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TV-Pfarrer Wolfgang Beck

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NP-Interview

TV-Pfarrer Beck: "Deutsche Bischöfe scheuen mutiges Denken"

Seit 2011 gehört Pfarrer Wolfgang Beck aus Hannover zu den Sprechern des „Worts zum Sonntag“ - im Sommer verlässt der 41-Jährige seine Lindener Gemeinde und wird Professor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/Main.

Sein Forschungsthema: Wie kann die Kirche risikofreudiger werden?

Pfarrer Beck, Sie machen „Risiko“ jetzt zu ihrem wissenschaftlichen Thema. Müssten Sie nach vielen Austritten nicht eher die Krise der Kirche unter die Lupe nehmen?
Von Krise kann man wohl sprechen, aber nicht in erster Linie wegen der Austrittszahlen, das liegt tiefer. Viele Verantwortliche sprechen von „Erosion“, als sei die Kirche ein Berg, der vom Regen abgetragen wird. Das ist ein fatales Bild, so als wären wir ein hilfloses Opfer dieser Entwicklung. Diese Einstellung ist das Problem. Sie verkennt, dass Kirche aktiv zu gestalten ist.

Wie meinen Sie das?
Viele haupt- und auch ehrenamtliche Entscheidungsträger denken viel zu sehr darüber nach, wie sie die Kirche als Gebäude oder Institution erhalten können. Das ist eine problematische Haltung. Der Auftrag der Kirche ist nicht, die Kirche zu erhalten. Wir sollen das Evangelium leben und verkünden. Wir müssen fragen, wo können wir Menschen helfen und unterstützen.

Sie wollen als Professor über eine „Theologie der Risikofreude“ arbeiten. Was heißt das?
Zwischen den Menschen und der Kirche entwickelt sich im-mer stärker ein Gegensatz. Bei vielen Menschen ist im Leben alles wackelig, Partnerschaft, Arbeit. Bei der Kirche wirkt dagegen alles sicher und fest geregelt, da inszeniert Kirche etwas, das mit dem, was viele Menschen erleben, nicht mehr zusammenpasst. In diesem Modell einer Kirche im Kontrast zur Lebenswelt der meisten Menschen drohen Solidarität und der Kontakt mit den Menschen verloren zu gehen. Mir geht es um eine positive Kultur der Risikolust für die Kirche.

Zum Beispiel?
Wir müssen nicht immer alles im Detail vorab regeln, wir brauchen Spielräume für die Mitarbeiter. Ich würde mir wünschen, jedem Mitarbeiter würde gesagt: Mach wenigstens in zehn Prozent der Arbeitszeit was Kreatives, probier etwas Neues aus. Stattdessen werden wir durch eine Fülle von Aufgaben erstickt.

Auch im Bistum Hildesheim gibt es immer weniger Priester. So wächst angeblich der Einfluss der ehrenamtlichen Mitarbeiter.
Ja, auch im Bistum Hildesheim wird häufig von Eigenverantwortung der Getauften in lokalen Kleingruppen gesprochen. Die faktische Entwicklung läuft aber in die andere Richtung, gerade in Finanz- und Personalfragen. Die Gemeinden dürfen nicht frei nach ihrem Weg in die Zukunft suchen. Das Bistum behält sich zum Beispiel Entscheidungen über Gebäude vor.

Ist das nicht die übliche Struktur der Katholischen Kirche? Entscheidet nicht am Ende im Zweifel der Papst?
Viele deutsche Bischöfe denken so, sind sehr auf Rom fixiert. Sie nehmen eigene Entscheidungsspielräume nicht wahr, weil sie Sorge haben, zu selbstständig zu sein. Das ist eine ganz menschliche Reaktion. Sie erleben es als Bedrohung, dass die Relevanz der Kirche abnimmt, und scheuen mutiges Denken. Aber es ist nicht schlimm, dass die Kirche nicht mehr mächtig ist, so sind wir näher am Evangelium.

Sie gehen nach Frankfurt. Das gehört zum Bistum Limburg. Der ehemalige Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst hat der Kirche einen Millionen Euro teuren Skandal beschert.
Im Bistum Limburg werden jetzt viele Wege aus der Krise gesucht. Für einen Wissenschaftler ist das ein reichhaltiges Feld zur Beobachtung. Das ist jetzt gar nicht zynisch gemeint. Es gibt vielleicht derzeit für einen Pastoraltheologen keinen spannenderen Ort.

Was möchten Sie ihren Studenten beibringen?
Theologie, also die Frage nach dem Glauben, wird noch häufig so verstanden, dass die Kirche den Glauben besitzt und die fertigen Inhalte an die Leute weitergibt. Pastoraltheologen, zu denen man im weiten Sinn auch Papst Franziskus zählen könnte, sehen das anders herum: Wir müssen hören, was die Leute fragen. Worauf werden Antworten gebraucht? An diesen Fragen muss Theologie je neu entwickelt werden, statt sie lediglich durch die Geschichte hindurch zu bewahren. Dafür möchte ich die Studenten sensibilisieren. Das klingt vielleicht kompliziert. Es meint, dass die Kirche ihre Botschaft nicht nur bewahrt und verkündet, sondern selbst immer wieder neu entdecken muss. Sie muss sich also in Bewegung setzen, und das gelingt nur mit Mut und Risikofreude.


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