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16:05 13.01.2018
Was macht das Gelesene mit dir? Bei “Shared Reading“ ist diese Frage sozusagen Programm. Quelle: iStockphoto
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Hannover

Literatur kann glücklich machen. Jeder Leser weiß, dass einen beim Lesen eines Buches Glücksgefühle überkommen können. Und unzählige Autoren erzählen in ihren Texten davon, wie einsame, vom Leben und ihren nächsten Verwandten schlecht behandelte Menschen durch Bücher selbstbewusster oder fröhlicher werden.

Auch Literaturclubs können glücklich machen – und sogar gebrochene Herzen heilen. In Karen Joy Fowlers Roman “Der Jane Austen Club“ genesen die Mitglieder im Laufe ihrer Treffen sichtlich. In Azar Nafisis Bestseller “Lolita lesen in Teheran“ hilft ein Buchclub lesewütigen Frauen, den Alltag im Iran der Neunzigerjahre zu bewältigen. Heimlich beschäftigen sie sich mit Romanen, die auf dem Index stehen: Bücher von Vladimir Nabokov, F. Scott Fitzgerald, Jane Austen, Henry James …

Literatur als Rettungsinsel und Rückzugsort? Ja, und mehr noch: Literatur kann gesund machen. Das zeigt die “Shared Reading“-Bewegung. Ursprünglich stammt die Idee des “geteilten Lesens“ aus Liverpool. In britischen Schulen und Shoppingcentern, in Strafvollzugsanstalten, in Büros und, natürlich, Büchereien treffen sich seit gut 15 Jahren regelmäßig Menschen, die unter Anleitung eines Moderators einen Text laut lesen und darüber sprechen. Die Ergebnisse sind beeindruckend: Sie fühlten sich durch diese Treffen besser und selbstbewusster, berichten zahlreiche Teilnehmer. Ein Mann schildert, dass für ihn die Lesegruppe wie Medizin sei und ihm Kraft gebe, seinen Alltag zu bewältigen. Drei Viertel der Gefängnisinsassen, die bei “Shared Reading“-Treffen in Vollzugsanstalten mitmachen, berichten, dass die Runden ihnen helfen, über Veränderungen in ihrem Leben nachzudenken.

Subjektivität ist gewollt

Die bei Literaturwissenschaftlern eher verpönte Frage “Was macht das Gelesene mit dir?“ ist bei “Shared Reading“ Programm: Subjektivität ist gewollt – und dient dazu, vor allem bisherige Nichtleser für Bücher zu begeistern. Menschen unterschiedlicher Herkunft und Lebenslagen sollen mittels Literatur an einen Tisch gebracht werden. Nicht zuletzt psychisch Kranke, Alte und sozial Abgehängte will das Projekt erreichen und unterstützen. “Literaturbasierte Intervention“ nennen die Initiatoren das.

Die Bewegung ist immens erfolgreich: Aus einer kleinen Initiative hat sich eine renommierte Organisation entwickelt, die sich teils aus öffentlichen Mitteln, teils aus Spenden finanziert. Seit “Shared Reading“ vor knapp zwei Jahren in Deutschland an den Start gegangen ist, entstehen auch hier solche Gruppen. In Berlin und München, Frankfurt und Heidelberg zum Beispiel existieren “Shared Reading“-Runden. Und in Volkshochschulen und Freizeitheimen, in Literaturhäusern und anderen Kultureinrichtungen treffen sich, inspiriert vom britischen Vorbild, vermehrt Literaturinteressierte. Mal heißen die Gruppen “Auf ein Wort“ wie der Lesezirkel im Literaturhaus Hamburg, meist jedoch ganz schnörkellos “Gemeinsam lesen“.

Als das Literaturhaus Hannover vor Kurzem einen Lesetreff anbot, waren die Veranstalterinnen von dem Interesse nahezu überwältigt. Sie hätten drei oder vier solcher “Gemeinsam lesen“-Zirkel gründen können, sagt Annette Hagemann, Leiterin dieser wöchentlichen “Text-Gespräche“. Das Konzept der Treffen ist einfach: Zu jeder der insgesamt zehn Sitzungen bringt Hagemann einen kurzen Text mit, oft einen Romanausschnitt. Der Text wird laut vorgelesen – und dann stürzen sich die zwölf Teilnehmer, unterstützt von Fragen der Kursleiterin, ins Gespräch.

“Das Gegenteil von Zappen“

Weder sollten die Treffen ein germanistisches Seminar noch ein “Literarisches Quartett“ sein, sagt Annette Hagemann, sondern ein Angebot, sich in Ruhe einem Text zu nähern. “Es geht gerade nicht husch, husch zu“, sagt sie, “sondern bei uns erfährt man das Lesen als langsamen Prozess, als das Gegenteil von Zappen.“ Sich dem Text hingeben – so beschreibt eine Teilnehmerin ihre Erfahrung.

