Navigation:
BÜRGER GEGEN NEONAZIS: In Bad Nenndorf 
gehen Demokraten zum siebenten Mal in Folge
 gegen Rechtsextreme auf die Straßen.

BÜRGER GEGEN NEONAZIS: In Bad Nenndorf
gehen Demokraten zum siebenten Mal in Folge
gegen Rechtsextreme auf die Straßen.© Dpa

|
Aufmarsch

Neonazis rüsten sich für Bad Nenndorf

Auch dieses Jahr wollen Neonazis wieder in Bad Nenndorf marschieren. Was erneut ein breites Bürgerbündnis auf den Plan bringt – Politiker und Gewerkschafter, Kirchenvertreter und ganz normale Bürger. Die werden ihrerseits jetzt schon von Rechtsextremen drangsaliert. Und es gibt Gerüchte über eine Zusammenarbeit von deutschen mit US-amerikanischen Rechtsextremen.

Bad Nenndorf. Ein donnernder Schlag, das Klirren von brechendem Glas, Gepolter - diese Geräusche rissen Montagmorgen um 1.55 Uhr Anna L. (Name geändert) aus dem Schlaf. „Ich habe gedacht, meine Haustür sei weggesprengt worden“, erzählt die 47-Jährige. Aber wie kommt man bloß auf die Idee, dass Szenen wie aus einem Krimi im beschaulichen Deister-Sünteltal passieren? Weil in Bad Nenndorf inzwischen im siebenten Jahr Neonazis aus ganz Deutschland aufmarschieren. Viele kennen Anna L., die sich mit der Initiative „Bad Nenndorf ist bunt“ gegen die Rechtsradikalen stellt.

Anders als in den Vorjahren schrecken die Nazis auch schon im Vorfeld nicht vor Gewalt zurück. Vor einem Monat beschmierten sie das Jugendzentrum und den Jüdischen Gedenkstein mit Hakenkreuzen, SS-Runen und der Zahl 88. Die 8 steht für das H, den achten Buchstaben des Alphabets. Die Botschaft heißt „Heil Hitler“.

All das fand auch Anna L. bereits vor vier Wochen auf ihrer Tür. Als sie da die Polizei anrief, war ihr klar: „Das ist noch lange nicht zu Ende. Das geht erst richtig los.“ Anders, als sie gestern im ersten Schreck gedacht hatte, war die Haustür noch ganz. Aber Unbekannte hatten einen kiloschweren Stein durchs Schlafzimmerfenster geworfen. „Der war so groß, dass ich ihn mit zwei Händen hätte heben müssen.“ Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ihr Bett unter dem Fenster gestanden hätte.

In der Nähe des Tatortes waren zuvor Rechtsextremisten gesehen worden. Die Polizei in Bad Nenndorf hat den Staatsschutz eingeschaltet. Sie ermittelt wegen Sachbeschädigung. Auf die Frage der NP, ob der Stein nach möglichen DNA-Spuren untersucht werde, zeigte sich ein Kripo-Mann erstaunt: „Das ist bei Sachbeschädigungen nicht üblich.“

Anna L. lässt sich trotz des gefährlichen Vorfalls nicht beirren im Kampf gegen die Neonazis. Doch ihre Tochter hat sie vorsichtshalber bei Verwandten untergebracht; mit ihrem Mann werde sie aber wahrscheinlich bis zum Samstag abwechselnd Nachtwache halten.

Denn an dem Tag heißt es wieder „Bunt gegen Braun“ in Bad Nenndorf - auch zum siebenten Mal. Neonazis haben das Wincklerbad, einst geheimes Verhörzentrum des britischen militärischen Geheimdienstes, zu ihrer Kultstätte gemacht. In Internetforen betreiben sie Geschichtsfälschung. Sie bezeichnen den Ort als „britisches Folterlager“. Der mehrfach vorbestrafte Neonazi Thomas „Steiner“ Wulff behauptet, gerade Bad Nenndorf mache deutlich, „dass unser Volk mit Ende des Krieges keinesfalls befreit wurde, sondern seit Mai 1945 eine Zeit der Entrechtung und der Unfreiheit begann“.

Diesem wirren braunen Gedankengut setzt ein breites Bündnis Kundgebungen, Feiern und Partys entgegen. Gabriela Mielke von der Polizeiinspektion Schaumburg-Nienburg rechnet mit mehr Teilnehmern von rechts als im Vorjahr (damals waren es 580), aber auch mit mehr fröhlicher und bunter Gegenwehr. Weil nicht ausgeschlossen werden kann, dass auch die autonome und vielleicht gewaltbereite Linke sich am Sonnabend Bad Nenndorf zum Ziel setzt, werden Polizei-Hundertschaften aus mehreren Bundesländern dort im Einsatz sein. „Wir stehen für eine weltoffene, demokratische und solidarische Gesellschaft“ - unter diesem Motto rufen die Nazigegner zu friedlichem Protest auf.

Zur Kundgebung, die um zwölf Uhr am Jüdischen Mahnmal an der Kurhausstraße beginnt, werden neben örtlichen Politikern auch Jürgen Trittin, Fraktionschef der Grünen im Bundestag, und der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy sprechen, der Vorsitzender des Untersuchungsausschusses zur Zwickauer Terrorzelle NSU ist.

Bad Nenndorf drohe zu einem landesweit und bundesweit zentralen Aufmarschort zu werden, befürchten viele Bürger der Stadt. Polizeisprecherin Gabriela Mielke versteht die Besorgnis. Angemeldet sei der jährliche Schweigemarsch bis zum Jahr 2030, sagte sie der NP.

Inzwischen zofft sich die rechte Szene allerdings über die Frage, ob es ein „Trauermarsch“ oder ein „Marsch der Ehre“, wie Thomas Wulff ihn bevorzugt, sein soll. Sie ließen sich von einem „Herrn Wulff“ nichts vorschreiben, giftete eine Gruppe „Westfalen Nord“ in einem Schreiben an die Initiative „Bad Nenndorf ist bunt“. „Die Nerven liegen blank bei den Neonazis“, sagt Steffen Holz, Regionssekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB, der seit Jahren mit die Gegendemonstrationen organisiert. Und der weiß, dass die Rechten im Anschluss an den „Trauermarsch“ gern grölend an einem anderen Ort Stimmung zu machen versuchen. Im Vorjahr war es Bielefeld, diesmal soll es Hannover sein. Für 19 Uhr hat der Rechtsextremist Dieter Riefling aus Hildesheim eine Demonstration durch die City angemeldet. Wie und ob sie erlaubt wird, entscheidet die Polizei heute.


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Problemfans sollen Aufenthaltsverbote bekommen - richtig oder falsch?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie