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Umgehung

Celles Fledermaus-Problem

Fledermäuse sind der Grund, dass der Bau der Ortsumgehung in Celle nicht vorankommt. Nun sollen für die nachtaktiven Tiere zwei Brücken gebaut werden - für insgesamt drei Millionen Euro. Nicht die einzige und nicht die teuerste Umweltauflage beim Bau der Straße - die Spielregeln für Straßenbauer haben sich in den vergangenen Jahren massiv verschärft.

Celle. Eigentlich sollten für die Ortsumgehung im Osten von Celle schon längst Bagger und Teermaschinen rollen. Doch vor zwei Jahren stoppte das Oberverwaltungsgericht Lüneburg im Eilverfahren die Verlegung der Bundesstraße 3. Grund: Der Baubeginn könne „zur Folge haben, dass gewichtige, auch europarechtlich geschützte Gemeinwohlbelange des Naturschutzes beeinträchtigt werden“. Das Urteil steht noch aus. Doch inzwischen haben die Planer nachgelegt, jetzt sind unter anderem zwei Brücken für Fledermäuse geplant.

Was sich zunächst etwas befremdlich anhört, ist seit der Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes vor vier Jahren zwingendes Recht. „Die Spielregeln haben sich wahnsinnig verschärft“, sagt Stephan Köhler, Leiter des Umweltmanagements bei der niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau. Galt früher der Grundsatz, negative Folgen sollten vermieden werden, seien unter Umständen aber in Kauf zu nehmen, so ist das heute anders. Köhler: „Wir müssen nachweisen, dass Fledermäuse durch den Autoverkehr nicht zu Schaden kommen.“

Das gilt nicht nur für diese nachtaktiven Jäger. Im Anhang IV der Flora-Fauna-Habitat-(FFH-)Richtlinie sind 134 Tier- und Pflanzenarten aufgeführt, die in Deutschland streng geschützt sind. Alle müssen die Straßenplaner „intensiv erfassen und sicherstellen, dass sie nicht zu Schaden kommen oder ihr Lebensraum beeinträchtigt wird“, erläutert Köhler. Und zwar vor Baubeginn. Nicht alle Tiere sind dabei so unproblematisch wie die Feldhamster, die wie bei der Ortsumgehung Hemmingen eingefangen und umgesiedelt werden können.

Beispiel Celle: „Wir haben elf verschiedene Fledermausarten festgestellt. Alle haben ein unterschiedliches Jagdverhalten“, berichtet Bernd-Wilhelm Winkelmann, der Projektleiter für die Ortsumgehung. Da ist der Große Abendsegler: „Er fliegt in großer Höhe und kommt mit Autos nicht in Konflikt.“ Auch die Wasserfledermaus stellt keine erhöhten Anforderungen an die Straßenbauer. Sie fliegt sehr nah über der Wasseroberfläche und würde die notwendige Brücke über die Aller problemlos unterfliegen.

Die meisten Fledermäuse im Bereich der Celler Ostumgehung aber sind sogenannte strukturgebundene Arten. Winkelmann: „Sie fliegen an Büschen entlang, und wenn die Bepflanzung aufhört, senken sie ihren Flug ab.“ Damit würden sie automatisch in den Autoverkehr geraten. Damit das nicht passiert, sind nun in ihren Flugschneisen zwei Brücken geplant: neun Meter breit und bepflanzt. Menschen sind hier unerwünscht. Rampen für Fußgänger oder Radler wird es nicht geben. Daneben wird auch eine Brücke für Landwirte so verbreitert, dass sie von den Fledermäusen genutzt werden kann.

Um die Tiere sicher zu diesen Überflugschneisen zu leiten, wird auch das Vorfeld der Brücken bepflanzt. Und da die Sträucher bei Inbetriebnahme der Umgehung möglicherweise noch nicht hoch genug sind, werden zusätzlich Zäune am Brücken- und Straßenrand gezogen. Winkelmann: „Das kann man sich vorstellen wie Windschutzzäune.“ Es ist eine Wissenschaft für sich. Eine von Sachsen erarbeitete „Arbeitshilfe“ zur „Planung und Gestaltung von Querungshilfen für Fledermäuse“ umfasst stolze 116 Seiten. Rund drei Millionen Euro kostet der Fledermausschutz in Celle. „Der gesamte Ökoaufwand ist wesentlich höher“, sagt Winkelmann. Denn wo immer Bäume gefällt oder biologisch bedeutende Wiesen überbaut werden sollen, muss - „bevor wir etwas zerstören“ - an anderer Stelle Ersatz geschaffen werden: zum Beispiel Horstbäume für Störche oder Feuchtwiesen, in denen sie ihre Nahrung finden. Da Fledermäuse einige Bäume, die später der Straße weichen sollen, als Schlafplatz nutzen, „haben wir vorsorglich im Vorfeld Fledermauskästen aufgehängt“, berichtet der Projektleiter.

Nicht nur Winkelmann hat aus dem gerichtlichen Baustopp gelernt. „Wir haben eigentlich kein Neubauvorhaben, das nicht vor Gericht geht“, erzählt Umweltmanager Köhler. Damit Ökoklagen die aufwendigen Bauprojekte nicht kippen, wird Artenschutz in der Straßenbaubehörde inzwischen intensiver diskutiert als in manchen Naturschutzkreisen. Regelmäßig werden Biologen beauftragt. Köhler: „Wir sind nur noch in Forschungsvorhaben unterwegs.“

In Celle prüften die Planer unter anderem, ob der Schatten, den die 450 Meter lange Straßenbrücke über die Aller werfen wird, die Fische im Fluss so stören kann, dass sie nicht unter dem Bauwerk hindurchschwimmen.

Muss die Brücke für die Fische beleuchtet werden? „Wir haben es untersucht“, sagt Projektleiter Winkelmann, „wir brauchen es in diesem Falle nicht.“

Diese elf Fledermausarten wurden im Celler Osten entdeckt: Bartfledermaus, Braunes Langohr, Breitflügelfledermaus, Fransenfledermaus, Großer Abendsegler, Graues Langohr, Kleinabendsegler, Mückenfledermaus, Rauhautfledermaus, Wasserfledermaus, Zwergfledermaus


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