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Panorama "Doktorspiele" ausgeartet? Staatsanwaltschaft ermittelt auf Sylt
Nachrichten Panorama "Doktorspiele" ausgeartet? Staatsanwaltschaft ermittelt auf Sylt
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17:09 14.09.2010
In dieser Kurklinik auf Sylt soll es zu sexuellen Übergriffen zwischen Minderjährigen gekommen sein. Quelle: dpa

Westerland. Die Flensburger Staatsanwaltschaft geht dem Vorwurf sexuellen Missbrauchs unter Kindern in einer Kurklinik auf Sylt nach. „Es ist eine Strafanzeige der Mutter eines Kindes eingegangen“, sagte Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa. Sie bestätigte einen entsprechenden Bericht der „Bild“-Zeitung. Der Vorwurf: Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen. „Wir überprüfen, ob es einen strafrechtlich relevanten Vorfall gegeben hat“, sagte Stahlmann- Liebelt. „Bild“ zitierte eine Mutter aus dem Raum Bielefeld mit der Aussage, ihr Sohn sei unter Schlägen zu Zungenküssen und Oralverkehr gezwungen worden. Die Frau habe Strafanzeige erstattet.

Nach Angaben des Klinikbetreibers DAK gab es keine sexuelle Gewalt. Keinesfalls könne von Serienvergewaltigungen unter Kindern die Rede sein, sagte DAK-Sprecher Frank Meiners der dpa. Er sprach von „erweiterten Doktorspielen“ auf freiwilliger Basis. Daran hätten sich in einer Wohngruppe 14 von 16 Jungen im Alter von 9 bis 13 Jahren beteiligt. „Jeder war Täter und Opfer zugleich“, sagte Meiners. „Sexuelle Gewalt hat es nach unserer Kenntnis nicht gegeben.“ Als „Rädelsführer“ hätten sich drei Jungen im Alter von 9, 11 und 12 Jahren erwiesen. Sie seien nach Bekanntwerden der Vorfälle, die sich in den Ruhezeiten ereigneten, sofort von der Gruppe getrennt worden und dann nach Hause geschickt worden. Alle Kinder sind nicht strafmündig.

Die Jungen waren im Juli auf die Nordsee-Insel gekommen. Das „Haus Quickborn“ steht in Westerland ganz in Strandnähe und ist auf Abspeck-Kuren spezialisiert. Vier Gruppen von je 16 Kindern können dort aufgenommen werden. Sie schlafen in Vier-Bett-Zimmern. In einer Jungen-Gruppe kam es dann zu den Vorfällen, denen jetzt die Staatsanwaltschaft nachgeht. Am 6. August offenbarten sich abends nach 21.00 Uhr zum ersten Mal zwei Jungen einem Betreuer, wie DAK- Sprecher Meiners schilderte. Sofort sei die Klinikleitung informiert worden, die drei „Rädelsführer“ seien in die Krankenabteilung verlegt worden. Die Kriminalpolizei wurde eingeschaltet, ein Beamter befragte am Tag darauf in der Klinik ein Kind.

Die „erweiterten Doktorspiele“ seien in der Gruppe häufiger vorgekommen, sagte der DAK-Sprecher. Er wolle die Vorfälle nicht bagatellisieren. „Doktorspiele“ seien in dem Alter grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Offenkundig hätten die Jungen ausgetestet, „was man machen kann“. Dass es bei Neun- oder Elfjährigen aber zu „wirklichem Geschlechtsverkehr“ gekommen sein könnte, könne er sich nicht vorstellen. „Das war eine gruppendynamische Geschichte, in die alle Kinder bis auf zwei involviert waren, als Täter und Opfer zugleich“, sagte Meiners.

Den Eltern der betroffenen Jungen wurde laut DAK angeboten, ihre Kinder abzuholen. Davon machten nur die Eltern eines Kindes Gebrauch, nachdem sie es - laut DAK ohne Befund - in einer Klinik auf Verletzungen untersuchen ließen. Die Klinik habe ihre Aufsichtspflicht in keiner Weise verletzt, betonte Meiners. Während der Nachtruhe achteten zwei Mitarbeiter darauf, ob Außergewöhnliches passiere. „Kein Kind wird aber rund um die Uhr bewacht.“ Es sei das erste Mal, das sich derartige Vorfälle in der seit den 70-er Jahren bestehenden Klinik ereignet hätten, sagte Meiners.

Rechtsanwalt Carsten Ernst aus Bielefeld sagte der dpa, im Juli und August seien während eines sechswöchigen Klinikaufenthaltes bis zu zwölf Kinder missbraucht worden.

„Wir werden die Ermittlungen vornehmen, die erforderlich sind, um festzustellen, ob etwas passiert ist, was passiert ist und wie es strafrechtlich zu würdigen ist“, sagte Oberstaatsanwältin Stahlmann- Liebelt. „Wir stehen da am Anfang.“ Nun müssten die Beteiligten angehört werden. Die Kinder stammten aus verschiedenen Teilen der Bundesrepublik.

Die Sylter Vorfälle rückten auch die sexuellen Missbrauchsfälle auf der Nordsee-Insel Ameland wieder in Erinnerung. Die Ermittlungen dazu gestalten sich schwieriger als zunächst vermutet. Sowohl die potenziellen Täter als auch Opfer werden nach wie vor vernommen, sagte der Sprecher der Osnabrücker Staatsanwaltschaft, Alexander Retemeyer, am Dienstag. Viele Details und Widersprüche in den bisherigen Aussagen seien noch nicht geklärt. Anfang Juli war es auf der niederländischen Insel Ameland bei einer Ferienfreizeit des Stadtsportbundes Osnabrück in einer Jugendgruppe zu Quälereien und sexuellem Missbrauch gekommen. Die Polizei geht von acht Opfern und zehn Tätern aus, wobei zwei Jugendliche zugleich Täter und Opfer sein sollen.

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