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Aushängeschild des „Musiklandes Niedersachsen“, bald vielleicht vorbei: Ein Erlassentwurf des Kultusministeriums behindert Bläserklassen wie diese an der KGS Hemmingen.

Aushängeschild des „Musiklandes Niedersachsen“, bald vielleicht vorbei: Ein Erlassentwurf des Kultusministeriums behindert Bläserklassen wie diese an der KGS Hemmingen.© Uwe Dillenberg

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Bildungspolitik

Kürzung des Musikunterrichts entrüstet Lehrer, Schüler und Eltern

„Das Musikland ist massiv gefährdet“: Die Kürzung des Musikunterrichts an Haupt- und Realschulen entrüstet Lehrer, Schüler und Eltern in Niedersachsen.

Niedersachsen nennt sich „Musikland“, ein Bundesland also, das sich der musikalischen Bildung verschrieben hat. Mit einem „Zehn-Punkte-Plan“ hat Ministerpräsident Christian Wulff die Entwicklung des Musiklandes Niedersachsen 2005 sogar zur Chefsache erklärt. „Fächer wie Kunst und Musik sind für eine ganzheitliche Entwicklung extrem wichtig“, sagte er damals. Die musikalische Förderung von Haupt- und Realschülern scheint der Landesregierung jetzt aber nicht mehr am Herzen zu liegen. So jedenfalls interpretieren Kritiker den neuen Erlass-entwurf des Kultusministeriums für den Unterricht an Haupt- und Realschulen. Er sieht drastische Kürzungen des Musik- und Kunstunterrichts ab der 7. Klasse zugunsten von Fächern wie Arbeit, Wirtschaft oder Technik vor.

Dieser Plan hat bei Oppositionspolitikern, Musikexperten und an Schulen eine Flut von Protesten ausgelöst. Realschulen haben ihre Bedenken in Eingaben an das Kultusministerium formuliert. Fachmoderatoren in den Fächern Kunst und Musik an den Gesamtschulen haben ebenso protestiert wie der Landesmusikrat, die Musikhochschule Hannover oder der Verband der Schulmusiker. Sogar der Präsident der Föderation musikpädagogischer Verbände Deutschlands, Christian Rolle, hat sich an Kultusministerin Heister-Neumann (CDU) gewandt: Er könne nicht glauben, dass schulpädagogisch verantwortungsvoll agierende Experten den Stundenumfang im musisch-kulturellen Bereich ernsthaft derartig kürzen wollten, heißt es in seinem Brief.

Der Erlass torpediere die Grundidee des „Musiklandes Niedersachsen“, musikalische Bildung quer durch alle Bevölkerungsschichten zu fördern, sagt der Präsident des Landesmusikrates, Karl-Jürgen Kemmelmeyer. Niedersachsen sei in Sachen Musik bundesweit tonangebend und habe allein mit dem Aktionsprogramm „Hauptsache: Musik“ in fünf Jahren um die 30.000 Kindern „ans Instrument gebracht“. Erst im Februar habe der Landtag beschlossen, das Musikland weiter zu stärken. Dazu habe das Kultusministerium mit der Niedersächsischen Sparkassenstiftung gerade ein Förderprogramm über 50.000 Euro für Bläserklassen an Hauptschulen initiiert. Diese Arbeit werde massiv gefährdet, weil die Ansprechpartner in Schulen gerade für Kinder aus bildungsfernen Schichten ab Klasse 7 wegfielen: „Der Erlass steht quer zur niedersächsischen Kulturpolitik.“

Auch die Liste der Bedenken der Musikpädagogen ist lang. Auf dem Land sei die Schule oft der einzige Ort für musikalische Bildung, sagt Johanna Trumann, Fachleiterin Musik an der KGS Bad Bevensen. 2000 Schüler hätten allein an ihrer Schule seit 1998 Bläserklassen absolviert, wo Kinder ohne Vorbildung im Unterricht ein Instrument erlernen. Viele machten in höheren Klassen weiter, manche wollten später auf ein Gymnasium wechseln: „Man weiß aber gar nicht, wie das bei so wenig Musikunterricht künftig mit der Durchlässigkeit der Schulen ist.“ Teamfähigkeit, Konzentration, Pünktlichkeit, all das, was Arbeitgeber heutzutage an Lehrstellenanwärtern bemängeln, werde beim gemeinsamen Musizieren gelernt, sagt der Fachbereichsleiter Musisch-kulturelle Bildung der KGS Hemmingen, Hans-Olaf Meyer-Grotjahn. Dort wurde 1996 die erste Bläserklasse Niedersachsens initiiert. Am Tag der offenen Tür kann man solche Qualitäten von Musik eindrucksvoll erleben. Musikklassen, eine „Bläserprofilgruppe“ der Klasse 7, die Bigband und sogar ein Orchester sind dort zu hören: mit Disko-Nummern wie „What a feeling“ von Irene Cara oder Klassikern wie einer „Musette“ von Bach. Dass solche Angebote für Realschüler künftig wegfallen könnten, verstehen die Jugendlichen nicht: „Da werden Musiktalente missachtet, nur weil sie in Mathe schlecht sind“, sagt der 15-jährige Kenneth empört: „Die von Tokio-Hotel waren bestimmt auch nicht auf dem Gymnasium.“

In der Chorklasse 9c an der Gunzelin-Realschule in Peine, einer der ersten Realschul-Chorklassen in Niedersachsen, proben die Schüler gerade eine freie Bearbeitung von Alban Bergs „Wozzeck“. Eine Szenenfolge aus dem Libretto haben sie mit Songs wie „Only Time“ von Enya unterlegt. „Man kann nicht hoch genug einschätzen, wie die Teamfähigkeit und die Persönlichkeit der Kinder durch gemeinsames Singen gefördert werden“, sagt der Fachbereichsleiter Musik, Carsten Heidenreich. Die meisten seiner Schüler bestätigen, dass sie ohne Schule nie Musik gemacht hätten. „Es kann nicht sein, dass das, was Spaß macht, nur Gymnasiasten lernen dürfen“, sagt die 14-jährige Sarina. „Wir stehen schon so unter Druck wegen Beruf und so. Hier kann man das einmal vergessen und einfach singen.“


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