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Landwirtschaft

Spargel wird Volksgemüse - und dieses Jahr teuer

Vor der Jahrtausendwende stammte noch jede zweite Spargelstange in Deutschland aus Importen, heute kommt die Produktion hierzulande auf 84 Prozent Selbstversorgergrad. Fläche, Erntemenge und Verbrauch pro Kopf steigen. Verliert das Gemüse am Ende noch seinen Luxusstatus?

Hannover. Um die schlechte Nachricht gleich vorweg zu nennen: Spargelfans müssen diese Saison wieder tiefer in die Tasche greifen. Die Verbraucherpreise für das Edelgemüse könnten diesmal ein neues Zehnjahreshoch erreichen. Die gute Nachricht: Zum Pfingstwochenende purzeln die Preise endlich merklich, wenn auch auf hohem Niveau. "Es spricht aber vieles dafür, dass 2016 am Ende der Saison für neue Höchstpreise steht", sagt Michael Koch, Marktexperte bei der Bonner Agrarmarkt Informations-Gesellschaft, die Spargelpreise beobachtet.

Nach einer Preisspitze im Jahr 2013 - mit im Schnitt 6,24 Euro pro Kilogramm weißem deutschen Spargel - hat Koch zufolge schon 2015 neue Höchstpreise gebracht: "Die Verbraucher mussten 2015 durchschnittlich 6,70 Euro pro Kilo bezahlen", sagt er. Von Ausnahmen abgesehen seien die Verbraucherpreise für Spargel in der Vergangenheit kontinuierlich leicht gestiegen. "Damit war schon 2013 kein echter Ausreißer, sondern eine Fortschreibung des Trends". Im Schnitt der vergangenen zehn Jahre habe das Kilo die Kunden 5,75 Euro gekostet. Und bis zu einem Durchschnittspreis von unter 6,00 Euro dauere es in dieser Saison noch länger. Ende April seien es sogar noch 8,30 Euro gewesen - auch wegen des witterungsbedingt zögerlichen Saisonstarts. Anfang Mai standen 8,18 Euro in den Statistiken. Vor einem Jahr waren das in der vergleichbaren Woche mit 7,44 Euro klar weniger. "Die Zeichen verdichten sich, dass es diesmal teuer wird", sagt Koch. Sicher sei das aber erst zum Saisonende am Johannistag 24. Juni.

Im gesamten Mai des vergangenen Jahres hatten die Verbraucher im Schnitt 6,37 Euro für ein Kilogramm weißen Spargel gezahlt - etwa 12 Prozent mehr als 2014. Das Wetter hatte zuletzt auch nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) klare Folgen für die Preise. Die Behörde beobachtet die Spargel-Preisbildung auf den Großmärkten. Ende April kam es sogar zu dem Phänomen, dass die Notierungen gegenüber der Vorwoche anzogen, obwohl es zu dieser Zeit eigentlich nur nach unten geht. Als Begründung hielten die Fachleute schlicht fest: "Das schlechte Wetter reduzierte die Erntemengen."

Doch spätestens seit Himmelfahrt mit Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen quer durch die Republik sprießt der Spargel allerorten aus den Feldern - und mehr Menge drückt bekanntlich die Preise. Mit gut drei Vierteln Marktanteil (76 Prozent) kratzte Deutschland laut BLE bereits Ende April bei weißem Spargel am Durchschnittswert für die komplette Saison 2015, in der der Importanteil nur noch bei rund einem Fünftel gelegen hatte. Denn bei wachsendem Spargelhunger bekommen die Deutschen immer mehr heimische Ware auf ihre Teller.

Der Selbstversorgungsgrad liege hierzulande beim Rekordwert 84 Prozent, erklärt Jochen Winkhoff aus der Bundesfachgruppe Gemüsebau, die vom Deutschen Bauernverband, dem Raiffeisenverband und dem Zentralverband Gartenbau getragen wird. Über die ganze Gemüsepalette hinweg sei Deutschland nur zu 38 Prozent Selbstversorger. Bei den Spargel-Importen führe bei den Herkunftsländern Spanien vor Griechenland, den Niederlanden sowie Italien und Polen. 2015 hätten die inländischen Anbieter rund 380 Millionen Euro mit Spargel umgesetzt (ohne Mehrwertsteuer). Auch der Verbrauch pro Kopf steige stetig; zuletzt auf 1,26 Kilogramm.

Den ausländischen Spargelerzeugern macht auch die Ausweitung der deutschen Anbauflächen das Leben schwerer. Dem Statistischem Bundesamt zufolge hat sich die Anbaufläche für deutschen Spargel seit dem Jahr 2000 verdoppelt, die Menge legte sogar noch stärker zu. Zum Vergleich: Während beim Spargel auf eine importierte Stange fünf heimische kommen, stammt bei den Erdbeeren noch jede dritte aus dem Ausland. Bio-Spargel hat es übrigens schwer: Mit fünf Prozent der gesamten Spargelfläche hierzulande fristet die Öko-Variante des Edelgemüses ein Nischendasein. Der nötige Preisaufschlag ist schwer durchsetzbar. Die Verbraucher kaufen laut AMI-Beobachtung nur rund ein Viertel der gesamten Spargelmenge beim Discounter, während es jedoch beim Gemüse insgesamt etwa die Hälfte ist. 22 Prozent des Edelgemüses holen die Kunden im Direktverkauf beim Bauern - etwa im Hofladen - und weitere 16 Prozent vom Wochenmarkt. Spargel ist also hyper-regional.

Für die Ernährungssoziologin Claudia Neu nimmt der Spargel generell eine Sonderrolle ein: "Bei ihm ist der Gedanke "Das gönne ich mir jetzt" entscheidend", sagt die Wissenschaftlerin von der Hochschule Niederrhein. "Bei Erdbeeren ist das ganz ähnlich." Der Trend zu meist teureren regionalen Produkten, der bei den Lebensmitteln generell zu beobachten sei, habe bei Spargel aber eine viel längere Tradition und auch andere Wurzeln. "Mit dem Spargel verbunden ist ein ausgeprägter Luxusgedanke: Er war schon elitär und exklusiv, als es noch gar keine Supermärkte gab", sagt Neu. Auch das Symbol als Frühlingsbote um die Feste Ostern und Pfingsten spielten in diese Sonderstellung ebenso hinein wie der Fakt, dass der Anbau aufwendig und zeitbegrenzt ist.

In diesem Bündel sieht die Ernährungssoziologin auch eine Erklärung für das Nischendasein der Bio-Ware beim Spargel. "Regio toppt Bio, das gilt beim Spargel erst recht", sagt sie. "Am ökologischsten wird oft das wahrgenommen, was aus der Region stammt." Insgesamt sei aber zu beobachten, dass der Spargel seinen Nimbus als Essen der feinen Leute verliere. "Der Spargel wird demokratisiert, obwohl er immer noch ein teures Produkt bleibt", sagt Neu. Bei Champagner etwa sei Ähnliches zu beobachten - ihn gibt es inzwischen auch im Discounter.

Von Heiko Lossie/dpa


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