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Niedersachsen: Königinnen vom Dorfe

Seit Jahrzehnten werden landwirtschaftliche Produkte und Regionen mit Hilfe junger Frauen vermarktet. Jenny Elvers sammelte im Alter von 18 als Heidekönigin erste Kameraerfahrungen. Wie ist es, für ein Jahr Repräsentantin für Spargel oder Kartoffeln zu sein?

Nienburg. Wohin Ilona Schulze auch kommt, als Nienburger Spargelkönigin zieht sie die Blicke auf sich. Männer plaudern gern mit der Repräsentantin des edlen Gemüses - das gilt für den Bundeslandwirtschaftsminister auf der Grünen Woche in Berlin genauso wie für die polnischen Erntehelfer auf dem Feld in Liebenau. Als die 24-Jährige in ihrem dekolletierten Kleid mit Krönchen und Schärpe auf dem Acker erscheint, bitten die Spargelstecher sogleich um ein Selfie mit "Miss Spargel", wie einer von ihnen sie nennt.

Die blonde Einzelhandelskauffrau wurde vor einem Jahr angesprochen, ob sie sich vorstellen könnte, das Amt zu übernehmen. Eine Nacht musste sie darüber schlafen, denn "es geht eine Menge Freizeit drauf", sagt die Königin. Wenn sich ihre Freunde am Wochenende treffen, tritt sie auf Volksfesten oder Bauernmärkten auf und wirbt für den Spargel, für ihre Heimat an der Weser. Ilona Schulze ist eine von bundesweit etwa 600 Königinnen, die Obst, Gemüse, Getreide und manchmal ganzen Regionen ein sympathisches Gesicht geben sollen. "Die ersten Produktköniginnen tauchten um 1900 in den USA auf", sagt der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Königinnen, Matthias Roeper. "Vielleicht war dort die Sehnsucht nach der Monarchie besonders stark", meint der Historiker, der im hessischen Witzenhausen die Kirschenkönigin managt. In Deutschland wurden als erste die Weinköniginnen im Südwesten auf den Thron gehoben, bald folgten die Heideköniginnen im Norden.

Victoria Glaser ist bereits die 67. Heidekönigin von Amelinghausen. Die Fotografin wurde im vergangenen August vor Tausenden Besuchern gekrönt. "Das war ein Lebenstraum von mir", erzählt die 23-Jährige. Als kleines Mädchen habe sie die Heideköniginnen bewundert und stets den Festumzug verfolgt - "schon im Kinderwagen". Nach gut 50 königlichen Auftritten hat sich bei Victoria noch keine Ernüchterung eingestellt. "Man bekommt so viel zurück", schwärmt sie. So hätten bei Besuchen in Seniorenheimen die Bewohner leuchtende Augen. Mit Blütenkrone, Brautkleid und Samtumhang schlüpft Victoria Glaser in eine andere Rolle, sie fühlt sich schön und steht - anders als privat - gern im Mittelpunkt. Während mancherorts Kandidatinnen verzweifelt gesucht werden, gibt es für das Amt der Heidekönigin in Amelinghausen immer genügend Bewerberinnen. Vielleicht liegt das daran, dass es mit der Schauspielerin Jenny Elvers eine prominente Ex-Königin gibt.

Für den Regensburger Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder spiegelt sich in den Produktköniginnen die Sehnsucht nach Landleben, nach heiler Welt in der digitalen Gesellschaft. "In der alten bäuerlichen Welt waren solche Figuren Ausdruck sozialer Hierarchien, heute sind sie Teil der Marketing- und Eventkultur und eine optische Dekoration."

Am kommenden Montag wird Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sich voraussichtlich mit 34 Majestäten aus allen Landesteilen schmücken. Beim Königinnen-Empfang der Landesregierung wachse die Zahl der Teilnehmerinnen ständig, teilt die Staatskanzlei in Hannover stolz mit. Mit dem Kartoffelkönig Neuenkirchen hat sich sogar ein männlicher Regent angekündigt.

Das Marketing mit Königinnen ist aus Expertensicht aber kein Selbstläufer. "Weinköniginnen haben eine lange Tradition. Eine Kartoffelkönigin klingt für einen Außenstehenden dagegen eher belustigend oder gar lächerlich", meint Torsten Kirstges, Professor für Tourismuswirtschaft an der Jade Hochschule Wilhelmshaven. "Je kleiner das Dorf, desto schwieriger wird es, eine geeignete Repräsentantin zu finden", sagt der Wissenschaftler. "Es ist ja auch nicht "Germany's Next Topmodel" oder "Superstar"."

dpa


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