Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Niedersachsen Wo Hitler mit den Massen feierte
Nachrichten Niedersachsen Wo Hitler mit den Massen feierte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:49 05.07.2018
Reichserntedankfest: Tausende pilgerten Jahr für Jahr auf den Bückeberg. Quelle: picture alliance / Sueddeutsche
Emmerthal

Dünnes Gras wächst am Bückeberg in Emmerthal (Landkreis Hameln-Pyrmont). Auf dem trockenen Boden springen Grillen umher, man hört sie laut zirpen. Die Wiese ist kahl, nur in der Mitte Berges steht das Gras hoch – ein langer Pfad, der den Weg vom Fuß des Bückebergs bis zur Spitze des Hügels zeichnet. Aber es ist nicht irgendein Weg, es ist der Weg, den einst Reichskanzler Adolf Hitler beschritt. Die einzige Erinnerung an die Reichserntedankfeste, die hier von 1933 bis 1937 gefeiert wurden. Die Erinnerung an ein Fest, zu dem bisweilen mehr als eine Millionen Menschen pilgerten, das zugleich Volksfest und Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg war.

Nichts weist auf Hitlers Veranstaltung hin

„Hier ist fast 80 Jahre nichts passiert, wir müssen jetzt etwas tun, bevor sich der Mantel des Schweigens über die Geschichte legt“, sagt Emmerthals Bürgermeister Andreas Grossmann (SPD). Was er damit meint, wird schnell klar: An der Spitze des Berges ist wahrhaftig Gras über die Sache gewachsen: Die Fundamente der einstigen Propaganda-Bühne sind kaum noch zu sehen. Um möglichst viel zu verbergen, wurde Ende der 1970er Jahre sogar eine Schar Bäume gepflanzt. Auch sonst weist nichts auf die Propaganda-Veranstaltung hin – es gibt weder Schilder noch Tafeln.

Das Reichserntedankfest

Ab 1933 ließ Propagandaminister Joseph Goebbels mehrere Massenkundgebungen ausrichten. Neben der Maifeier auf dem Tempelhofer Feld in Berlin gehörte von 1933 bis 1937 auch das Reichserntedankfest auf dem Bückeberg in Emmerthal zu diesen Veranstaltungen.

Ziel war es, Adolf Hitler nahbar zu machen. Die Menschen sollten das Gefühl haben, Hitler sei einer von ihnen. Um das örtlich möglich zu machen, wurde extra für das Volksfest auf dem Bückeberg ein Platz in der freien Natur geschaffen. Der Platz sollte natürlich in die Landschaft des Weserberglandes eingepasst werden und viel Raum für große Menschenmassen bieten.

Zuletzt verzeichnete das Propagandaministerium 1937 1,2 Millionen Besucher. Vor allem Frauen und Kinder wurden ausdrücklich zu der Teilnahme aufgefordert. Mit ihnen sollte der Eindruck eines zivilen Volksfestes entstehen. Denn Frauen spielten im Nationalsozialismus sonst nur die Rolle der gebärenden Mutter.

Von Historikern wird das Reichserntedankfest auch als Fest zur Vorbereitung auf den Krieg gesehen. Grund: Längster Programmpunkt des Festes waren die Schauübungen der Wehrmacht.

Für den Bürgermeister muss damit jetzt Schluss sein. Er will einen Lern- und Dokumentationsort aus dem Bückeberg machen. „Wir müssen das Wissen auch an die nachfolgenden Generationen weitergeben“, sagt er mit bestimmtem Ton. Der Anfang ist gemacht: 2016 beschließt der Rat den Plan. Es soll ein Weg errichtet und Informationstafeln aufgestellt werden. Die Umsetzung soll 425 000 Euro kosten. Die Sache ist klar, die Ausschreibung beginnt, ein Gewinnerprojekt wird gekürt. Dann formt sich der Widerstand im Ort, auch CDU und AfD sind dagegen.

Die Angst vor Neonazis

„Es besteht die Angst, dass sich an dem Ort künftig Neonazis versammeln“, sagt der Vorsitzende der CDU-Kreistagsfraktion Hameln-Pyrmont, Hans-Ulrich Siegmund. Lieber würde man nur kleine Gedenktafeln anbringen und die Ausstellung in das nahegelegene Museum im Ort Börry verlagern. Außerdem wolle man den Willen des Bürgers zählen lassen. 2000 der rund 10 000 Einwohner aus Emmerthal haben bereits eine Petition unterschrieben. Auch die AfD positionierte sich dagegen. Landtagsabgeordneter Stefan Wirtz hält den Ort für „unspektakulär“. Delia Klages, Vorsitzende der Fraktion im Kreistag, war überzeugt: „Es soll Gras über die Sachen wachsen, aber leider kommt ein dummes Kamel und frisst es wieder ab.“

Die NS-Vergangenheit „unter den Teppich kehren“

Hört man sich in Emmerthal um, sind die Gründe für den Widerstand unterschiedlich. Einige wollen, dass das Geld in andere Töpfe fließt. „Die Kinder in Emmerthal brauchen es nötiger“, sagt Sebastian Jeske (28). Dass das Geld aber aus einem Topf für Denkmalschutz kommt und nicht in Kindergarten und Schulen investiert werden kann, interessiert dabei wenig. „Für Deutsche ist das keine schöne Zeit, irgendwann sollte man es gut sein lassen“, fügt er hinzu. Genau mit dieser Position ist Jeske in Emmerthal nicht allein. Viele wollen die „Vergangenheit lieber unter den Teppich kehren“, offen möchten das nur wenige von ihnen sagen. Die Stimmung ist aufgeheizt, viele reagieren auf Nachfragen gereizt, einige brüllen sogar.

