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Panorama Bewährung für tödlichen Polizeischuss - „Mörder“-Rufe
Nachrichten Panorama Bewährung für tödlichen Polizeischuss - „Mörder“-Rufe
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15:27 03.07.2010
Zivilfahnder Reinhard R. wartet im Verhandlungssaal am Landgericht Neuruppin auf den Richterspruch. Quelle: dpa
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NEURUPPIN/BERLIN. Die Worte des Richters an den Berliner Polizeikommissar sind deutlich. „Wer einen solchen Schuss in den Oberkörper seines Gegners abgibt, nimmt dessen Tod in Kauf.“ Eine erkennbare Regung zeigt der angeklagte Polizist im dunklen Anzug am Samstagmorgen aber ebenso wenig wie beim früheren Urteilsspruch des Landgerichts Neuruppin. Wegen eines tödlichen Schusses auf einen Kleinkriminellen an Silvester 2008 wird der ehrgeizige Fahnder zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt.

Totschlag in einem minderschweren Fall lautet der Schuldspruch. Selbst die vom Gericht attestierten Lügen zweier Kollegen können den Kommissar nicht vor der Verurteilung und dem Ende seiner Karriere retten. Vor dem Gerichtssaal, der von Polizisten im Kampfanzug bewacht wird, bricht kurzzeitig Krawall aus.

Deutsch- und arabischstämmige Freunde des erschossenen 26-Jährigen aus Berlin-Neukölln protestieren mit „Mörder“-Rufen gegen die ihrer Meinung nach zu geringe Strafe. Bei der Urteilsverkündung schreit ein Mann im Gerichtssaal: „Was ist das denn?“ Als der Richter ihn aus dem Saal weist, ruft er „Du Arschloch“. Andere brüllen: „Er hat ihn getötet.“ Ordner müssen eingreifen.

Richter Gert Wegner wollte den Prozess noch vor der Sommerpause beenden und verkündete das Urteil daher wegen Terminschwierigkeiten an einem Samstag.

Von Anfang an gab es bei dem Prozess den Widerspruch zwischen der großen Erfahrung des damals 34 Jahre alten Kommissars und dem vollständig leergefeuerten Magazins seiner Dienstpistole. Das mit drei Haftbefehlen gesuchte Opfer verblutete an einem Lungenschuss in einem gestohlenen Jaguar. Er wollte im brandenburgischen Schönfließ seine Freundin abholen und wurde von den Polizisten überrascht.

Richter Wegner stellte nun fest, weder der tödliche Schuss noch die anderen sieben Schüsse auf das Auto seien irgendwie zu rechtfertigen. Eine „konkrete Gefahr“ habe im Moment des Schusses weder für den Kommissar noch für seinen Kollegen, der neben dem langsam fahrenden Jaguar stürzte, bestanden.

Der Polizist habe in der brenzligen Situation „in einem Zustand von Schrecken, Angst, Furcht und Stress geschossen“, sagt Wegner. Er habe den gesuchten Mann bei dessen Fluchtversuch mit dem Auto „auf der Stelle“ stoppen wollen, „koste es auch sein Leben“. Diesen Entschluss habe er in „Sekundenbruchteilen gefasst und umgesetzt“. Deshalb habe er aus 1,50 bis 3 Metern Entfernung auf dessen Oberkörper gefeuert. „Der Schuss war extrem lebensgefährlich“ und zur Fluchtverhinderung eines unbewaffneten Kleinkriminellen nach dem brandenburgischen Polizeigesetz keinesfalls erlaubt.

Die Strafe von zwei statt dreieinhalb Jahren - wie von der Staatsanwaltschaft gefordert - begründet Richter Wegner auch mit der „zerstörten Lebensperspektive“ des bislang erfolgreichen Fahnders, der entlassen wird.

Besonders durch Widersprüche der Zeugen sei die Rekonstruktion der blitzartigen Ereignisse schwierig gewesen, sagt Wegner. Schuld daran seien auch die beiden Kollegen des Kommissars, von denen einer den Einsatz leitete. Sie hätten aus einem „Korpsgeist“ heraus gezielt gelogen und behauptet, von den Schüssen fast nichts mitbekommen zu haben. „Dieses vorgegaukelte Teilwissen ist einfach nicht glaubhaft.“

Die beiden Männer hätten etwa die Fahrbewegungen des Autos übereinstimmend, und den Spuren entsprechend, beschrieben. „Nur bei den belastenden Dingen fehlten Ihnen angeblich die Wahrnehmungen.“ Die extrem lauten Knallgeräusche einer Pistole in nächster Nähe seien „eindeutig als solche erkennbar“. Das wüssten „Mitglieder der Kammer aus eigener Erfahrung“. Die beiden Polizisten werden wegen falscher Aussagen und versuchter Strafvereitelung zu Geldstrafen von 10 800 und 8400 Euro (120 Tagessätze) verurteilt.

Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht. Die Verteidiger haben eine Revision beim Bundesgerichtshof angekündigt.

(dpa)

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