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Friedland

Sie gehen durch das „Tor zur Freiheit“

Das Grenzdurchgangslager in Friedland wird auch „Tor zur Freiheit“ genannt. Seit 1945 sind dort mehr als vier Millionen Menschen durchgegangen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es Heimkehrer, heute sind es vor allem Flüchtlinge aus dem arabischen Raum. Wegen der großen Probleme dort kommen immer mehr Menschen in Deutschland an und beantragen Asyl. Das Lager ist überbelegt. NP-Volontärin Eva-Maria Weiß und Fotograf Christian Behrens haben sich dort umgeschaut.

Friedland. Zwischen Feldern und Hügeln liegt das tatsächlich sehr beschauliche Friedland. Gerade einmal 8000 Menschen wohnen in der Gemeinde, der namensgebende Ortsteil kommt sogar auf nur 1300 Einheimische. Mitten im Ort steht eine kleine Kirche mit einem hohen Turm. Und direkt daneben liegt das Grenzdurchgangslager. Mehr als vier Millionen Menschen haben hier seit 1945 eine kurzfristige Heimat gefunden und den Start in ein neues Leben begonnen.

Bei der Einfahrt auf das Gelände erinnert vieles an ein Freizeitheim, in dem Schüler ihre Sommerferien verbringen können. Hütten stehen um einen kleinen Platz herum - es gibt das Wäschehaus, Sanitäranlagen, ein großes Gebäude beherbergt den Speisesaal, in den meisten Gebäuden sind jedoch Zimmer für die Flüchtlinge. Platz ist für 700 Asylsuchende, im Moment sind jedoch mehr als doppelt so viele dort. Statt zwei, vier oder sechs Betten stehen deshalb auch schon mal zehn oder zwölf Schlafstätten in einem Raum. „Gemeinschaftsraum gibt es jetzt eben nur noch einen“, sagt Lagerleiter Heinrich Hönschemeyer. Beklagen würde sich darüber aber niemand.

Die Stimmung im Lager ist erstaunlich gut. Eine Gruppe Syrer hat Tisch und Stühle unter einen Baum gestellt, es wird geraucht und gequatscht. Die Kinder spielen an einem Brunnen. Wenn man sich umhört, sind alle unglaublich froh, dass sie den schweren Weg hinter sich haben und angekommen sind.

Das Grenzdurchgangslager wird auch „Tor zur Freiheit“ genannt. Und fragt man genauer nach, wird klar, dass die Situation weit weg von einem Ferienlager ist. Alle Aufgenommenen sind nur mit dem Nötigsten nach Deutschland geflohen - vor dem Krieg und damit in so vielen Fällen vor dem drohenden Tod.

„Ich hoffe, dass hier alles gut wird“, sagt Wael Mahlwol auf Englisch. Der 27-Jährige ist erst seit wenigen Stunden im Lager, noch hat er keinen Schlafplatz zugewiesen bekommen, erst einmal geht es zum Abendbrot im großen Saal. Bei der Essensausgabe bildet sich eine lange Schlange - wegen der Doppelbelegung dauert eben alles länger. Die Asylbewerber warten geduldig.

Mahlwol setzt sich nach dem Essen auf eine Wiese, sein Rucksack liegt neben ihm. „Ich habe meinen Computer und meine Zeugnisse mitgenommen“, erzählt der Syrer. Er hat ein abgeschlossenes Studium in Betriebswirtschaftslehre. Die Urkunde hat Mahlwol beglaubigen lassen. Außerdem hat er seine Master-Arbeit dabei. „Meine Zeugnisse waren das Wichtigste für mich, das ich mitbringen musste“, erklärt er. Mehr ist in seinem Rucksack nicht drin.

Haniin (22) und Ghaith (27) Gagi aus dem Irak haben noch weniger mitgebracht. „Nichts als unsere Kleidung, die wir gerade tragen“, sagt Ghaith Gagi. Es ist ihre Hochzeitskleidung, denn „wir sind Christen, der Pfarrer hat uns nur schnell seinen Segen gegeben und wir sind aufgebrochen“. Seine Frau ergänzt mit einem Schulterzucken: „Das Hochzeitskleid und der Anzug hängen unbenutzt im Schrank.“ Der Weg führte sie über die Türkei nach Griechenland und von dort weiter, viele Wege mussten sie zu Fuß hinter sich bringen.

Auf einem kleinen Motorboot saßen sie mit 14 Menschen, als das Benzin aus war. „Wir trieben auf dem Meer vor Griechenland, ein Fischer entdeckte uns. Wir hatten große Angst, was passieren würde, aber er hat die Küstenwache gerufen und die Erlaubnis eingeholt, uns an Land zu bringen“, sagt der gelernte Ingenieur und erklärt seine Entscheidung für die gefährliche Flucht: „Ich wollte nicht, dass meine Kinder irgendwann das Gleiche sehen müssen, was ich es gesehen habe.“ Die Chancen auf eine Aufenthaltsgenehmigung des Christenpaares stehen gut.

Hasan Mouna (27) ist bereits seit zwei Wochen in Friedland. Dass es eng ist in den Zimmern, macht ihm nichts aus. „Die Papiere für den Asylantrag sind so gut wie fertig“, erzählt er. Sein Englisch ist nicht besonders gut, aber er nutzt die Kurse im Lager und er gibt sich Mühe. Wenn er nicht weiter weiß, nimmt er sein Handy zur Hand und benutzt einen Übersetzer. „Eine Minute“, entschuldigt er sich jedes Mal, wenn das Programm am Laden ist, und dann zeigt er zwischendurch stolz ein Foto. „Das bin ich bei meinem Job“, sagt er.

Bevor der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach und auch seine Heimat Latakia erreichte, arbeitete Mouna als Verkäufer. „Jede Minute auf der Straße ist es dort gefährlich“, erklärt er. Die Flucht sei das auch gewesen, aber er habe es unverletzt nach Deutschland geschafft und ist froh, hier zu sein. Im Grenzdurchgangslager hat er neue Freunde gefunden. Sie ersetzen zwar nicht seine Familie, aber der Zusammenhalt ist spürbar. Mouna übersetzt, wenn jemand gar kein Englisch spricht, sie kochen zusammen und er ist nicht einsam.

Die meisten Asylbewerber in Friedland sind jung, männlich und allein hergekommen. Viele hoffen, ihre Familie nachholen zu können oder wenigstens bis dahin finanziell zu unterstützen. Aber auch ganze Familien kommen nach Deutschland. Kholod Masri (45) ist mit ihrem Ehemann Malek Lamouni (45) und den Kindern Shahd (8) und Anas (7) geflüchtet. Die Mutter spricht als Einzige ein bisschen Englisch. „Wir haben in Syrien alles weggeworfen“, erzählt sie. Ein kleiner Koffer ist alles, was sie mitgebracht haben. Darin? „Fotos von der Familie.“ Die seien ihr besonders wichtig gewesen.

Es sind Erinnerungen an ihr bisheriges Leben.

Den Weg nach Deutschland haben sie geschafft. Jetzt stehen Papiere und Anträge ausfüllen, Kurse besuchen und eine Schule für die Kinder an, bis sie den Weg durch das „Tor zur Freiheit“ gehen. Von Friedland werden sie nach etwa drei bis vier Wochen an eine Kommune verwiesen.

Dort fängt das Zurechtfinden und Orientieren im neuen Leben erst wirklich an. Es ist eben kein Ferienlager, von dem man heimkehrt. Sie haben einen Abschied hinter sich - manche für immer.


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