Waltraud Scholz (67) steht öffentlich zu ihrer Position: „Das ist mehr als 70 Jahre her, da muss doch niemand mehr etwas drüber wissen.“ Ihr wäre es lieber, man könne mit der Geschichte abschließen. Schon Scholz’ Eltern haben in Emmerthal gelebt. Sie selbst ist direkt am Bückeberg aufwachsen. Dennoch: Sie will sich mit dem „Reichserntedankfest“ nicht mehr befassen.

Was heute bleibt: Nichts außer ein Grünstreifen erinnert an die Propaganda-Veranstaltung der Nationalsozialisten. Das soll sich künftig ändern. Aus dem Bückeberg soll ein Lern- und Dokumentationsort werden. Quelle: Ole Spata/dpaOle Spata/dpaOle Spata/dpa

Es wird deutlich: In Emmerthal gibt es zwei Lager, die einen wollen die Augen verschließen. Die anderen wollen sich der Vergangenheit stellen.

Adelheid Buchmann (61) will sich mit der Geschichte befassen. „Das ist eine Zeit, die sich niemals wiederholen darf, da müssen wir alles für tun“, sagt sie überzeugt. Sie ist zugezogen, selbst in der ehemaligen DDR aufgewachsen. „Wir sind mit Erinnerungskultur ganz anders umgegangen. Im Westen sträubt man sich noch heute.“ Sie könne den Widerstand nicht verstehen. Wie ihr geht es auch anderen Menschen in Emmerthal. Sie vermuten, dass sich auch noch die nachfolgenden Generationen in der Gemeinde die Schuldfrage stellen und ihre Ablehnung daher rührt.

Bund gibt 725 000 Euro

Dass jetzt auch noch der Bund das Projekt mit 725 000 Euro unterstützt, können die Kritiker nicht verstehen. Der Widerstand wächst weiter – aus Sorge, das Projekt könne noch größer werden, zu viele Menschen könnten in den Ort kommen.

Anja Piel, Landtagsabgeordnete der Grünen, appellierte an die CDU im Land: „Ich kann die CDU nur dazu auffordern, jetzt auf den anfahrenden Zug aufzuspringen und dieses wichtige Projekt nicht länger zu verhindern. Es ist aus guten Gründen seit Jahrzehnten gängige Praxis zusammenzustehen und Erinnerungskultur am Leben zu halten.“

Niemand muss sich heute noch schuldig fühlen

Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten: „Setzt man so einen Ort in einen kritischen Kontext, verliert er an Bedeutung für Rechtsextreme und hat einen Mehrwert für die nachfolgenden Generationen.“ Der Bückeberg stehe für die schrittweise Radikalisierung und die Mitmachbereitschaft tausender Menschen. Das müsse gezeigt werden. „Wir müssen auch deutlich machen, dass jemand der heute lebt, nicht schuldig ist.“

Künftig soll will man ganz offensiv mit dem Bückeberg umgehen. Bürgermeister Grossmann lobt: „Zum Glück hat der Bund die Wichtigkeit des Bückebergs für Deutschland erkannt.“ Denn wenn man auf der Spitze des Bückbergs steht, ganz genau dort, wo einst Adolf Hitler tausende Menschen begeisterte und für den Krieg anstachelte, dann will man eines ganz sicher nicht: Dass sich diese Zeit wiederholt.

Von Mandy Sarti

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Unmittelbar vor der Hauptversammlung von Europas zweitgrößtem Zuckerhersteller Nordzucker ist deren langjähriger Aufsichtsratschef Hans-Christian Koehler am Donnerstag im Alter von 62 Jahren gestorben.

05.07.2018

Die Feuerwehr in Lingen hat einer Kuh aus der Ems herausgeholfen. Das Tier war am Donnerstag von einer Weide die Böschung hinab zum Fluss gelaufen und kam aus eigener Kraft nicht mehr aus dem Wasser heraus, wie Feuerwehrsprecher Daniel Herbers berichtete.

05.07.2018

Ein Müllauto hat in Hannover einen 97 Jahre alten Rollstuhlfahrer gerammt und schwer verletzt. Beim Rechtsabbiegen habe der Müllwagenfahrer den alten Mann übersehen, der mit seinem elektrischen Rollstuhl die Straße überquerte, teilte die Polizei am Donnerstag mit.

05.07.2018