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Panorama Die Flut ist da: Hochwasserdrama im Osten
Nachrichten Panorama Die Flut ist da: Hochwasserdrama im Osten
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18:12 08.08.2010
Die Lage in Görlitz ist dramatisch: Das Wasser steht zentimeterhoch in den Straßen Quelle: dpa
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Reißende Fluten, dramatische Rettungsaktionen und mindestens neun Tote: Sachsen und die angrenzenden Gebiete in Tschechien und Polen haben am Wochenende die schlimmste Naturkatastrophe seit der Jahrhundertflut im August 2002 erlebt.

In letzter Minute wurden verzweifelte Menschen gerettet, die sich an Bäume und Brückenpfeiler geklammert hatten oder auf den Dächern ihrer überfluteten Häuser ausharrten. Der Pegelstand der Neiße schoss in Görlitz binnen drei Stunden um vier Meter in die Höhe, nachdem in Polen eine Staumauer brach. Und Tief „Wilhelmina“ rückt bereits mit weiterem Regen an.

Die Elbe werde nach kurzer Stagnation anschwellen, sagte Karin Bernhardt vom sächsischen Landeshochwasserzentrum - bis Dienstag auf einen Pegelstand von etwa 5,75 Metern. Normal sind zwei Meter.

Im Erzgebirgsort Neukirchen ertranken am Samstag eine 72-Jährige, ihr 74-jähriger Ehemann und ein 63-jähriger Nachbar bei dem Versuch, Waschmaschinen aus dem Keller ihres Mehrfamilienhauses zu retten. 10 000 Haushalte in dem Gebiet und im nahen Chemnitz waren ohne Strom. In mehreren Regionen Sachsens wurde Katastrophenalarm ausgerufen. Entlang der Neiße wurden die Menschen mit Lautsprecherwagen vor einer massiven Flutwelle gewarnt, nachdem im polnischen Radomierzyce (Radmeritz) eine Staumauer gebrochen war.

Der Pegel in Görlitz zeigte am Sonntagmorgen mehr als sieben Meter an - und damit den höchsten Wert seit Beginn der Messungen im Jahr 1912. Der normale Wert liegt dem sächsischen Hochwasserzentrum zufolge im Mittel bei 1,70 Meter. Retter bargen vom Hubschrauber aus einen völlig erschöpften Mann, der sich verzweifelt an einen Brückenpfeiler geklammert hatte. Die Flutwelle auf der Neiße sei aber nicht so extrem wie nach dem Bruch der Staumauer befürchtet, sagte Gerlind Walter vom Katastrophenschutz-Stab des Landkreises Görlitz. Ein Tagebausee habe einen großen Teil des Wassers „geschluckt“ - sein Wasserspiegel legte um 45 Zentimeter zu.

In Polen sprach Innenminister Jerzy Miller am Sonntag von drei Todesopfern durch die Flut. Medienangaben zufolge handelt es sich um zwei Frauen und einen Feuerwehrmann, der bei der Sicherung eines Deiches vom Wasser mitgerissen wurde. Ein Regionalpolitiker und sein Fahrer überlebten, weil sie sich neun Stunden an umtoste Bäume klammerten. Ihr Wagen war von der Hochwasserwelle nach dem Dammbruch erfasst worden.

Etliche vom Wasser eingeschlossene Menschen in der Region wurden von den Dächern ihrer Häuser gerettet. Bogatynia - eine Stadt mit mehr als 18 000 Einwohnern - war für Stunden fast vollständig überflutet, mehrere Häuser stürzten ein. Auch in Teilen von Zgorzelec, der Nachbarstadt von Görlitz, stand das Wasser zwischen den Häusern.

In Tschechien ertranken ebenfalls mindestens drei Menschen, teilten die Behörden mit. Drei Menschen wurden zunächst noch vermisst, darunter ein Mann, der vor den Augen anderer in einen reißenden Fluss stürzte. Mehr als 2000 Menschen mussten am Wochenende in Notquartieren übernachten, nachdem mehrere Ortschaften überflutet wurden. Etliche Personen wurden mit Hubschraubern gerettet und in Sicherheit gebracht - unter anderem von Luftrettern aus Deutschland. Betroffen war vor allem die Region um Liberec. Mehrere Zugverbindungen nach Deutschland waren unterbrochen.

Rasend schnell war das Wasser am Samstag auch in die knapp 40 Kilometer von Görlitz entfernte Stadt Zittau geflutet, ein Wohnviertel musste evakuiert werden. „Hier herrscht absolutes Chaos, das übertrifft alles bisher Dagewesene“, sagte ein Polizeisprecher am Samstag. Mehrere Menschen wurden verletzt oder vom Wasser eingeschlossen. Helfer waren in Schlauchbooten unterwegs. Entlang der Neiße und der Mandau wurden nach Angaben des Katastrophenschutz-Stabs von Samstag an insgesamt fast 1500 Menschen in Sicherheit gebracht, 1700 Helfer waren im Einsatz. Am Sonntag floss das Wasser langsam wieder ab.

Auch aus anderen Ortschaften wurden sinkende Pegelstände gemeldet. Im Raum Chemnitz und dem Erzgebirge hätten ebenso wie in der Sächsischen Schweiz die Aufräumarbeiten begonnen, berichtete Walter. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sagte Hilfe zu. „Ich gehe davon aus, dass der Freistaat Sachsen genau wie die Kommunen den Betroffenen unter die Arme greifen.“

In Dresden lagen die Pegelstände am Wochenende noch weit unter den 9,40 Metern Höchststand von 2002, das Terrassenufer war aber bereits gesperrt. Um die Altstadt zu schützen, baute die Feuerwehr mobile Schutzwände auf. Die Sächsische Dampfschifffahrt stellte den Verkehr ein, die Leinwand-Bühnenkonstruktion der Dresdner Filmnächte musste abgebaut werden. Im Wasser trieben Gestrüpp und Baumstämme.

Die Hochwasserwelle wird in den nächsten Tagen auch Flüsse im Süden Brandenburgs kräftig anschwellen lassen. Am Pegel Spremberg werde für die Spree in der neuen Woche die zweithöchste Alarmstufe 3 erwartet, teilte das Landesumweltamt mit. Dies könne auch an der Neiße passieren. „Große Sorge bereitet uns die Spree“, sagte der Präsident des Landesumweltamtes, Matthias Freude. Die Talsperre Bautzen sei bereits übervoll. Bis Dienstagmorgen würden zudem an der Talsperre Spremberg größere Wassermengen Richtung Spreewald abgegeben. „Das werden Wassermengen sein, die die Spree seit vielen Jahren nicht gesehen hat“, so Freude.

Das Tief „Viola“ hatte die Wassermassen auf seinem Weg gen Osten gebracht. Die extremen Regenfälle seien „nicht so überraschend“ gewesen, sagte Robert Scholz, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach. Von Westen her ziehe bereits ein neues Schauerband auf die Region zu, in der Summe werde es aber nicht so viel regnen wie in den vergangenen Tagen. Die Wetterlage vom Wochenende sei ähnlich der gewesen, die im August 2002 zum Jahrhunderthochwasser geführt hatte. Damals waren allein in Deutschland 21 Menschen ums Leben gekommen, Häuser stürzten ein, gewaltige Flächen wurden überschwemmt.

Deutlich wurde am Wochenende, dass die Region aus der Flut von 2002 gelernt hat. So waren die Helfer besser ausgebildet und ausgerüstet. Beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) etwa gebe es seither speziell ausgebildete Luftretter, sagte Michael Birkner, Landesleiter der Wasserwacht in Sachsen. Die Einsätze vom Wochenende wie der in Görlitz seien der erste Ernstfall für diese Helfer gewesen. In Sachsen, Berlin und Brandenburg gebe es 25 solche Spezialkräfte. „Man muss damit umgehen lernen, dass man an einem Seil durch die Fluten gezogen wird. Man muss lernen, im Wasser zu steuern, damit man Verletzte aufnehmen kann.“

Heftiger Regen hatte zuvor auch in Bayern Straßen überschwemmt und Flüsse über die Ufer treten lassen. Vor allem im Allgäu fielen an mehreren Orten binnen 24 Stunden mehr als 100 Liter Regen pro Quadratmeter - so viel wie normalerweise im ganzen Monat Juli. dpa

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