Fragt man in die Runde, was die neun Frauen und drei Männer zu den “Text-Gesprächen“ gebracht hat, ähneln sich die Antworten: Sie wollten sich Anregungen holen, neue Autoren kennenlernen und erfahren, wie Bücher auf andere wirken. Man lernt, den “Text aus verschiedenen Perspektiven wahrzunehmen und zu interpretieren“, sagt eine Leserin, “das ist eine sehr bereichernde Erfahrung, insbesondere auch, wenn die Teilnehmer sich öffnen und man erfährt, auf welche persönlichen, biografischen Spuren der Text trifft“. Eine andere schätzt besonders, dass dort Menschen unterschiedlichen Alters und verschiedener Berufe zusammenkommen.

Es gibt sie ja, die Menschen, denen Bücher wichtig sind. Manchmal vergisst man das fast, denn in unschöner Regelmäßigkeit schrecken uns immer neue Studien auf, die den Verfall der Lesekultur diagnostizieren. Mit der Lesekompetenz der Schüler steht es nicht zum Besten – erst vor Kurzem belegte dies eine neue Untersuchung, laut der deutsche Grundschüler vielen Gleichaltrigen aus anderen Ländern hinterherhinken. Eltern sind vorlesefaul – nach jüngsten Umfragen der Stiftung Lesen liest ein Drittel der Eltern ihren Kindern in deren ersten drei Lebensjahren so gut wie gar nicht vor. Überhaupt nehmen sich Erwachsene nicht unbedingt Zeit fürs Buch, egal ob in der traditionellen gebundenen Ausführung oder auf einem Tablet, Smartphone oder E-Reader. Fast ein Viertel der über 18-Jährigen liest laut einer Erhebung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels niemals ein Buch.

Auf ein Wort: “Shared Reading“, gemeinsames Lesen, rückt das Buch wieder ins rechte Licht. Quelle: E+

Diejenigen jedoch, die leidenschaftlich gern lesen, wollen sich oft auch mitteilen. Das zeigen auch die zahlreichen Literaturblogs, in denen gerade auch jüngere Leser (und vor allem: Leserinnen) im Internet über ihre Lektüreerfahrung schreiben, Buchtipps geben und miteinander diskutieren. In einer Zeit, in der zahlreiche Menschen das Gefühl der Vereinzelung nur zu gut kennen, bieten Lesegruppen nicht nur die Möglichkeit, sich in Ruhe einem Buch zu nähern. Sondern auch die Aussicht auf Gemeinschaft und auf ein intensives Gespräch.

Das zeichnet auch die vielen privaten Leseclubs aus, die sich ganz ohne irgendwelche Statuten zusammenfinden. Meist ist das – oft nach dem Vorbild der populären “reading groups“ und “book clubs“ in den USA und Großbritannien – einfach ein Stammtisch für Leute, die Lust haben, sich mit Gleichgesinnten mit Romanen oder mit historischen, philosophischen oder gesellschaftspolitischen Sachbüchern zu beschäftigen. Selbst wenn es in den Zirkeln mitunter hoch hergeht (es gibt ja immer einen, der alles besser weiß), verströmen sie oft auch noch die behagliche Lagerfeuer-Atmosphäre, nach der viele Menschen sich sehnen. Und zwar durchaus auch jüngere, denn Leseclubs sind entgegen mancher Vorurteile keine reinen Seniorenveranstaltungen. Und auch nicht – wie lange kolportiert – spießig-skurrile Treffpunkte bildungsbeflissener Damen mit allzu viel Freizeit.

Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht

Kritiker meinen, dass “Shared Reading“ und “Gemeinsam lesen“-Gruppen mit Literatur nur am Rande zu tun haben, dass es oftmals mehr um eitle Selbstbespiegelung gehe. Man kann es aber auch anders sehen: Die Gruppen können ein Instrument zur Selbstreflexion sein. Und ganz einfach Spaß an Büchern vermitteln. Das kann unterhalt- und eben auch heilsam sein.

Menschen wollen teilen und sich mitteilen. Und durchaus auch eine Geschichte miteinander teilen, heißt es auf der Internetseite meinliteraturkreis.de, die Tipps für Lesezirkel bietet und regelmäßig Buchclubs vorstellt. Betreiberin Kerstin Hämke gibt auch Anregungen, was man bei der Gründung eines Literaturclubs beachten sollte. Doch da gilt wohl in erster Linie, was Thomas Böhm, der den deutschen Ableger von “Shared Reading“ mitorganisiert, schon vor Jahren in “Das Lesekreisbuch – Eine Anleitung“ geschrieben hat: “Fühlen Sie sich nicht an irgendwelche Vorgaben gebunden, Sie können Ihren Lesekreis so gestalten, wie Sie es möchten.“

Manche dieser Kreise schlafen nach kurzer Zeit wieder ein, in einigen zerstreiten sich die Teilnehmer irgendwann, wieder andere existieren über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Eine Erfolgsgarantie für das perfekte Leseglück gibt es weder bei “Shared Reading“ noch beim privaten Literaturclub, aber die Chance auf gelungene gemeinsame (Lektüre-)Erlebnisse.

Von Martina Sulner

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