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Panorama Ein Junge kämpft sich ins Leben zurück
Nachrichten Panorama Ein Junge kämpft sich ins Leben zurück
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00:17 25.12.2017
Er kann stehen: Fabiano bei der Therapie in seinem Astronautenanzug in der Slowakei. Für die Mutter Marion Novello ist das „ein kleines Wunder“. In die NP-Redaktion kam der Neunjährige im Rollstuhl. Den soll er aber irgendwann nicht mehr nötig haben, hoffen Therapeuten und Familie. Quelle: Fotos: Adeli, Dröse
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 „Wie schaffen Sie das alles, Frau Novello?“ Die 46-Jährige überlegt kurz, dann lächelt sie: „Fabi ist die Motivation. Er hat die Energie und die gute Laune, alle mitzureißen. Es ist unheimlich faszinierend, was für ein Potenzial in ihm steckt.“ Und schaut liebevoll auf ihren Sohn. Der Neunjährige rutscht gerade über den Fußboden – und will nicht, dass man ihm die Tür aufmacht. „Kann ich selber“, sagt er und streckt seine Hand an die Klinke. „Dass er sprechen kann, ist ein kleines Wunder“, sagt die Mutter. Es gibt viele kleine Wunder in Fabianos Leben.

Die linke Gehirnhälfte ist zerstört

Der Junge war ein Frühchen, er kam in der 30. Wo­che durch einen Notkaiserschnitt zur Welt – weil die Mutter eine Schwangerschaftsvergiftung hatte. „Dann hatte er das Pech, dass er in seinen ersten Jahren alles mitgenommen hat“, so die Mutter. Einen Kreislaufstillstand, eine Hirnblutung, einen Schlaganfall „und sämtliche Infektionen, die es so gibt“. Die Folgen: eine halbseitige Lähmung und eine geistige Behinderung. Und ständige Krampfanfälle in den ersten drei Jahren: „Wir hatten acht verschiedene Medikamente für ihn, die natürlich auch Ne­benwirkungen hatten.“ Und keinen Fortschritt brachten: „Wir waren im Ausnahmezustand. Und als er drei Jahre war, hat er aufgehört, am Leben teilzunehmen.“ Fabiano dämmerte nur noch dahin, sein Kinderzimmer glich einer Intensivstation.

Die Ärzte wussten nicht mehr weiter. Klar war: Die linke Gehirnhälfte ist zerstört, und die Konsequenz waren die ständigen Epilepsieanfälle. Dann wurde der Entschluss gefasst, die linke Gehirnhälfte in einer Operation abzukoppeln.

Eine zehnstündige OP war die einzige Chance

„Sicher war das riskant“, erzählt die Mutter, „aber das war die einzige Chance. Irgendwann wäre Fabiano an einem der Anfälle gestorben.“ Die zehnstündige Operation fand im Jahr 2011 in einem speziellen Epilepsie-Zentrum in Vogtareuth in Bayern statt. Es ging gut – und Fabianos Kampf ins neue Leben begann.

„Er hat viel mehr wahrgenommen, war dadurch aber auch sehr schnell überreizt. Es durften nie mehr als zwei Leute in einem Raum sein, es durfte keine Musik spielen.“ Die linke Gehirnhälfte krampft immer noch – aber die Impulse springen nicht mehr auf die gesunde Seite über. In der linken befindet sich auch das Sprachzen­trum. „Von daher wissen wir nicht, warum Fabiano sprechen kann“, so die Mutter.

Die Krampfanfälle waren weg, die Lähmung und die geistige Behinderung blieben – und die Frage, welche Therapiemöglichkeiten es gibt. „Wir haben bei uns sehr gute Therapeuten und Ärzte, aber das alles half nicht mehr weiter.“ Die Familie war in­zwi­schen aus Braunschweig in den Ort Sickte (Kreis Wolfenbüttel) gezogen. „Wir dachten an eine Delfin-Therapie, aber das kostet natürlich ...“ Dann schaute Marion Novello nachts Fernsehen – und sah eine Mutter, die über Behandlungsmöglichkeiten in der Slowakei berichtete. Eine ganzheitliche Therapie im Adeli Medical Center: „Ich war begeistert.“ Und dann frustriert. Denn auch diese Preise überstiegen das Familienbudget bei weitem.

Spenden und Hilfsbereitschaft

Dann aber gab es eine „Verkettung von Glücksfällen“, so die Mutter. Die örtlichen Zeitungen berichteten, es folgte eine Welle der Hilfsbereitschaft (siehe Kasten) und ziemlich schnell waren 20 000 Euro auf einem Spendenkonto.

Im März 2015 fuhr die Familie das erste Mal in den slowakischen Ort Pieštany. Fabiano hatte seine erste intensive Behandlung: „Da hat er nur gebrüllt, das war er ja nicht gewohnt. Und er hat seine gelähmte Seite ja sonst ignoriert. Das war schon ex­trem anstrengend für ihn.“ Und das ging zwei Wochen so, nur am Sonntag hatte der Junge frei. Harte Arbeit mit verschiedensten Fachkräften: „Die Schritte wurden 100-mal wiederholt, so konnten wir die Bewegungsabläufe auch zu Hause wieder abrufen.“ Davon war auch Fabiano angetan: „Wann wieder Schlumpfe Kai, fragte er als wir zu Hause waren“, erzählt die Mutter. Und mit „Schlumpfe Kai“ meinte er die Slowakei.

Enorme Fortschritte bis zu den ersten Schritten

Die Fortschritte waren enorm. Nach dem zweiten Besuch konnte der Junge stehen – und seine ersten Schritte machen: „Das ha­ben wir vorher nicht für möglich gehalten.“ Er sitzt noch meistens im Rollstuhl: „Aber das Ziel ist, dass er den nicht mehr braucht und selbstständig wird.

Siebenmal waren sie in der Slowakei. Das kostet. 3078 Euro für zwei Wochen Therapie, dazu kommen die Reise- und Übernachtungskosten: „Die Krankenkasse hat das am Anfang nicht übernommen.“ Das hat sich inzwischen angesichts der Erfolge geändert, „aber es ist immer ein Kampf. Wir wissen nie, ob es auch für das nächste Mal bewilligt wird.“

Fabiano kommt wieder hereingerutscht, er will wieder los: „Wie lange dauert es noch?“ Er will wieder mit dem Zug fahren: „Das liebt er.“ Vor dem Besuch war er bei McDonald’s. Denn seit neuestem liebt er Pommes und Chicken McNuggets – was also alle Jungs in dem Alter mögen: „Er hatte das acht Jahre nie, keine Pommes, kein Eis, keinen Jo­ghurt, keine Gummibärchen.“ Fabiano ernährte sich lange nur von trocken Brot, weil er kaum kauen konnte. Es ist alles besser geworden, auch seine Magensonde konnte entfernt werden.

Weihnachten feiert die ganze Familie

Er braucht Beschäftigung, schaut aber auch kein Fernsehen. Er besucht eine Förderschule für geistige Entwicklung in Wolfenbüttel. „Er hätte auch inklusiv eingeschult werden können. Aber wir haben uns dagegen entschieden, die Förderung ist dort einfach besser“, erzählt Marion Novello. Sie arbeitet als Krankenschwester, und dann gibt es natürlich auch noch die Familie. Ehemann Klaus, der zwei Kinder mit in die Ehe brachte („Die sind aber schon groß und aus dem Hause“), und die 16-jährigen Zwillinge.

Sie feiern nun Weihnachten: „Vor zwei Jahren hat Fabi das erstmals ganz bewusst gefeiert.“ Wünsche hat er nur wenige. Auch das wird sich ändern. Denn sein Kampf ins Leben ist noch lange nicht zu Ende.

Von Christian Lomoth

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