Navigation:
MOSCHEE DURCHSUCHT: Die Polizei durchsuchte gestern erneut die Räume des Deutschsprachigen Islamkreises Hildesheim. Seit Jahren predigte dort der festgenommene „Abu Walaa“.

MOSCHEE DURCHSUCHT: Die Polizei durchsuchte am Dienstag erneut die Räume des Deutschsprachigen Islamkreises Hildesheim. Seit Jahren predigte dort der festgenommene „Abu Walaa“.© Julian Stratenschulte

Sicherheit

Razzia bei dem deutschen IS-Chef

Die Sicherheitsbehörden haben den angeblichen Deutschland-Chef des Islamischen Staats (IS) festgenommen: Der Hassprediger „Abu Walaa“ ist im Kreis Hildesheim verhaftet worden - an seinem Zweitwohnsitz, bei seiner Zweitfrau. Die Ermittler vermuten, dass er Kopf eines Netzwerks ist, dass Menschen radikalisierte und als IS-Kämpfer nach Syrien schickte. Ein Drittel der Ausgereisten aus Niedersachsen stammt aus Hildesheim. Die Stadt gilt als dschihadistisch-salafistischer Hot-Spot der Bundesrepublik.

Hildesheim. Von Britta Mahrholz und Terek Abu Ajamieh

Irgendwie ist es inzwischen ein vertrautes Bild, das sich Betrachtern am Dienstag ab etwa 6 Uhr an einem Haus in der kleinen Straße Am Ortberg in Bad Salzdetfurth (Kreis Hildesheim) bietet. Wieder rücken zahlreiche, schwer bewaffnete Polizisten an. Wieder Razzia gegen Islamisten. Davon hat es in der Vergangenheit schon einige in Hildesheim und Umgebung gegeben. Doch diesmal kommen die Fahnder nicht, um Handys, Computer und Waffen zu suchen oder Reisepässe einzukassieren. Diesmal wollen sie Ahmad Abdulaziz Abdullah A. alias „Abu Walaa“, den mutmaßlichen Kopf der Terror-Miliz Islamischer Staat (IS) in Deutschland. Die Fahnder haben für den 32-Jährigen Iraker einen Haftbefehl dabei. Ausgestellt vom Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshof. Ob er den Hassprediger hinter Gitter steckt, entscheidet sich am Mittwoch.

„Abu Walaa“ geistert als „Prediger ohne Gesicht“ durch die Welt. Von ihm gibt es nur wenige Fotos. In Videobotschaften im Netz ist meist nur sein Oberkörper von hinten zu sehen. Der 32-Jährige trägt eine Art schwarzen Turban, ein arabisches Gewand, ein langer Bart lässt sich erahnen. Angeblich ist er im nordirakischen Kirkuk geboren und seit dem Jahr 2000 in Deutschland. Auf seiner Facebook-Seite wird am Dienstag seine Verhaftung verkündet. „As Salamu Alaikum, Liebe Geschwister Sheikh Abu Walaa wurde Heute Festgenommen und wird grad nach Karlsruhe gebracht...“ (Fehler aus Original übernommen), heißt es. Keine 24 Stunden zuvor hatte der angebliche deutsche IS-Chef auf dieser Plattform noch Ehetipps gegeben und Streitereien zwischen Mann und Frau angeprangert.

Bad Salzdetfurth gilt als Zweitwohnsitz von „Abu Walaa“. Mit Zweitfrau. Nach seinem archaischen Islamverständnis ist es erlaubt, mehrere Ehen zu führen. Zeitgleich zur Razzia in der Straße Am Ortberg schlägt die Polizei im beschaulichen Tönisvorst bei Krefeld (NRW) zu. Dort lebt der Hassprediger angeblich mit seiner Erstfrau und vier Kindern. Ein Nachbar berichtet, dass der 32-Jährige mehrere Autos mit verschiedenen Kennzeichen habe.

Laut Bundesanwaltschaft bekennt sich „Abu Walaa“ offen zu Islamischen Staat. Er soll sogar der deutsche IS-Chef sein. Der Iraker steht in Verdacht, zusammen mit Hasan C. (50) aus der Türkei, dem Deutsch-Serben Boban S. (36), den Deutschen Mahmoud O. (27) und Ahmed F. Y. (26), der aus Kamerun stammt, ein Netzwerk betrieben zu haben. Sie sollen Personen gesucht haben, die bereit waren, zum IS nach Syrien zu gehen. Mindestens einen jungen Mann und seine Familie sollen „Abu Walaa“ und seine Helfer ins Kriegsgebiet geschleust haben.

Der 32-Jährige predigte seit Jahren in der Moschee des Deutschsprachigen Islamkreises (DIK) Hildesheim. Er trat auch in ganz Deutschland immer wieder als Redner in Vortragsveranstaltungen auf. Ziel dabei soll es gewesen sein, Ausreisewillige zu rekrutieren. Der Türke C. und der Deutsch-Serbe S. hatten laut Bundesanwaltschaft die Aufgabe, den geworbenen Personen die arabische Sprache beizubringen und radikal-islamische Inhalte zu lehren - Grundlagen für ihre künftige Tätigkeit beim IS, speziell als Kämpfer.

Auch die Ausreisen sollen in dem Terror-Netzwerk bestens organisiert gewesen sein. C. betreibt ein Reisebüro in Duisburg. Auch das ist am Dienstag durchsucht worden. Als Schleuser nach Syrien sollen die Beschuldigten Mahmoud O. und Ahmed F. Y. fungiert haben. Letztlich sei es immer „Abu Walaa“ gewesen, der das Go für die Ausreisen gegeben habe.

Neben Bad Salzdetfurth, Duisburg und Dortmund gab es Dienstag auch weitere Razzien Hildesheim. Ziele waren mehrere Wohnungen und erneut die DIK-Moschee an der Martin-Luther-Straße. Bereits im Juli und August war das Gebäude gefilzt worden (NP berichtete). Festnahmen hatte es damals nicht gegeben.

Doch diesmal holten sich die Sicherheitsbehörden „Abu Walaa“. Sie scheinen viel Belastendes gegen ihn in der Hand zu haben. Offenbar dank eines Kronzeugen. Laut Medienberichten soll es einen jungen Mann geben, der vom Terror-Netzwerk nach Syrien geschickt wurde und inzwischen nach Deutschland zurückgekehrte. Das sei im September gewesen. „Der Hinweisgeber hat erklärt, wie das Netzwerk funktioniert“, so gestern der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Ralf Jäger. Und der gesprächige Ex-Dschihadist soll auch ein Interview gegeben haben, in dem er „Abu Walaa“ als „die Nummer eins des IS in Deutschland“ bezeichnete.

Wohin seine Reise geht, entscheidet am Mittwoch der Ermittlungsrichter. Das gleiche gilt für zwei seiner Mitstreiter. Die anderen beiden sitzen bereits seit Dienstag in U-Haft.


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Was halten Sie von einem Rauchverbot im Auto?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie