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Panorama Der Baum des Jahrtausends stinkt
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13:19 26.11.2009
Die Früchte des Ginkgo-Baums sorgen für Ärger bei Anwohnern in Dresden. Quelle: ddp
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Besonders schlimm ist es, wenn die Sonne scheint. Kaum ein Passant hält sich dann länger als nötig auf der Hans-Sachs-Straße in Dresden auf, höchstens um kleine runde Früchte von seinem Auto zu sammeln. „Lange Zeit dachte ich, dass der Hundedreck so widerlich riecht, der hier massenhaft herumliegt“, sagt Anwohner Sebastian Süß. „Erst wenn man mal eine dieser Früchte in die Hand nimmt, merkt man, dass die das sind.“

Die Hans-Sachs-Straße in Dresden ist eine von wenigen Ginkgo-Alleen in Sachsen. Vor fünf Jahren wurden die Bäume hier zu Naturdenkmälern erklärt, aufgrund „ihrer Seltenheit als Straßenbaumbestand“, wie das gelbe Schild mit der Eule verrät. „In der freien Natur sind die aus China stammenden Ginkgo-Bäume heute so gut wie ausgestorben“, sagt Peter Schmidt aus Tharandt, Präsident der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft und damit oberster Baumkundler des Landes. „Man spricht daher auch von lebenden Fossilien.“

Der großen wissenschaftlichen Bedeutung der Bäume vor seinem Fenster ist sich allerdings kaum einer der Anwohner der Hans-Sachs-Straße bewusst. „Warum können die hier nicht ganz normale Kastanien pflanzen?“, fragt ein Mann, der gerade seine verklebte Windschutzscheibe säubert. „Das Zeug geht ja überhaupt nicht mehr runter und stinkt zum Himmel.“

Jörg Lange vom Amt für Abfallwirtschaft und Stadtreinigung im Dresdner Rathaus hat Verständnis für den Ärger, kann jedoch auch nur zum Nasezuhalten animieren. „Diese Bäume stehen dort seit den 20er Jahren“, sagt er. „Den Anwohnern müsste das Problem also bekannt sein“. Außerdem sei der Ginkgo-Samen auch nicht aggressiver als etwa der klebrige Läusesirup der Linden. Der beißende Geruch nach Buttersäure sei in einigen Monaten wieder verflogen und müsse eben als „naturgegeben“ hingenommen werden. „Für die Reinigung der Gehwege sind die Anwohner selbst zuständig“, sagt Lange.

Dass die Dresdner Ginkgos überhaupt für Unmut sorgen, liegt an einem kleinen, aber nicht mehr korrigierbaren Versehen: „In der Regel werden hierzulande als Straßenbäume nur männliche Ginkgo-Pflanzen verwendet“, sagt Karin Schwabe vom Botanischen Garten in Dresden. Diese verbreiten naturgemäß keine Samen und damit auch keinen Ärger. Auf der Hans-Sachs-Straße sei jedoch die Mehrzahl der Bäume weiblich. Mit Sicherheit könne das Geschlecht erst mit der Blüte ermittelt werden - und das dauere einige Jahre. Auch die vereinzelten Neupflanzungen aus den Jahren 1998 und 2004 an der Hans-Sachs-Straße müssten daher nicht zwingend männlich sein.

Baumkundler Peter Schmidt lässt dennoch nichts auf seinen Ginkgo kommen. Im Gegenteil: Seine Gesellschaft führt das charakteristische Blatt als Logo und kürte ihn kurzerhand zum „Baum des Jahrtausends“. „Viele Kulturen verehren den Ginkgo als Symbol für langes Leben, Fruchtbarkeit und Unbesiegbarkeit“, sagt Schmidt. Nicht durch Zufall wüchsen heute in China und Japan mächtige Exemplare vor zahlreichen Tempelanlagen. Und in Dresden? „Der Ginkgo ist durch seine Schädlingsresistenz und seine Anspruchslosigkeit ein idealer Straßenbaum.“ Den auf bessere Luft hoffenden Anwohnern kann Schmidt wenig Hoffnung machen: Ginkgo-Bäume können bis zu 1000 Jahre alt werden.

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