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Ein orthodoxer Jude betrachtet das israelische Abbild von Rentier Rudolph.

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© ZUMA Wire

Internationale Weihnachten

Der Siegeszug des Weihnachtsmanns

Rot-weiße Torte in Tokio, Engel in Shanghai, Weihnachtsbäume in Teheran: Die Welt findet Geschmack am fröhlichsten Fest der Christenheit. Die Religion spielt dabei keine Rolle. Wie wurde Weihnachten zum Exportschlager? Und warum feiern wir so gerne auch die Feste der anderen?

Hannover. In Paderborn wird seit einigen Jahren das Holi-Fest gefeiert. Tausende Jugendliche kommen im Hermann-Löns-Stadion im Stadtteil Schloß Neuhaus zusammen, bewerfen sich zu jeder vollen Stunde mit Farbpulver, hören Musik und tanzen. „Das Gemeinschaftsgefühl ist unglaublich“, erklärte bei der jüngsten Ausgabe eine euphorische 55-jährige Besucherin namens Regina dem Reporter der Lokalzeitung.

Das Holi-Fest stammt aus Indien, es ist eines der ältesten Feste dort. Es hat mit dem Frühling zu tun, einer Dämonin namens Holika und etwas entfernter auch mit Krishna, der hinduistischen Gottheit. Paderborn dagegen ist eine sehr katholische Stadt im Regierungsbezirk Detmold, Erzbistum mit Dom aus dem 13. Jahrhundert und theologischer Fakultät.

Holi wird auch in Berlin und Wien gefeiert. Aber wenn Holi bis nach Ostwestfalen gelangt, dann ist das ein Zeichen. Krishna im Hermann-Löns-Stadion, das bedeutet so viel wie: Wir bedienen uns bei Ritualen und Festen in aller Welt, ganz wie es uns gefällt. Und so machen es die anderen natürlich auch.

Weltweiter Im- und Export von Sitten und Gebräuchen

Auf dieser Seite berichten unsere Korrespondenten darüber, wie Weihnachten in der ganzen Welt immer beliebter wird, auch in Ländern, die es mit dem Christentum sonst nicht so haben. Chinesen bummeln in Shanghai an Weihnachtsbäumen vorbei, in der arabischen Welt treffen sich Muslime zum Weihnachtsmenü, Japaner beschenken ihre Lieben und essen rot-weiße Weihnachtstorte. Man darf nur nichts verwechseln: Die Paderborner werden nicht plötzlich Hindus. Und auch künftig werden Chinesen vermutlich nur selten um die Taufe bitten.

Der Im- und Export von Sitten, Festen und Gebräuchen funktioniert nach einem sehr einfachen Prinzip. „Es muss ein fundamentales Bedürfnis geben, dessen Erfüllung sie versprechen“, sagt der Trendforscher Tristan Horx vom Zukunftsinstitut in Frankfurt am Main. Wenn sich auch Muslime auf Weihnachten einlassen, dann deshalb, weil es ein paar Stunden Nähe mit den Nächsten verheißt. Und wenn Halloween den Reformationstag in den Hintergrund gedrängt hat, dann liegt das daran, dass Kindern die Aussicht auf Verkleidung, schrillen Spaß und Süßes deutlich reizvoller erscheint als das Leben eines fast 500 Jahre toten Mönches.

Die Religion hat’s da schwer. Mag der Siegeszug von Weihnachten nach einem großen Triumph aussehen, der Glaube bleibt auf der Strecke. Irgendwo auf dem Weg nach Paderborn geht Krishna immer verloren – und Jesus hat es auch nicht mit dem Weihnachtsmarkt nach Peking geschafft. „Wenn religiöse Bräuche Grenzen überschreiten, werden sie immer ein Stück verweltlicht und kommerzialisiert“, sagt Horx. Weihnachten funktioniert überall dort besonders gut, wo es, wie in China, eine kauffreudige Mittelschicht gibt, die einem weiteren Geschenkeanlass aufgeschlossen gegenübersteht. Das Holi-Fest wird in Europa nicht von Indien-Freaks organisiert, sondern von einer Event-Agentur. Halloween hat in der Süßwarenindustrie ein paar ziemlich mächtige Freunde.

Droht uns ein kultureller „Einheitsbrei“?

So funktioniert das also mit der kulturellen Globalisierung. Wir gehen durch die Regale mit den Ritualen und Gebräuchen und greifen überall zu, wo es bunt, verlockend und bereichernd aussieht. Nehmen uns ein Stück feine dänische Hygge-Kultur, wenn sie uns Einkehr und Innigkeit mit Freunden verspricht. Entscheiden uns für eine Portion Buddhismus, wenn uns nach Meditation und Stille ist. Buddhist werden die wenigsten. Aber eine dickbauchige asiatische Mönchsfigur stellen sich viele in den Garten.

Geht so etwas wie eine eigene Kultur im großen Mix der Stile unter? Droht uns tatsächlich ein „Einheitsbrei“, wie manche fürchten? Tristan Horx hält von solchen Warnungen nicht viel. „Es geht eher um einen bunten Salat, den wir uns selbst zusammenstellen“, sagt er. Hinein kommt alles, was wir für gut und richtig halten. Am Weihnachtsgericht finden offenbar rund um den Globus immer mehr Menschen Geschmack.

Von RND/Thorsten Fuchs


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