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Uni-Streit

Wozu Hannover?

HAZ-Chefredakteur Ulrich Neufert kommentiert den Streit um die Niedersächsische Technische Hochschule. Sein Leitartikel ist am 05.09.2008 in der HAZ erschienen.

Die Niedersächsische Technische Hochschule (NTH) wird kommen. Dies liegt nicht daran, dass die Idee der Neugründung dieser Hochschule, die die technischen Fakultäten in Hannover, Braunschweig und Clausthal vereinen soll, brillant und zwingend wäre, sondern an den Zwangsläufigkeiten im politischen Prozess. Die NTH hat sich zu einem Prestigeprojekt der Landesregierung entwickelt, obwohl nicht erkennbar ist, worin der Gewinn von Ansehen liegen könnte. Prestige und Politik gehen meistens eine eher unheilvolle Liaison ein. Wenn sie sich vereinen, kommen sie nur schwer voneinander los und führen ohne Ausnahme zu eingeschränkter Wahrnehmungsfähigkeit. Etwas Vernünftiges jedenfalls kommt dabei nicht heraus.

Die Landesregierung hat die NTH als Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, obwohl sie wusste, dass die Gremien der Leibniz Universität Hannover, der mit Abstand größten und einzigen breit gefächerten Hochschule des Dreierbundes, ernste Bedenken haben. Wissenschaftsminister Lutz Stratmann tat das als vorübergehendes Grummeln in Hannover ab. Vielleicht fühlte er sich ermutigt, weil er zuvor den Präsidenten der Uni Hannover zur Aufgabe seines Widerstands gequält hatte.

Am Gängelband

Aber das war nur ein Scheinsieg. Die Leibniz Universität ist in Wahrheit tiefer aufgebracht denn je, sie fürchtet um ihre innere Einheit, sollte der Minister seine Vorstellungen durchsetzen. Die Uni wäre zerrissen in einen souveränen geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Flügel und einen naturwissenschaftlich-technischen, dessen existenzielle Entscheidungen von der NTH getroffen würden. Einer NTH, die zudem jederzeit ans Gängelband des Ministers genommen werden könnte.

Was für ein Rückschritt: Unter dem Deckmantel besserer Kooperation der Unis verschafft sich der Staat über eine neue Mittelinstanz Einfluss in der Selbstverwaltung der Universitäten. Über die Ausstattung der bedeutendsten Fakultäten der Leibniz Universität, ihre Forschungsschwerpunkte, ihre Strategien für die Zukunft und über die Berufungen für ihre Professuren würde dann vier Jahre lang nicht in Hannover, sondern in Braunschweig und Clausthal entschieden.

Im Wissenschaftsministerium tut man diesen wunden Punkt als provinzielles Standortdenken der Hannoveraner ab. Wenn sich prominente Mitglieder des Hochschulrats der hannoverschen Universität warnend zu Wort melden, wie etwa der frühere Messechef Sepp Heckmann oder der langjährige Uni-Präsident Hinrich Seidel, dann hört man aus der Landesregierung nur ein durchaus abwertend gemeintes Wort: „Rentner.“ Aber der Pensionär Seidel kennt die Gesetzmäßigkeiten des Wissenschaftsbetriebs trotz seines Alters besser, als Stratmann sie je kennenlernen wird. Er war Präsident der europäischen Rektorenkonferenz, weiß, wie Forschungsgelder aus der Wirtschaft eingeworben werden, kennt den Geist, der die Alma Mater zusammenhält. Und er steht nicht allein.

Stratmanns Blöße

Der provinzielle Beigeschmack kommt einzig und allein vom Minister. Es gibt nichts Provinzielleres, als den Sitz der neuen Dachuniversität rotieren zu lassen. Was für ein jämmerliches Bild würde eine vagabundierende NTH in Deutschland und international abgeben. Sie wäre ein dauerhafter Ausweis der Entscheidungsschwäche der Landesregierung. Wäre Edmund Stoiber in seiner aktiven Zeit als bayerischer Ministerpräsident wohl auf die Idee gekommen, die Ludwig-Maximilians-Universität in München von Bamberg aus regieren zu lassen? Nicht mal als Pensionär würde er diesem Gedanken verfallen. Aber in Niedersachsen? Wer wie Stratmann denkt, empfiehlt am Ende seinem Ministerpräsidenten, auch den Regierungssitz rotieren zu lassen. Start in Oldenburg, dann Osnabrück oder Braunschweig. Und natürlich stellt sich auch die Frage: Wozu überhaupt eine Landeshauptstadt? Das Land heißt doch Niedersachsen und nicht Hannover.

Dem Gesetzentwurf zur NTH ist der Reißwolf zu wünschen. Aber dazu wird es die Landesregierung nicht kommen lassen. Selbst wenn sie begriffen hat, dass eine virtuelle Dachuni so überflüssig ist wie ein Kropf, will sie sich nicht die Blöße geben. Und damit nähert sich das Drama längst dem Schluss, den Hans Christian Andersen 1837 für eines seiner Märchen gefunden hatte. Titel des Werks: Des Kaisers neue Kleider.


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