anstoß sein, dass das Ganze weiter geht. Aber einige, die näher dran waren, brauchen möglicherweise auch psychotherapeutische Hilfe.“

Bei der Loveparade in Duisburg hat es nach Angaben der Polizei bei einer Massenpanik mindestens 15 Tote gegeben. Vor dem Eingang zum Gelände sei es bei den Wartenden in einem Tunnel zur Panik gekommen.

Junge Menschen sind aber häufig cool und wischen das Erlebte einfach weg.

„Eltern und Freunde sollten darauf achten, ob derjenige verändert ist. Wenn sich das auf Dauer zeigt, dann sollten sie sagen: „Du komm, lass uns doch mal jemanden aufsuchen, der sich mit so etwas auskennt“. Wir wissen mittlerweile, dass eine frühe Unterstützung der betroffenen Menschen sehr, sehr hilfreich ist. Denn wenn es erst chronisch wird, dann ist eine Behandlung schwieriger.“ dpa

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