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Gastronomie

Betrug an Registrierkassen: Steuerfahnder berichten

Ob beim Bäcker, an der Tankstelle, im Taxi oder im Restaurant: Gewaltige Summen werden täglich in bar bezahlt – und nicht immer ordnungsgemäß versteuert. Edo Diekmann, Experte der niedersächsischen Oberfinanzdirektion (OFD): „Der Betrug in der Barzahlungsbranche hat eine Dimension, die jeden Hoeneß-Fall hinter sich lässt.“ Besonders anfällig ist laut Statistik der niedersächsischen Steuerfahnder die Gastronomie. Elektronische Registrierkassen erleichtern die Schwarzgeldproduktion, nicht nur am Tresen.

Hannover. Am Beispiel eines fiktiven Restaurants führten zwei Steuerfahnder gestern im Finanzministerium in Hannover vor, wie Umsätze plötzlich verschwinden, ohne dass es die Beschäftigten merken. Als Kellner tippten sie Bestellungen in die Kasse und bekamen darüber Bons für Kunden, Tresen und Küche. Doch als die Kasse am Ende mit dem Chefschlüssel angewiesen wurde, das Tagesergebnis auszudrucken, fehlte auf dem sogenannten Tagesendsummenbon fürs Finanzamt der Umsatz des einen Kellners.

Er war einfach auf den Trainingsmodus für Anfänger eingestellt worden. Für die Steuerfahnder nicht feststellbar. Denn die Systeme haben keine Festplatte, sondern nur einen flüchtigen Speicher.
„Nahezu alle Kassen bieten die Möglichkeit, Tagesendsummenbons zu fälschen“, erläuterte Steuerfahnder Martin Thünemann: „Die Kassen werden so verkauft. Es gehört ganz normal zum Verkaufsgespräch dazu, was die Kasse für Möglichkeiten bietet, Steuern zu hinterziehen.“

Die Kassenhändler stünden unter dem Druck der Abnehmer. Wer das nicht anbiete, sei weg vom Fenster. Wenn sie beim Kunden den verlangten Betrug einstellen, würden sie sich mit dem Hinweis retten, diese Kasse könnten sie für das Finanzamt nicht mehr gebrauchen.

Die Tagesbons lassen sich auch manuell manipulieren und mit jedem beliebigen Betrag versehen. OFD-Experte Diekmann: „Es gibt 30 weitere Manipulationsmöglichkeiten, die in jede Kasse eingebaut sind.“
Aber auch Betrug lässt sich noch steigern. Die Fahnder: „Wenn Sie eine PC-Kasse kaufen, bekommen Sie noch einen USB-Stick dazu.“ Wird er angeschlossen, erscheint auf dem Bildschirm zum Beispiel ein Schachspiel. Reine Tarnung: Wird ein bestimmter Spielzug eingeben, öffnet sich eine Manipulationssoftware, Zapper genannt. Dort können Chefs einen Prozentsatz eingeben, um den die Erlöse per Zufallsgenerator gekürzt werden.

Fazit der Fahnder: „Manipulationen sind einfach und spurlos möglich. Es gibt einen regelrechten Wettbewerb am Markt: Wer hat die sicherste Manipulation.“

Der Betrug an der Kasse ist auch dem niedersächsischen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) bekannt. „Wir wissen das, weil es im Großraum Hannover einen entsprechenden Fall gegeben hat“, sagt Hauptgeschäftsführer Rainer Balke: „Der Vertriebspartner eines Kassenherstellers hat das gleich so verkauft und ist aufgeflogen.“ Seine Kunden bekamen Besuch von den Fahndern. Gegen knapp 20 Restaurantbetreiber und Kneipenwirte wurde Ende 2011 ermittelt.
Balke: „Das hat für ein Rauschen im Gewerbe gesorgt. Spätestens da musste jedem im Gewerbe klar sein, du entkommst der Steuer nicht.“ Aber dem Verbandschef ist klar: „Es gibt schwarze Schafe, die so weitergemacht haben.“ Aber: „Nach unserem Kenntnisstand sind das unbelehrbare Einzeltäter.“

Wer erwischt wird, ist oft ruiniert. Fahnder Thünemann: „Steuernachforderungen haben in der Regel eine existenzvernichtende Größe.“ In besonders schweren Fällen seien zudem Haftstrafen möglich. Doch das Risiko, entdeckt zu werden, ist relativ gering. Im Schnitt wird ein Betrieb in Niedersachsen nur alle 30 Jahre vom Finanzamt geprüft.

Noch müssen die Finanzämter die Tagesbons akzeptieren. Das Problem: „Keine Zahl auf diesen Belegen ist für Prüfer authentisch“, so Diekmann: „Selbst der steuerehrliche Unternehmer könnte mit diesen Kassen nicht beweisen, dass er nicht hinterzieht.“ Ab 2017 sind Kassen vorgeschrieben, die alle Eingaben dokumentieren und zehn Jahre lang speichern.

Für Balke gibt es dann „den gläsernen Kassenbetreiber“. Die Fahnder wollen zusätzlich technische Vorkehrungen gegen Manipulationen, eine Art Blackbox für die Umsatzprotokolle. Auch der Dehoga-Chef sagt: „Den Fälschungen muss kompromisslos Einhalt geboten werden.“ Aber: „Wir halten nichts davon, noch weitere kostenträchtige Zusatzgeräte anzuschaffen.“

Dirk Racke


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