Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama Amputationen im Freien
Nachrichten Panorama Amputationen im Freien
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:18 19.01.2010
Anzeige

Von Michelle Faul

Port-au-Prince. Zwei Tage lang weigerte sich Ticia Vital trotz des Drängens der Ärzte beharrlich, sich das eiternde linke Bein amputieren zu lassen - selbst als der Wundbrand sich ausbreitete und der Tod drohte. Doch nach einer schlaflosen Nacht voller Schmerzen gab die 19-Jährige klein bei. „Was mache ich jetzt? Wie soll ich auf mich selbst gestellt überleben mit nur einem Bein?“, fragt sie verzweifelt.

Wie sie haben unzählige Haitianer durch Verletzungen bei dem verheerenden Erdbeben Gliedmaßen verloren. In einem Land, wo das Leben ohnehin schwer genug ist, ist die Aussicht, einen Arm oder ein Bein zu verlieren, besonders erschreckend.

Vital liegt apathisch auf einem Bettgestell im Renaissance Hospital, das 2006 von kubanischen Ärzten als Augenklinik gegründet und nach der Erdbebenkatastrophe vorige Woche schleunigst zu einer Notaufnahme umfunktioniert wurde. Ärzte in Port-au-Prince berichten von zahlreichen Amputationen von Händen, Armen und Beinen. Wie viele genau, hat keiner aufgelistet. Das überarbeitete medizinische Personal hat viel zu viel zu tun, sich um die zehntausenden Verletzten zu kümmern. Die Stationen sind längst überfüllt, die Patienten liegen im Hof und im Garten.

„Wir mussten zig Amputationen durchführen, auch viele zweifache Amputationen“, berichtet die amerikanische Ärztin Diana Lardy vom International Medical Corps. „Das Problem ist, dass viele Leute nicht rechtzeitig medizinisch versorgt wurden und die Wunden jetzt stark infiziert sind. Manche kommen hier rein, denen ragen die blanken Knochen aus dem Rest ihres Beins.“

Die meisten Verletzungen entstanden beim Einsturz von Gebäuden. Lardy hat aber auch Patienten mit Schnitten und anderen Wunden, die sie davontrugen, als Helfer sie mit allen nur verfügbaren Werkzeugen aus den Trümmern ausgruben. „Wir haben hier Dutzende und Dutzende von Verletzten, die auf eine Operation warten, darunter Dutzende Amputationen, und es kommen immer noch mehr Leute“, sagt Lardy. Der Platz ist knapp. Mehrere Gebäude des Allgemeinkrankenhauses von Port-au-Prince, darunter auch zwei Operationssäle, wurden beim Beben beschädigt.

Im Renaissance Hospital hatten die Ärzte 45 Amputationen in drei Tagen, wie sich die Ärztin Olga Maria Delgado aus Havanna erinnert. Die meisten wurden im Freien durchgeführt, auf einem weißgekachelten Tresen unter einem Blechdach im Krankenhausgarten. Keimfreiheit sei nicht so wichtig gewesen wie üblich, da die meisten Wunden ohnehin schon infiziert gewesen seien, erklärt Delgado.

Zunächst weigerten sich die Verletzten, das Krankenhaus zu betreten, aus Angst, es könnte bei Nachbeben einstürzen. Doch am Montag endlich wurde der OP nach drinnen verlegt. Vital kam als erste dran. Als sie hineingebracht wurde, hielten sich die Umstehenden die Nase zu gegen den Gestank ihrer schwärenden Wunden. Das Laken, das sie bedeckte, wimmelte vor Fliegen.

„Sie hat sich immer wieder geweigert, sich das Bein abnehmen zu lassen“, sagt ihre Cousine Chantal Felix. „Aber ich hab sie überredet, und sie musste es hinnehmen, weil die Ärzte gesagt haben, dass der Wundbrand sich ausbreitet und sie sonst stirbt.“

Vital und Felix haben zusammen gearbeitet; sie verkauften gebrauchte Schuhe im Elendsviertel Bel Air, wo sie mit Felix’ elfjähriger Tochter in einem einzigen Raum wohnten. „Was machen wir jetzt?“, stöhnt Vital. „Was machen wir jetzt bloß?“

Die Frage erübrigt sich vielleicht. Nach der Operation erklärt Chirurg Frank Diaz, Vital habe eine schwere Infektion und leide an Blutvergiftung. „Sie spricht nicht gut auf die ganzen Antibiotika an, die wir ihr geben“, sagt er. „Ich glaube zu 90 Prozent, dass sie stirbt.“

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Zwei Strafgefangene sind am Dienstag über das Dachfenster einer Toilette aus dem Gefängnis im nordrhein-westfälischen Münster entkommen. Die beiden 34 und 25 Jahre alten Häftlinge sind nach ersten Erkenntnissen aus der Toilette des gefängniseigenen Stuhlproduktionsbetriebs über ein Oberlicht geflüchtet, bei dem ein Gitterstab herausgebrochen war.

19.01.2010

Angesichts der dramatischen Lage in Haiti wollen die Europäer die Überlebenden des Erdbebens mit mehr als 400 Millionen Euro unterstützen.

18.01.2010

Mord für eine Luxuslimousine: Der am Samstag in einem Lieferwagen tot aufgefundene Manager ist nach Polizeiangaben wegen seines teuren Autos vom Typ Audi A8 erschossen worden.

18.01.2010
Anzeige