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© Philipp Schulze dpa/lni

Ernährung

Alles Bio - Geht das in Niedersachsen?

Gesunde Ernährung ist das Trendthema. Doch wer profitiert eigentlich von dem Trend, und wer kann es sich überhaupt leisten, sich gesund zu ernähren und dabei noch den Bauern von nebenan zu unterstützen?

Hannover. Werner Könecke arbeitet für das Projekt Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi). Hierbei setzen sich Landwirte direkt mit den Konsumenten ihrer Lebensmittel zusammen und handeln gemeinsam einen Preis für eine feste Menge von Gemüse, Brot, Fleisch und Milchprodukten aus. Für den monatlichen Betrag können die Menschen die festgelegte Menge dieser Lebensmittel einmal pro Woche in Depots abholen. „Es handelt sich dabei um saisonale und regionale Produkte, die von dem Demeter-Biobauernhof „Gut Adolphshof“ in Hämelerwald (Lehrte) erzeugt werden. „Der Zwischenhändler wird dabei ausgelassen“, erklärt Könecke.

Er arbeitet ehrenamtlich für die SoLaWi der Region. Die Bezeichnung „Demeter“ ist ein Gütesiegel, das einem Landwirt bescheinigt, nach biologisch-dynamischen Prinzipien seine Produkte nachhaltig zu erzeugen. Insgesamt gibt es neun Depots in der Region, bei denen die 190 Mitglieder ihre Lebensmittel abholen können. Am Freitag wird das Essen geliefert. Die meisten holen ihren Anteil direkt am selben Tag ab. Bei der SoLaWi profitieren offenbar alle. Die Landwirte bekommen mehr für ihre Produkte, und die Konsumenten bekommen regionales Essen und ein gutes Gewissen. „Das System ist natürlich nicht fehlerfrei. Der Preis für einen vollwertigen Anteil liegt bei 189,50 Euro im Monat. Das kann sich nicht jeder leisten. Außerdem müssen die Mitglieder ihr Essen selbst abholen. Das ist schon ein zeitlicher Aufwand“, sagt Könecke. Die Kerngruppe sei zwar noch über 50 Jahre alt, zunehmend kämen aber junge Menschen dazu. „Unser Konzept wird schon eher von Gutsituierten angenommen“, räumt Könecke ein. Gerade für kleinere Höfe könnte aber ein solches System eine Lösung sein, sagt er.

Ist „Bio“ also die Lösung – für den Konsumenten und den Landwirt? Nach einem Bericht des Von-Thünen-Instituts von 2013 werden es zwar jährlich immer mehr Bio-Bauern, immerhin 600 Landwirte kehren aber auch zurück zum konventionellen Anbau. Auch der Handel mit Bioprodukten ist um 21 Prozent gestiegen. Der Grund: Importe von Bio-Lebensmitteln aus dem Ausland. Steffen Spöring ist so ein Biobauer, der sich entschieden hat aufzuhören. Dabei war er im Jahr 2004 noch euphorisch gewesen. 364 Euro bekam er pro Hektar in den ersten zwei Jahren, als er auf ökologischen Landbau umstellte: „Neben der Prämie gab es auch persönliche Gründe. Die konventionelle Landwirtschaft wurde so riesig und unpersönlich. Ich habe mich mit meiner Arbeit einfach nicht mehr wohlgefühlt. Man verliert den Bezug zum Einzeltier.“ Bedingt durch die Anforderungen des Handels gingen die Mengen immer steil bergauf: „Vor dem Umbau produzierten wir 8000 bis 9000 Schweine im Jahr.“

Der Umstieg hat sein Blickfeld erweitert. Saisonale Beschäftigung von Mitarbeitern, homöopathische Mittel für die Tiere und die Erweiterung der Landwirtschaft auf andere Bereiche als nur Tierzucht. Obwohl ihm seine Arbeit wieder viel Spaß machte, musste er dem biologischen Arbeiten letztes Jahr den Rücken kehren: „Das fiel mir schon schwer, aber der Markt hat sich stark verändert. Bio ist jetzt überall zu kaufen. Das ist zwar gut für den Verbraucher, bedeutet aber für mich, dass ich meine Mengen wieder hochschrauben musste. Ich habe zwar nach wie vor nach Bio-Kriterien gearbeitet, aber in Kombination mit den Mengen war das Risiko, dass sich die Arbeit auf Dauer nicht rechnen würde, einfach zu groß.“ Die Sorge um seine Familie ging in diesem Fall vor. Mittlerweile produziert er Mais für Biogas. Ein Geschäft, von dem er sehr gut leben kann. Er glaubt, dass ein kompletter Umstieg auf Bio sich für alle lohnen könnte: „Wir haben verlernt, dass Lebensmittel Geld kosten! Dadurch, dass die Kennzeichnung ‚Bio‘ in alle Regale gekommen ist, hat sie an Wert verloren.“ Die Schere zwischen normalen Discountern und Premium-Bio-Supermärkten sei zu groß, fügt er noch hinzu. Laut Spöring entscheidet am Ende immer der Kunde, was im Markt landet.

Jörn Ehlers vom Landvolk Rotenburg-Verden sieht die Zugänglichkeit von Bio-Produkten anders: „Wenn alles Bio wäre, könnten sich das auf Dauer nicht alle leisten. Es gibt ja auch Familien mit vielen Kindern, die nicht so ein hohes Einkommen haben. Was würden die denn dann essen?“ Ehlers ist konventioneller Landwirt: „In der Außensicht gibt es nur zwei Lager: Bio ist gut, und wir anderen sind böse. Bio ist völlig frei von Pestiziden, und alle anderen pumpen das Gemüse voll damit.“ Das würde das Bild verzerren, so Ehlers. Er plädiert für eine Koexistenz der beiden Landwirtschaften. In Niedersachsen werden lediglich 2,8 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche biologisch genutzt. Bundesweit sind es 6,3 Prozent. Von dem ursprünglichen Ziel der Bundesregierung von 20 Prozent ist das noch weit entfernt.

von Jan Heemann


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